Corona-Folgen

Coaching-Projekt „Starthilfe“ sucht dringend Nachwuchs

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Lars Hansen
Schülercoaching in der Elisabeth-Lange-Shule: Margret Sauer (von links) spricht mit Sabna und Massa über die Bundestagswahlen.

Schülercoaching in der Elisabeth-Lange-Shule: Margret Sauer (von links) spricht mit Sabna und Massa über die Bundestagswahlen.

Foto: Lars Hansen / xl

Nach langem Fernunterricht sind viele Schüler ins Hintertreffen geraten. So können Harburger ihre Erfahrung einbringen.

Harburg. Seit 2010 – damals hieß die Elisabeth-Lange-Schule noch schlicht „Schule Ehestorfer Weg“ – gibt es hier das Projekt „Starthilfe“, bei dem Harburger junge Menschen, die ihre Potenziale nicht so richtig abrufen, bei der Hand nehmen und als Coaches mehrere Jahre begleiten. Die Schule sieht das Projekt, das von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auch an 15 anderen Hamburger Schulen angeboten wird, als großen Erfolg. Es könnte allerdings noch besser laufen.

Denn derzeit werden die Coaches knapp. Das Projekt sucht dringend Nachwuchs. An bedürftigen Jugendlichen mangelt es nicht. Gerade durch die lange Zeit des Fernunterrichts in der Corona-Zeit sind viele Schülerinnen und Schüler ins Hintertreffen geraten, heißt es von der AWO.

Ehrenamtliche unterrichten und erklären deutsche Demokratie

Üblicherweise betreut ein Coach einen Schüler. Dass Massa und Sabna jetzt zu zweit Margret Sauer gegenübersitzen, hat allerdings nichts damit zu tun, dass das „Starthilfe“-Projekt dringend neue Coaches braucht: Die beiden Neuntklässlerinnen aus Syrien und Afghanistan sind unzertrennliche Freundinnen, seit sie sich gefunden haben. Einzeln hätte man sie nicht zum nachmittäglichen Coaching überreden können. Die drei Frauen reden über Politik.

Im Unterricht der beiden jüngeren ist zurzeit natürlich die Bundestagswahl großes Thema. Die Mädchen sind nicht von klein auf mit dem deutschen Parteiensystem oder freien, unabhängigen Wahlen aufgewachsen. So gut sie die deutsche Demokratie auch finden, so viele Fragen haben sie aber auch noch. Margret Sauer bespricht diese Fragen mit den Mädchen zum Teil anhand des Unterrichtsmaterials, das sie mitgebracht haben, zum Teil im persönlichen Gespräch.

„Über den Unterricht zu reden und offene Fragen zu beantworten ist Teil des Coachings“, sagt Sauer, „aber eben nur ein Teil. Im Wesentlichen geht es darum, den Schülerinnen und Schülern Lebenshilfe zu geben. Ein Coach muss deshalb selbst mit beiden Beinen im Leben stehen. Er muss nicht unbedingt einen geradlinigen Lebensweg gehabt haben. Das habe ich auch nicht, und kann deshalb umso mehr weitergeben.“

Coaches helfen auch bei Bewerbungen um Praktika und Lehrstellen

Die Coachings beginnen in der neunten Klasse. Da viele Schülerinnen und Schüler die Stadtteilschule bereits nach der 10. Klasse verlassen und eine Ausbildung beginnen, gehört auch das Betreuen von Bewerbungen um Praktika und Lehrstellen zu den Aufgaben der Coaches – vor allem das Mut machen, denn nicht jede Bewerbung ist gleich erfolgreich. Die 15-jährige Sabna, die erst vor einem Jahr aus Afghanistan kam, möchte noch weiter zur Schule gehen: Sie möchte einmal Ärztin werden. Massa möchte einen anderen Weg gehen und einen Ausbildungsplatz zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin ergattern.

„Die Stunden mit Frau Sauer helfen uns sehr“, sagt Sabna, „denn dadurch bekommen wir noch eine weitere Perspektive auf Fragen und Probleme.“

Direktor der Elisabeth-Lange-Schule spricht von Bildungsgerechtigkeit

Für Tobias Langer, Direktor der Elisabeth-Lange-Schule, haben die Coachings vor allem einen Effekt: „Sie sind ein Stück Bildungsgerechtigkeit“, sagt er. „Nicht alle Jugendlichen haben ein Elternhaus, das in der Lage ist, sie beim Lernen zu unterstützen. Das ist besonders in der Corona-Zeit deutlich geworden, wo sich die Unterschiede verschärft haben. Die Jugendlichen, die in dieser Zeit ins Hintertreffen geraten sind, brauchen jetzt die Chance, die Dinge aufzuholen!“

Schulleiter Langer ist so überzeugt von dem Coaching-Prinzip, dass er sich vorstellen kann, neben dem AWO-Projekt „Starthilfe“ auch ein eigenes Coachingprojekt zu initiieren, das niedrigschwelliger sein soll. „Dabei geht es darum, Jugendliche zum Lesen anzuregen und sie ans Lesen heranzuführen“, sagt der Schulleiter, „denn diese wichtige Kompetenz geht immer weiter verloren.“

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