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Harburgs Innenstadt wird für einen Tag zur Kunstmeile

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Lars Hansen
Ulrike Hinrichs vor einem „Kriegskinder“-Bild von Yvonne Lautenschläger.

Ulrike Hinrichs vor einem „Kriegskinder“-Bild von Yvonne Lautenschläger.

Foto: Lars Hansen / xl

18 Künstlerinnen und Künstlerpräsentieren sich an diesem Sonntag – der Eintritt kostet nur drei Euro.

Harburg.  Am Sonntag findet der 18. Harburger Kulturtag statt. Von 12 bis 20 Uhr kann man dann in Harburg von Ausstellung zu Ausstellung gehen, Vorträge und Lesungen hören und wenn man dann noch Zeit hat, sogar einkaufen gehen. Die Ausstellungen sind so vielfältig, wie die Stadt. Die Hausbrucher Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs ist mit gleich zwei Projekten dabei. Die Sammelausstellung „Kriegskinder“ in der Sankt-Johannis-Kirche und die Schaufensterausstellung der Künstlergruppe in der Seniorenresidenz Helmsweg, die man leider nicht besuchen, sondern nur von außen betrachten kann.

Auf den ersten Blick sind die Bilder an der Kirchenwand so unterschiedlich, dass man sie nicht einander zuordnen würde, doch das Thema eint sie: „Kriegskinder“. Dass die Werke so unterschiedlich ausfallen, ist kein Wunder: Die 18 an der Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind sehr bunt gemischt. „Die jüngsten waren 20, die Älteste war 89 Jahre alt“, sagt Projektleiterin Ulrike Hinrichs. „Darunter waren absolute Laien und professionelle Künstler und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Krieg. Die Älteste hatte Bombenangriffe und Naziterror in Harburg erlebt, von den anderen waren einige gerade erst vor einem Krieg nach Deutschland geflohen und einige hatten auch gar keine direkte Kriegserfahrung. Doch auch die nach dem Krieg geborene Generation ist durch ihre Eltern noch kriegsgeprägt.“

Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs betreut eines der Projekte

Ulrike Hinrichs ist Kunsttherapeutin. Sie betont allerdings, dass dies Projekt keine therapeutische Arbeit ist. „Eine wirkliche Therapie würde jetzt erst ansetzen“, sagt sie, „aber auch ohne strukturierte Therapie befreit das Malen blockierte Gefühle und ist deshalb gesund. Das hat auch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation belegt.“

In einer Krise, erklärt Hinrichs, würde das rationale Denken dominieren und wegen der krisenhaften Umstände oft Angst hervorrufen. „Mit dem Malen kann man auf eine Handlungsebene kommen und das Denken ausblenden. Dann ist automatisch Raum für die Gefühle. Und die schlagen sich im Bild nieder. Man hat sich mitgeteilt. Das ist vielen Traumatisierten ein Bedürfnis!“ Die Darstellungsformen reichen in der Ausstellung von sehr abstrakt bis bedrückend realistisch. Vertreten sind auch bekannte Harburger Künstler, wie Ralf Schwinge.

Ralf Schwinge wird gegebene Stichworte spontan in ein Bild übersetzen

Schwinge wird am Kultur-Tag im Kultur-Kiosk an der Blohmstraße sitzen und gegen eine Spende ein gegebenes Stichwort flugs in ein Bild übersetzen – auf Wunsch gibt es ein Gedicht dazu. Gleich nebenan, in der Fischhalle, setzt sich der Fotograf Uwe Hameyer unter dem Titel „Blickwechsel“ mit der maritimen Ästhetik der Harburger Wasserseite auseinander und noch ein paar Schritte weiter lockt in der Kulturwerkstatt ab 12 zunächst der Bücherflohmarkt, ab 15 Uhr eine Ausstellung der Künstlerin Tatiana Adler und ab 17.30 Uhr wird Ivar Lethi Texte von Harry Schmitz lesen.

In den Harburg Arcaden stellt die künstlerische Tischgemeinschaft „Wattenberg Art“ Werke aus und im Kunstverein Harburger Bahnhof gibt es um 15 Uhr eine Kuratorenführung durch die aktuelle Ausstellung des Künstlers Adam Christensen. Im Hinzimmer am Heimfelder Hinzeweg geht es um Wortkunst und Kunstworte; in der Lämmertwiete öffnet die „Künstlerin zu Gast in Harburg“, Mayjia Eisvogel Gille ihr Atelier, die TU Hamburg lädt zur Erklärführung der Foyer-Kunstwerke und die Künstler von „Alles wird schön“ in Heimfeld laden zur Gruppenausstellung.

Gleich zwei Projekte befassen sich mit dem Werk von Carl Ihrke

Das Archäologische Museum lädt in seine Sonderausstellung „Orte jüdischen Lebens in Harburg“ ein und bietet zu jeder vollen Stunde Kurzführungen durch die Dauerausstellung. Hier stellen sich ebenfalls das Harburger Theater und dessen Freundeskreis vor.

Als Bühnenmaler im Harburger Theater hatte einst Carl Ihrke seine Harburger Künstlerlaufbahn begonnen. In der Heimfelder Kunstleihe wird Ihrkes 100. Geburtsjahr gefeiert. Der 1983 verstorbene Künstler hat unter anderem die Fenster des Ratssaals gestaltet und Harburgs Stadtbild auf vielen Holz- und Linolschnitten festgehalten.

Auch die Fenstergestaltung der Johanniskirche ist Ihrkes Werk. Dort, vor dem Altar liegt das Gemeinschaftswerk der an der Ausstellung beteiligten Künstler. „Bereits zum zweiten Treffen der Gruppe hatten wir mit Corona-Einschränkungen zu tun“, sagt Ulrike Hinrichs, „und wir haben überlegt, was diese Krise und ein Krieg gemeinsam haben. Außer dem Unsicherheitsgefühl, dass die gewohnte Welt ins Wanken gerät, ist es die Reaktion des Hortens. Symbolisch war die Klopapierknappheit. Deshalb haben wir mit Papprollen gearbeitet und die einzelnen Werke zu einer Collage zusammengefügt.“

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