Schuleingangsuntersuchungen

So wenige Erstklässler werden vor dem Schulstart untersucht

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Hansen
Bei der Schuluntersuchung werden Sprachfähigkeit, Wahrnehmung und motorische Fähigkeiten untersucht.

Bei der Schuluntersuchung werden Sprachfähigkeit, Wahrnehmung und motorische Fähigkeiten untersucht.

Foto: KREIMEIER, Detlev / WAZ FotoPool

In einem Hamburger Bezirk ist die Situation besonders erschreckend. Politik ist aufgeschreckt und fordert Abhilfe und Aufklärung.

Harburg. Die geringe Zahl der Schuleingangsuntersuchungen im Bezirk Harburg hat die Harburger Politik aufgeschreckt. Gleich zwei Fraktionen der Bezirksversammlung fordern in nahezu gleichlautenden Anträgen Aufklärung und Abhilfe.

„Letztlich glaube ich auch, dass sich alle Fraktionen darüber einig sind, dass diese Situation sich ändern muss“, sagt Peter Bartels (SPD), Vorsitzender des Harburger Sozialausschusses. Bartels‘ Partei, gehört auch zu den beiden, die Anträge dazu verfasst haben. Die andere ist die Fraktion der Linken. Deren Bürgerschaftsfraktion war es auch, die mit einer kleinen Anfrage an den Senat die Problematik erst deutlich gemacht hatte.

Personal für die Bekämpfung der Corona-Pandemie abgestellt

In Hamburg ist die Untersuchungsquote im Untersuchungsjahr 2020/21 auf etwa 45 Prozent gesunken. Das geht aus einer Senatsantwort hervor. Allerdings stellt sich dies in den einzelnen Bezirken sehr unterschiedlich dar. Harburg ist mit 13 Prozent das Schlusslicht. Grund für den allgemeinen Rückgang ist die Coronapandemie: Alle bezirklichen Gesundheitsämter haben zu Anfang der Pandemie Personal aus dem Schulärztlichen Dienst für die Pandemiebekämpfung abgestellt. In Harburg war dies besonders lange der Fall.

In Harburg kommt auch noch hinzu, dass der Schulärztliche Dienst ohnehin unterbesetzt ist und dass das Harburger Gesundheitsamt in den vergangenen Monaten eine hohe Personalfluktuation hatte. Diese war so auffallend, dass sich Sozialdezernentin Anke Jobmann bei einer Online-Sitzung des Hauptausschusses der Bezirksversammlung im Frühjahr sogar genötigt fühlte, eine anonyme Mitarbeiterinnen-Email vorzulesen. Darin wurde betont, wie angenehm das Arbeitsklima im Gesundheitsamt sei. Zuvor und danach hatte es anonyme Beschwerden und offene Briefe aus dem Gesundheitsamt gegeben, in denen ein Klima des Misstrauens und der Kontrolle beklagt wurden.

Simon Dhemija, Linken-Bezirksabgeordneter und Bildungspolitik-Experte seiner Fraktion möchte das Argument mit der Corona-Abstellung nicht gelten lassen: „Auch wenn die Corona-Pandemie viel neue Arbeit im Bezirk bedeutet, darf das nicht dazu führen, dass die Bildungschancen der Kinder darunter leiden“, sagt er. „Diese geringe Untersuchungsquote ist mehr als fahrlässig, denn so bleiben Probleme vielfach unerkannt und den Kindern wird nicht geholfen. Das sorgt für einen ungleichen Schulstart und ungleiche Bildungschancen. Und trifft dabei oftmals Kinder aus finanziell schwächer gestellten Familien und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.“

Bei der Schuleingangsuntersuchung werden Sprachfähigkeit, Wahrnehmung, motorische Fähigkeiten und Körperkoordination untersucht und bei Auffälligkeiten kann sich der Schulärztliche Dienst gleich mit den Eltern beraten und Hilfe empfehlen.

Nun fallen Probleme erst in den Harburger Schulen auf

Auch die Schulen erhalten so vor der Einschulung Informationen, für welche Kinder sie welche Förderangebote organisieren sollten. Nach Auskunft von Harburger Schulleitern ist es derzeit so, dass die Lehrer im Zweifelsfall Defizite bei ihren Erstklässlern bemerken und dann durch den Schulärztlichen Dienst nachuntersuchen lassen. Diese Untersuchungen finden ausnahmslos und zeitnah statt, aber für die Kinder ist wertvolle Zeit verloren gegangen, in der sie schon hätten gefördert werden können.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank Richter kann sich vorstellen, seinen Antrag mit dem der Linken zusammenzufassen. „Das Thema ist zu wichtig für Parteigrenzen“, sagt er. „Dass andere Bereiche der Gesundheitsvorsorge unter der notwendigen Pandemiebekämpfung leiden, ist verständlich. Aber dass Harburg so stark nach unten abweicht, hat auch mit dem Personalmangel zu tun. Und da wollen wir wissen, wie dem Begegnet werden soll.“

Laut Auskünften des Harburger Bezirksamts ist die Suche nach neuen Mitarbeitern für den Schulärztlichen Dienst auf gutem Weg. Eventuell könnten die Stellen schon in den kommenden Monaten besetzt werden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg