Nachhaltigkeit

In diesem Harburger Geschäft wird fair gehandelt

| Lesedauer: 6 Minuten
Hanna Kastendieck
Ursula Krautz, Lena Kraus und Jutta Beneke (v.l.) engagieren sich als Verkäuferinnen ehrenamtlich im Weltladen.

Ursula Krautz, Lena Kraus und Jutta Beneke (v.l.) engagieren sich als Verkäuferinnen ehrenamtlich im Weltladen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

In diesem Weltladen gibt es nur Produkte, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen in südlichen Ländern verbessern.

Harburg. Wie sähe eine Welt aus, in der Unternehmen nicht mehr dem Profit, sondern den Menschen und dem Planeten verpflichtet sind?“ Und: „Wie kommen wir dorthin?“ Diese Fragen haben sich Ursula Krautz, Jutta Beneke, Lena Kraus und Wolfgang Kastens schon häufiger gestellt. Und auch, was sie selbst tun können, um eine solche Welt zu schaffen.

Eine Welt, die hoffnungsvoll und gerecht wäre, in der faire Löhne gezahlt würden und es ein Miteinander in Würde und Respekt gäbe. Die vier finden, dass dies eine schöne Vorstellung ist. Ein Ziel, für das es sich zu arbeiten lohnt und zu der jeder seinen Beitrag leisten sollte, als Produzent, Händler oder Konsument.

Harburger Weltladen bietet ausschließlich Produkte aus fairem Handel

Es ist die Idee vom fairen Handel, dem Fair Trade. Das bedeutet, dass Käufer und Hersteller einer Ware fair miteinander umgehen, die Hersteller einen gerechten Preis für ihre Produkte bekommen. Es bedeutet im Umkehrschluss das Ende von Ausbeutung und Armut. Genau dafür setzen sich die vielen ehrenamtlichen vom Weltladen ein. Das Geschäft in der Harburger Höhlertwiete bietet ausschließlich Produkte aus fairem Handel an. In den üppig bestückten Regalen finden sich Kaffee und Kakao, Olivenöl, Gewürze, Reis und Nudeln, Schokolade, Brotaufstriche, Nüsse und Honig. Es gibt Tee, Weine und Likör, Kerzen und Kinderkleidung und Keramik.

„Der Kunde kann genau einsehen, woher die Ware kommt und welchen Weg sie von der Produktionsstätte bis in den Laden genommen hat“, sagt Steffanie Sagenschnier. Die 45-Jährige leitet seit Dezember 2020 das Geschäft. Sie ist Ökotrophologin, Einzelhandelskauffrau und hat viele Jahre als stellvertretende Leiterin einer Bioladen-Kette gearbeitet. „Hier im Weltladen bin ich genau richtig“, sagt sie. „Wenn ich etwas verkaufe, muss ich zu 100 Prozent dahinterstehen. Ich möchte in einem System mitwirken, in dem der Gerechtigkeitsgedanke und die Chancengleichheit an erster Stelle steht – so wie im Weltladen.“

Anfang der 1990er schwappte die Idee vom Fairen Handel nach Harburg. Damals gab es noch kein Ladengeschäft, nur einen kleinen Stand auf dem Wochenmarkt, an welchem ein paar ehrenamtlich Engagierte faire Produkte aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa anboten. 2005 traten die Mitstreiter dem Weltladen-Dachverband bei und mieteten das erste Ladengeschäft an. 2015 zog das Geschäft in die Höhlertwiete um. Auch wenn das Geschäft gut läuft, weiß Steffanie Sagenschnier, dass die Idee vom Fair Trade noch in den Kinderschuhen steckt. Dass es sich um eine Blase handelt, wenn man den Handel global betrachtet. „Fairer Handel ist noch immer ein kleiner Zweig“, sagt sie. „Aber er kann ja wachsen.“

Genau daran glauben die 27 Ehrenamtlichen im Weltladen. „Die Weltläden und der Faire Handel zeigen, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist“, sagt Mitarbeiterin Lena Kraus. „Sie stehen dafür ein, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt.“ Leider sei dies in dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem keine Selbstverständlichkeit. „Fairer Handel bedeutet für mich das Recht auf Selbstbestimmung und Würde“, sagt Kollegin Jutta Beneke. „Es ist mir wichtig, dass es nicht nur uns gut geht, sondern auch den anderen.“ Schließlich hänge alles zusammen. Ausbeutung und Abwanderung, fehlende Bildung und Armut.

