Harburg

Sozialkaufhaus staffiert Bräute aus

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Angelika Hillmer
Sie haben noch mehrere Dutzend Brautkleider zu verkaufen (v.l.): Projektleiterin Marianne Sorokowski mit Pire Sümeyra und Cornelia Waalkens.

Sie haben noch mehrere Dutzend Brautkleider zu verkaufen (v.l.): Projektleiterin Marianne Sorokowski mit Pire Sümeyra und Cornelia Waalkens.

Foto: Angelika Hillmer / Hillmer/HA

Das Geschäft fairKauf in Harburg hat im Lockdown 50 Hochzeitskleider gespendet bekommen. Und vieles mehr.

Harburg.  Nach zwei längeren Corona-Pausen herrscht im Harburger Sozialkaufhaus fairKauf am Küchgarten wieder reger Betrieb. „Noch haben wir eingeschränkte Öffnungszeiten“, sagt Projektleiterin Marianne Sorokowski. „Aber wir sind, mit einem entsprechenden Hygiene-Konzept, seit dem Frühjahr wieder am Start. Inzwischen hat auch unser Café wieder geöffnet.“ Neben Kleidung für Frauen und Männer, Möbeln und Haushaltswaren gibt es bei fairKauf ein besonderes Angebot: Fast 50 ungetragene, hochwertige Hochzeitskleider. Ihr Preis lag einst bei rund 2000 Euro. Jetzt sind sie für 100 Euro zu haben.

„Schon zu Beginn des ersten Lockdowns musste eine Ladeninhaberin für Brautmoden schweren Herzens ihr Geschäft aufgeben“, erzählt Sorokowski. „Hochzeiten waren nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Sie wollte, dass ihre Kleider zumindest noch einen guten Zweck erfüllen und schenkte uns 50 hochwertige Kleider mit Zubehör wie Bolero-Jäckchen und ähnlichem. Wir nahmen dankend an und fragten uns: Wie bekommen wir die Bräute zu den Kleidern?“ Schließlich waren große Familienfeiern monatelang nicht möglich und sind bis heute eingeschränkt.

Für die Brautkleider gibt es Termine zur Anprobe außerhalb der Öffnungszeiten

fairKauf fotografierte die guten Stücke, lagerte sie ein und machte einen Katalog. Er liegt im Laden aus. Interessentinnen vereinbaren einen speziellen Termin zur Anprobe. „Änderungen können wir nicht vornehmen“, sagt die Kaufhausleiterin. „Aber die Kleider sind so preiswert, dass noch etwas Geld für eine Änderungsschneiderei übrig sein wird.“ Einige wenige Kleider sind inzwischen verkauft, die meisten warten noch auf ihren großen Auftritt.

Wie andernorts stellte das Virus das vom Verein In Via Hamburg betriebene Sozialkaufhaus vor große Aufgaben. Beim ersten Lockdown waren mehr als 75 Langzeitarbeitslose im Betrieb, die weiterbeschäftigt werden sollten. Einige Näherinnen aus der Textilwerkstatt, die aus unverkäuflichen Kleiderspenden verkäufliche Textilien herstellen, arbeiteten zuhause weiter, beliefert vom Transportteam. Im Kaufhaus und in den Büros wurden Trennwände installiert, Möbel und andere Waren katalogisiert. Sorokowski: „Wir hatten eine Zeit lang ein click-and-buy-System, bei dem die Kunden online bestellt und sich die Sachen am Ladeneingang abgeholt haben.“

Aktuell arbeiten 65 Langzeitarbeitslose in Verkauf, Verwaltung und Werkstätten

Aktuell seien 65 Plätze des Programms zur Reintegration von Langzeitarbeitslosen, umgangssprachlich Ein-Euro-Jobs belegt, sagt die Chefin. Die Menschen haben sogenannte Arbeitsgelegenheiten im Verkauf, in den Holz- und Textilwerkstätten, in der Verwaltung, im Bereich Lager und Transport oder im Café. „Auch während des Lockdowns waren immer Leute hier vor Ort“, sagt Sorokowski. „Wir haben viele Spenden entgegengenommen, denn die Leute haben ausgemistet. Dadurch ist viel Sortierarbeit angefallen, bevor die Sachen ins Lager gingen.“

Inzwischen sind viele von ihnen verkauft. „Als wir geschlossen hatten, standen die Leute hier vor der Tür. Harburg braucht so etwas“, sagt die Projektleiterin. Nach der Pause füllte sich das besondere Kaufhaus wieder, im Rahmen der jeweils geltenden Corona-Regeln. Vor der Pandemie seien täglich 250 bis 300 Menschen zum Einkaufen gekommen, jetzt seien es bereits wieder um die 200.

Kundschaft und Mitarbeiter halten sich vorbildlich an die gültigen Hygieneregeln

Die Kunden würden generell „gut mitmachen“, lobt Sorokowski: „Die Masken sitzen, die Hände werden am Eingang desinfiziert, und jeder hält den nötigen Abstand.“ Das gelte erst recht für die Mitarbeiter; einige von ihnen seien gesundheitlich vorbelastet. „Wir haben hier im Haus viel Aufklärungsarbeit geleistet, für die Leute Impftermine gebucht, sie dort hingefahren und auch gleich den zweiten Termin im Hinterkopf behalten.“ Wer nicht geimpft oder genesen ist, werde regelmäßig getestet. Neben den Langzeitarbeitslosen beschäftigt In Via in Harburg 20 angestellte Mitarbeiter, die gesetzlich zur „Teilhabe am Arbeitsmarkt“ gefördert werden: drei Pädagogen, neun Anleiter im handwerklichen Bereich, zwei Reinigungskräfte.

Dem Sozialkaufhaus ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig. 2016 wurde es deshalb mit dem Harburger Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. In der Möbelwerkstatt werden kleinere Reparaturen ausgeführt. „Wir wollen möglichst wenig wegwerfen. Was nicht verkauft werden kann, versuchen wir umzuarbeiten“, sagt Marianne Sorokowski. Derzeit nähen die Frauen in der Textilwerkstatt unter anderem Kleidersäcke aus alten Tischtüchern und Laken. Sie sollen die üblichen Plastiksäcke ersetzen, in denen gut erhaltene Kleidung zum Sozialkaufhaus transportier wird.

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