Einstiges Vorzeigeviertel

Kümmerer für das Phoenix-Viertel dringend gesucht

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Lars Hansen
Sperrmüllablagerungen sind ein Problem im Quartier.

Sperrmüllablagerungen sind ein Problem im Quartier.

Foto: Lars Hansen / xl

Bezirksamt hat Geld für „Quartiersmanagement“ lockergemacht. Fünf Jahre lang gibt's für Viertel-Bewohner Hilfe zur Selbsthilfe.

Harburg.  Das Phoenix-Viertel soll ein Quartiersmanagement bekommen, kommuniziert das Bezirksamt Harburg. Interessenten haben nur wenige Wochen Zeit, ein Konzept zu erarbeiten. Dabei ist es eine komplexe Aufgabe und mindestens so schwierig, wie die Jobs von Herkules und Sisyphus zusammen.

370 mal 330 Meter, 16 Blocks, 9500 Bewohner. Das sind die Eckdaten des Phoenix-Viertels im Herzen von Harburg. Bei seiner Errichtung zwischen 1875 und 1895 war das Phoenix-Viertel ein Vorzeigequartier, richtungsweisend für den Bau von Arbeiterwohnvierteln in der Gründerzeit: Jede Familie hatte eine Wohnung für sich, es gab pro Etage eine wassergespülte Toilette und in jeder Wohnung fließend Wasser. Standards, die heute nicht mehr verlockend sind.

Zwei Sanierungsphasen hat das Phoenix-Viertel hinter sich

Zwei Sanierungsphasen hat das Phoenix-Viertel deshalb auch seit den 1980er Jahren durchlaufen. Sie brachten etwas Veränderung. Ein Vorzeigequartier ist aus dem Phoenix-Viertel trotzdem nicht wieder geworden. Jetzt soll ein Quartiersmanagement die Bewohner, Gewerbetreibenden, Vermieter und sonstigen Interessenträger im Viertel motivieren, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Wer das machen soll, weiß das Bezirksamt noch nicht. Ein Interessenbekundungsverfahren ist ausgeschrieben. Bis zum 27. März können Konzepte für das Projekt eingereicht werden. Es ist für fünf Jahre finanziert.

Das „Quartiersmanagement“ soll im Wesentlichen aus einer Person bestehen, die eine Vier-Tages-Teilzeitstelle – gerne auch weniger – innehat. Mit dem Fünf-Jahres-Gesamt-Etat von 420.168 Euro sollen das Gehalt, Mieten, Sachkosten und externe Honorare abgedeckt werden können. Dafür wartet eine Menge Arbeit auf den Quartiersmanager: „Es soll ein niedrigschwelliges Angebot im Quartier bereitgestellt werden“, heißt es im Ausschreibungstext.

Fünf-Jahres-Gesamt-Etat für das Projekt liegt bei 420.168 Euro

„Die Mitarbeitenden vor Ort sollen die zuletzt eher zurückhaltende Kommunikation der Bewohnerschaft gegenüber Vertretern der Regelsysteme verbessern, Anregungen aufnehmen und in regelmäßigen Abständen mit den zuständigen offiziellen Stellen in Austausch gehen. Darüber hinaus soll das Quartiersmanagement, in enger Kooperation mit dem bestehenden Quartiersbeirat, die vorhandenen Netzwerke stärken, gegebenenfalls erweitern und auf diese Weise eine lebendige Nachbarschaft fördern.“

Der Quartiersbeirat ist noch von der letzten Sanierungsphase übriggeblieben, die 2015 endete. Was er macht und bespricht, ist für Außenstehende nicht ersichtlich. Die Leitung des Beirats hat ein Lehrer der an das Quartier grenzenden Stadtteilschule Maretstraße inne, der sich auf Medienanfragen nicht zurückmeldet. Die letzten öffentlich einsehbaren Protokolle sind fünf Jahre alt. Auch andere offizielle Akteure des Quartiers sind eher schweigsam.

Kommunikation von Akteuren aus dem Viertel ist eher gering

Das Freizeitzentrum Feuervogel, das die offene Kinder- und Jugendarbeit im Viertel betreiben soll, hat auf der Homepage des Trägervereins „InVia“ einen abgespeicherten Flyer von 2015 als einzige Präsenz, ist telefonisch nicht erreichbar und hat als aktuellste Meldung auf den Seiten des übergeordneten gleichnamigen „Bürgerzentrums Feuervogel“ die Mitteilung, dass das Seifenkistenrennen von 2019 auch 2020 nicht stattfindet. Im aktuellen Ferienkursprogramm der Freien und Hansestadt Hamburg findet sich kein Angebot aus dem Phoenix-Viertel.

Nach außen hin macht das Viertel hauptsächlich durch Gewalttaten von sich reden. Die gibt es immer mal wieder, aber sie sind nicht das Hauptproblem. Das Quartier macht an vielen Stellen einen verwahrlosten Eindruck. Gleichzeitig wird das Gefühl der Enge in den Straßenschluchten dadurch verstärkt, dass im Viertel regelmäßig mehr Autos parken, als Parkplätze vorhanden sind. Dass eigentlich alle Straßen im Viertel verkehrsberuhigt und nicht wenige als Spielstraßen angelegt sind, juckt einige Autofahrer wenig.

Viele Kulturkreise schotten sich mittlerweile ab und blieben unter sich

„Das Problem ist nicht, dass wir hier so viele verschiedene Kulturen haben“, sagt Heimo Rademaker, Bewohner und Unternehmer im Viertel, „sondern dass die verschiedenen Kulturkreise sich mittlerweile alle abschotten und unter sich bleiben. Viele erreicht man gar nicht mehr. Das müsste ein Quartiersmanagement angehen. Der letzte Sanierungsbeauftragte hat das gut geschafft.“

Was dem Phoenix-Viertel zunehmend abhanden komme, sei das mittelständische Gewerbe. „Früher hatten die meisten Häuser im Erdgeschoss einen kleinen Laden oder einen Handwerksbetrieb, der sich noch in den Hof ausdehnte“, sagt Rademaker, „aber wenn diese Händler und Handwerker – meist aus Altersgründen – aufgeben, werden die Erdgeschosse oft in Wohnungen umgewandelt. Dabei sorgten diese Betriebe für Leben, soziale Kontrolle und kurze Wege. Das machte auch mal die Lebensqualität hier aus.“

Nicht wenige Hauseigentümer sind nicht mehr in Hamburg ansässig

Auch die Eigentümerstruktur im Viertel habe sich geändert, so Rademaker, der ein Musiklokal in der Lasallestraße betreibt und in der Vergangenheit auch schon die Nachbarschaft zu gelungenen Straßenfesten zusammenholte. Die 16 Blocks kommen auf mehr als 400 Gebäude und fast jedes davon gehört jemand anderem. Alle Besitzer unter einen Hut zu bekommen, war schon immer schwierig, nun aber noch mehr: „Die Zahl der Hausbesitzer, die nicht mehr in Harburg, ja teilweise nicht einmal mehr in Deutschland sitzen, steigt“, sagt Rademaker, „und damit sinken Identifikation und Engagement.“

So mancher Hausbesitzer versucht, seine Gewinne zu maximieren. So genannte „Monteurswohnungen“, in denen Wanderarbeiter zu viert oder noch mehreren in einem Zimmer schlafen, werden immer wieder entdeckt. In den Wohnungen hält es die Leute selten. Es ist zu eng. Sie verbringen die Freizeit vor der Tür auf der Straße, und weil sie nach einem langen, harten Arbeitstag keine gute Laune haben, verbreiten sie auch keine. Über ihre Lage sprechen kann man mit ihnen auch nicht: Kommt es zu einer Anzeige gegen den Wuchervermieter, hat der am Ende immer noch ein Haus im Grundbuch; sie aber keine Bleibe mehr. Sie schweigen.

Stadtreinigung holt jede Woche zwei Kleinlaster Sperrmüll ab

Nicht nur bei den Vermietern gibt es welche, die sich nicht an Recht und Gesetz gebunden fühlen. Sich über Müll auf der Straße zu beschweren, mag manchem als klein kariert erscheinen, aber viele Bewohner des Viertels fühlen sich dadurch beeinträchtigt. Es gibt Ecken, an denen immer wieder Sperrmüll auf der Straße steht. „Die Stadtreinigung holt hier jede Woche zwei Kleinlaster voll aus dem Viertel“, sagt Kari Stof. Er ist Hausmeister für mehrere Gebäude im Quartier.

„Das ist ein Dilemma: Es ist gut, dass der Müll abgeholt wird, aber die, die ihn abstellen, fühlen sich dadurch bestärkt. Wir brauchen hier eine Aufklärungskampagne in ganz vielen Sprachen, damit sich das ändert. Das kann die Stadtreinigung machen oder das neue Quartiersmanagement. Ich komme bei einigen der Mieter nicht durch, weil sie schlicht nicht verstehen, was ich sage oder schreibe.“

Wo Menschen die Regeln nicht verstehen, interpretieren sie sie gern. Am liebsten zu ihren Gunsten. Mittlerweile, so Stof, würden sogar Lieferwagen von außerhalb des Viertels kommen und hier Müll abladen. „Interessanterweise hauptsächlich in Beeteinfassungen von Bäumen“, sagt er. „Und zwar in denen, in denen keine Bodendecker gepflanzt sind. Vielleicht wäre das eine erste Aktion für ein Quartiersmanagement: Alle Bauminseln bepflanzen!“

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