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Das erste Tiny House steht jetzt im Museum am Kiekeberg

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Das Quelle-Fertighaus mit gläsernen Schiebetüren im Wohnzimmer war ein Schnäppchen.

Das Quelle-Fertighaus mit gläsernen Schiebetüren im Wohnzimmer war ein Schnäppchen.

Foto: Freilichtmuseum Kiekeberg

Das erste Tiny House kam aus dem Katalog und war in fünf bis zehn Tagen aufgebaut. Warum es jetzt im im Freilichtmuseum steht.

Rosengarten. Wer in den 60er Jahren nur ein zugiges Heim mit Plumpsklo hat, für den war ein Fertighaus aus dem Katalog ein nie gekannter Luxus. Preiswert, blitzschnell aufgebaut und hochmodern wirkt es heute wie ein Vorläufer des Tiny Houses: Das Fertighaus aus dem Quelle- oder Neckermann-Katalog setzte auf Einfachheit und Selbstbeschränkung und machte das Eigenheim massenkompatibel. Denn es war erschwinglich.

Giftgrüne Kacheln im Bad und nur sechs Zentimeter dünne Trennwände – das Fertighaus aus den 60er Jahren wirkt heute ziemlich retro. Jetzt steht es im Freilichtmuseum Kiekeberg. Für junge Familien in der Nachkriegszeit war ein praktischer Bungalow mit Terrasse und kleinem Garten purer Luxus und dazu noch energiesparend. „Ein Quelle-Fertighaus hat einen gewissen Kultstatus. Ein Punkt ist die gute Raumaufteilung, das ist sehr zeitlos“, sagt Stefan Zimmermann, Direktor des Freilichtmuseums am Kiekeberg bei Hamburg. Die aus heutiger Sicht extrem kurze Bauzeit von fünf bis zehn Tagen half den Bauherren kräftig beim Geld sparen.

Tiny House: Revolutionäre Formensprache und Leckagen

Das Revolutionäre an dem fast frei schwebenden Kubus auf Stahlträgern sei die radikale Moderne und Funktionalität gewesen. „Es erinnert fast an die Bauhaus-Formsprache“, meint der Historiker über die kühl wirkenden Häuschen mit den Schiebefenstern im Alu-Rahmen. Es gab damals auch Vorbehalte: Die Architektur sei zu provisorisch, hieß es. Das zunächst konzipierte Flachdach erwies sich als wasserdurchlässig, man besserte deshalb schnell nach und bot die Häuser künftig mit Giebeln an. In Ländern wie den USA und Skandinavien gab es eine längere Tradition von Fertighäusern.

Versandunternehmen wie Quelle und Neckermann versuchten, die Modelle massenkompatibel zu machen und lösten tatsächlich einen Boom aus. Der Quelle-Slogan lautete: „Häuser von heute für die Menschen von morgen.“ In fünf bis zehn Tagen waren sie dank der Fertigteile einzugsbereit. Das Modell der fünfköpfigen Eigentümerfamilie Gröll über 110 Quadratmeter steht nun am Kiekeberg, sein Preis lag Ende der 60er Jahre bei 49.800 Mark (rund 25.000 Euro). Aus Winsen/Luhe wurde ein noch intaktes Exemplar vor zwei Jahren als Ganzes abtransportiert, ins Museum verfrachtet und in akribischer Kleinarbeit originalgetreu eingerichtet.

Ein Erst-Bewohner half beim Einrichten

„Wir wurden damals in die Moderne katapultiert“, sagt der 59-jährige Matthias Gröll, der als Sechsjähriger mit seinen Eltern in das damals hochmoderne "Museumshaus" einzog. „Vorher wohnten wir in einem Fachwerkhaus mit Plumpsklo, Zinkwanne und einem Ofen im Wohnzimmer. Und plötzlich kamen wir in dieses helle Fertighaus als Erstbewohner“, berichtet der Wahl-Hamburger. Dass sein Elternhaus nun mit dem gesamten Nachlass im Museum stehe, sei wie ein Lottogewinn mit Zusatzzahl. Es habe sicher daran gelegen, dass Vater Walter ein Sammler war und Hunderte Bücher in den Regalen standen.

„Familie Gröll ist sehr kunstorientiert“, bestätigt Zimmermann den Eindruck durch viele Drucke, Zeichnungen und Alltagskunst an den Wänden. Anhand von Fotoalben und mit Hilfe der drei Söhne wurden etliche Details rekonstruiert – sogar die Kaba-Dosen (ein Pulver zum Mixen von Schokodrinks) und gesammelten Keramikkrüge in der Küche. „Das ist für uns spannend, denn es spiegelt die 60er bis 70er Jahre wieder“, betont Zimmermann. Die Beatles-Porträts, Ernie und Bert aus der Sesamstraße und ein Plattenspieler im Kinderzimmer erinnern eher an den Lifestyle der jungen Bewohner von einst.

Trotz dünner Wände beim Heizen ein Energiesparwunder

„Als ich die Beatles gesehen habe, habe ich mich an die Jugendzeit in den 60ern erinnert“, sagt die 52 Jahre alte Hamburgerin Gisela Fuchshofen nach einem Rundgang. Und Joachim Paulsen aus Lüneburg erzählt, dass so ein Fertigbau für seine Eltern „der Knaller“ gewesen sei: „Wir hatten ein Neckermann-Haus und haben auf einmal nur noch die Hälfte an Heizöl verbraucht.“ Dabei sind die Außenwände nur 10,5 Zentimeter dick und nicht gemauert.

Und es gibt noch andere Parallelen zur heutigen Zeit: „Damals war die Situation im Umland von Hamburg ähnlich. Die Familien sind aufs Land gezogen, der Baudruck war hoch“, sagt Zimmermann. „Die Fertighaus-Architektur ist schon fast wieder im Kommen.“

Tiny House am Kiekeberg: Bund fördert Projekt mit Millionen

Das Fertighaus gehört zu einer Gruppe von Häusern, die an die frühen Jahre der Bundesrepublik von 1949 bis 1979 erinnert. Das Freilichtmuseum in Rosengarten im Landkreis Harburg nennt sein Projekt „Königsberger Straße“. Ein original erhaltenes Flüchtlingshaus von 1955 aus der Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg gehört auch dazu, ebenso eine "Gasolin-Tankestelle von 1956 mit Pilzsäule für das Flugdach und einem nahezu vollständig verglasten tankwartraum.

Die Häuser werden derzeit noch eingerichtet. Im Entstehen ist auch eine typische Ladenzeile. Insgesamt will das Museum fünf historische Gebäude wieder auf- oder nachbauen und originalgetreu einrichten, um im Innern der Häuser die Wohn- und Arbeitssituationen von damals zu zeigen. Der Bund, das Land Niedersachsen, die Metropolregion Hamburg und andere fördern das Ausstellungsprojekt „Königsberger Straße“, das 6,14 Millionen Euro kosten soll.

( dpa/axö )

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