"Fairer Handel zielt darauf ab, möglichst klimaschonend zu wirtschaften"

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, etwas zu tun für eine Welt von morgen, die gerechter und nachhaltig ist, darum geht es den Engagierten. „Fairer Handel zielt darauf ab, möglichst klimaschonend zu wirtschaften, zum Beispiel durch die Förderung des ökologischen Landbaus sowie die Nutzung von erneuerbaren Energien“, sagt Geschäftsführerin Sagenschnier. „Es geht um die faire Nutzung der Ressourcen und natürlich um die Art und Weise wie gewirtschaftet wird und gehandelt wird. Beim Fair Trade geht es auch um demokratische Strukturen und Selbstbestimmung. Der Mensch steht im Mittelpunkt.“

Steffanie Sagenschnier zeigt ein Keramikschälchen aus dem Regal. Hergestellt haben es Frauen aus Thailand unter dem Dach von Sang Arun. „Sang Arun ist Teil des fairen Handels“, sagt die Geschäftsführerin. „Beschäftigt werden überwiegend Frauen, die mindestens 18 Jahre alt sind. Sie werden pro Arbeitstag und pro Stück bezahlt. Zudem bezahlt das Unternehmen die komplette Einkommenssteuer und die Sozialversicherung. Die Mitarbeiterinnen haben auf diese Weise ein sicheres Familieneinkommen, dass ihnen einen höheren Lebensstandard und eine bessere Schulbildung der Kinder ermöglicht.“

Wie wichtig es ist, die Welt gerechter und die Arbeitsbedingungen menschenwürdiger zu machen, weiß auch Weltladen-Mitarbeiter Wolfgang Kastens. Der 72 Jahre alte Tischler und Lehrer hat viele Jahre lang in Mosambik, Kapverden und Brasilien gearbeitet. Er hat Werkstätten mit aufgebaut und Lehrende fortgebildet. Jetzt nutzt er die Zeit, um unter dem Dach des Weltladens Kinder, Jugendliche und Erwachsene von seinen Erfahrungen zu berichten. Er organisiert öffentliche Veranstaltungen, hält Vorträge, kommt mit den Menschen auf der Straße und im Laden ins Gespräch. Denn auch darum geht es bei der Weltladen-Idee: aufzuklären und vor Ort Bildungsarbeit zu leisten.

Möglichst viele Menschen will Wolfgang Kastens von der Notwendigkeit fairen Handels überzeugen, durch kritische Fragen zum Nach- und Umdenken bringen und ihnen Handlungsalternativen aufzeigen. „Viele wissen gar nicht, worum es beim fairen Handel überhaupt geht“, sagt er. „Und dass sie selbst mit einem bewussten Einkauf etwas dazu beitragen können, dass die Welt ein kleines bisschen gerechter wird.“

Zur Entstehung der Weltläden

  • Die ersten Weltläden wurden Anfang der 1970 Jahre in Deutschland gegründet.
  • Hinter der Idee standen vor allem junge Menschen, die in mehreren Ländern gegen eine wachsende Ungerechtigkeit im Welthandel demonstrierten. Sie wollten die Welt zum Positiven verändern und gründeten die „Aktion Dritte Welt Handel.“
  • 1973 entstand der bundesweit erste „Dritte Welt Laden“ in Stuttgart. Die Zahl der Weltläden wuchs schnell. Heute sind es bundesweit 942.
  • Weltläden in der Nähe sowie weitere Infos zur Weltladen-Idee gibt es im Internet unter www.weltladen.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg