Ehrenamt

Flüchtling aus Syrien hilft Ukrainern beim Deutschlernen

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna Kastendieck
Anwar Hamdosch floh 2015 aus Syrien. Jetzt hilft er Geflüchteten aus der Ukraine, wie Anna Makarynez, Deutsch zu lernen.

Anwar Hamdosch floh 2015 aus Syrien. Jetzt hilft er Geflüchteten aus der Ukraine, wie Anna Makarynez, Deutsch zu lernen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Anwar Hamdosch floh 2015 vor dem Krieg und besuchte einen DRK-Sprachkurs. Jetzt unterrichtet er selbst in Eißendorf Geflüchtete.

Hamburg.  Als Dilo Hamdosch drei Jahre alt war, entschied sein Vater, das Land zu verlassen, weil er wollte, dass sein Sohn eines Tages eine Schule besuchen kann, ohne Angst vor Krieg und Terror. Er nahm seinen Sohn, seine Frau und floh vor den Bomben in Syrien. Die Familie sprach kein Wort Deutsch, als sie Ende 2015 Deutschland erreichte. Der Vater, Anwar Hamdosch, studierter Jurist, hatte in Aleppo in einer Anwaltskanzlei gearbeitet.

In der Erstaufnahme in Harburg war er plötzlich einer von vielen, ein Flüchtling ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse und mit ungewisser Zukunft. Anwar Hamdosch hatte vieles in der Heimat zurückgelassen, er hatte vieles verloren, nicht aber seinen starken Willen. Er wollte in Deutschland neu anfangen, für sich, für seine Frau und seinen Sohn. Und damit das gelingen kann, musste er die Deutsch lernen – und zwar schnell. Wenige Wochen nach seiner Ankunft ging er das erste mal zum Deutschkurs des DRK-Kreisverbands Hamburg-Harburg e.V.

Heute, sechs Jahre später, ist Anwar Hamdosch wieder dort. Diesmal steht er auf der anderen Seite. Er hilft als einer von zehn Ehrenamtlichen den Frauen und Männern aus der Ukraine Deutsch zu lernen. Dabei geht es dem 38-Jährigen nicht nur darum, Vokabeln und Formulierungen zu vermitteln. Er möchte den Menschen Mut machen und Hoffnung schenken, ihnen helfen, in Deutschland anzukommen. Er sagt: „Krieg ist schrecklich. Aber Krieg bedeutet nicht das Ende.

Syrer bringt Ukraine-Flüchtlingen jeden Sonnabend Deutsch bei

Jeder von uns hat die Möglichkeit, sein Leben zu gestalten, auch in der Fremde – hier in Deutschland. „Ich weiß, wie die Menschen sich fühlen, weil ich ähnliches durchgemacht habe“, sagt Anwar Hamdosch. „Es hilft ungeheuer, wenn jemand da ist, der sich um einen kümmert und hilft, Sprachbarrieren zu überwinden.

Genau deshalb kommt der Syrer, der längst perfekt Deutsch spricht, jeden Sonnabend zum Deutschkurs in die Eichenhöhe 9 im Stadtteil Eißendorf. Aktuell sind in dem Seniorenheim 90 Menschen aus der Ukraine untergebracht. Eigentlich sollte der Gebäudetrakt saniert werden. Aber als die ersten Flüchtlinge in Harburg ankamen, entschied der Kreisverband Hamburg-Harburg die Zimmer als Unterkunft zu nutzen. Darüber hinaus bietet das DRK in Harburg zahlreiche Hilfsangebote für die Geflüchteten an. „Unsere Ehrenamtlichen machen mit den Kindern Ausflüge, stellen Kleidung und Schuhe zur Verfügung, begleiten die Betroffenen zu Behörden und Ärzten“, sagt DRK-Kreisverbandssprecherin Astrid Heissen. „Darüber hinaus veranstalten wir regelmäßig Deutschkurse.“

Geleitet werden die Kurse von Andreas Kummer und seiner Frau Elisabeth. „Es geht in den Unterrichtseinheiten vor allem darum, die wichtigsten Sätze zu lernen, um sich in Deutschland zurecht zu finden“, sagt Elisabeth Kummer. „Darüber hinaus finden die Menschen hier eine Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und Fragen zu klären.“ Es gehe neben dem Erwerb von Sprachkenntnissen auch darum, Orientierung zu geben, bei Behördenthemen zu helfen oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz zu unterstützen.

Anwar Hamdosch hat die Ausbildung zum Bürokaufmann abgeschlossen

Auch Anwar Hamdosch hat im Kurs Menschen gefunden, die an ihn geglaubt haben, ihn unterstützt und schließlich über viele Jahre hinweg begleitet haben. „Andreas Kummer und seine Frau haben mir geholfen, Praktika zu machen, erst im DRK-Hospiz, dann im Büro des Roten Kreuzes“, sagt er. „Auch später, als es darum ging, einen Ausbildungsplatz zu finden, war ich nicht allein.“

Inzwischen hat Anwar Hamdosch die Ausbildung zum Bürokaufmann abgeschlossen. Er hat einen festen Arbeitsplatz und eine sichere Perspektive in Deutschland. In vier Monaten wird er die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. „Es ist mir wichtig etwas zu geben“, sagt er. „Ich habe hier so vieles bekommen, jetzt möchte ich mich revanchieren. Der Deutschkurs ist eine Möglichkeit für mich, dies zu tun.“

Insgesamt zehn Ehrenamtliche sind derzeit im DRK-Deutschkurs aktiv. Viele von ihnen haben selbst einen Migrationshintergrund, wissen, was es bedeutet, fremd zu sein in einem Land. So wie Oana Delea aus Rumänien, Helen Klemusch-Frank und Svitlana Sirenko aus der Ukraine. „Wir haben in Deutschland ein gutes Leben“, sagt Oana Delea, die in Rumänien Architektur studiert hat und seit sechs Jahren in Deutschland lebt. „Durch unser Ehrenamt können wir etwas zurückgeben und gleichzeitig etwas für die eigenen Integration tun.“

„Wir können helfen, wo Hilfe gebraucht wird“

„Der Deutschkurs des DRK ist ein unverbindliches Angebot“, betont DRK-Sprecherin Astrid Heissen. „Kommen kann jeder – ohne Anmeldung und so oft, wie er möchte.“ Manchmal sind die Kurse voll, manchmal kommen nur ein paar wenige Teilnehmer. An diesem sonnigen Nachmittag im Juni kommt nur eine einzige junge Frau: Anna Makarynez. Sie ist 18, vor vier Wochen aus der Ukraine nach Hamburg gekommen und möchte unbedingt so schnell wie möglich Deutsch lernen. Die junge Ukrainerin leidet an Spinaler Muskelatrophie und sitzt im Rollstuhl. „In meiner Heimat habe ich Jura studiert“, sagt sie. „Hier möchte ich an der Uni weitermachen, vielleicht Geschichte oder Sprachen studieren.“

Aus Sicht der Organisatoren Andreas und Elisabeth Kummer sind die Begegnungen im Deutschkurs ein Gewinn für beide Seiten. „Wir können helfen, wo Hilfe gebraucht wird und kriegen Dankbarkeit und Freundschaft zurück“, sagt Elisabeth Kummer. Und manchmal sogar noch viel mehr. „So haben wir mit Anwars Sohn Dilo ein Enkelkind gewonnen, das wir sonst nie gehabt hätten, da wir keine Kinder haben.“ Die beiden sind stolz auf den kleinen Jungen, der sich in Deutschland so gut eingelebt hat. Der Achtjährige geht in die Grundschule, ist Klassensprecher und engagiert wie sein Vater. „In seine Klasse geht ein Kind, das kaum Deutsch spricht“, sagt dieser. „Dilo hilft ihm. Ich habe ihn gefragt, warum er das tut. Seine Antwort lautete: ’Papa, warum fragst du das? — Du tust so etwas doch auch.’“

Die Ehrenamtlichen der Sozialen Dienste engagieren sich für hilfsbedürftige und notleidende Menschen und tragen so zur Verbesserung ihrer Lebenssituation bei. Dabei sind sie in den Bereichen Kinder, Jugend und Familie, Hospiz, Senioren, Menschen mit Demenz, Flüchtlinge und Bedürftige aktiv.

Mögliche Bereiche für ein ehrenamtliches Engagement sind zum Beispiel: Unterstützung im DRK-Shop „Schwester Henny“, Unterstützung im Harburg-Huus für Obdachlose, Vorlesen in einer Kita oder Hausaufgabenhilfe in einer Grundschule, Beschäftigung mit Kindern im Projekt Kinderteller, Unterstützung von Betreuungsgruppen für Menschen mit (früher) Demenzerkrankung und der Einsatz im Hospiz.

Einsatz für Geflüchtete können ehrenamtlich Engagierte unter anderem leisten in Sprachtandems, Bewerbungstraining, Begleitung sowie Freizeitangeboten und der Ausgabe und Sortierung von Spendenkleidung.

Das DRK bietet seinen Ehrenamtlichen unter anderem Unfall- und Haftpflichtversicherung, einen kostenlosen DRK-Rückholdienst, einen Nachweis über das ehrenamtliche Engagement sowie Einladungen zu Austauschtreffen und besonderen Ehrenamtsveranstaltungen.

Interessenten, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, wenden sich an DRK-Koordinatorin Rosa Schlottau, Telefon 040/766 092 64 oder R.Schlottau@drk-harburg.hamburg

( hk )

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