Fund in Stove

Gefundener Knochen könnte von einem Jugendlichen stammen

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Angelika Hillmer
Jochen Brandt, Archäologe des Landkreises Harburg, lehnt in der Dauerausstellung des Archäologischen Museums auf einer Vitrine mit historischen Schwertern. Die vorderen, grünlich gefärbten Exemplare stammen aus der Bronzezeit. 

Jochen Brandt, Archäologe des Landkreises Harburg, lehnt in der Dauerausstellung des Archäologischen Museums auf einer Vitrine mit historischen Schwertern. Die vorderen, grünlich gefärbten Exemplare stammen aus der Bronzezeit. 

Foto: Angelika Hillmer / Hillmer/HA

Kleine Sensation: Der am Stover Strand gefundene Kieferknochen ist 2800 Jahre alt und jetzt ein Fall fürs Museum.

Drage/Harburg.  Ende März entdeckte ein Spaziergänger Knochen am Stover Elbstrand, darunter einen menschlichen Kieferknochen. Sofort tauchte die Frage nach einem Zusammenhang mit dem Mordfall Schulze in Drage auf, bei dem der Vater im Jahr 2015 mutmaßlich seine Frau Sylvia und Tochter Miriam tötete und anschließend in der Elbe Selbstmord beging.

Die Frauen gelten bis heute als vermisst. Untersuchungen ergaben jedoch, dass der Unterkiefer uralt ist. Er bringt kein Licht ins Dunkel der Familientragödie, sondern wirft es auf die Bronzezeit.

Knochen kommt ins Archiv des Archäologischen Museums

Nach dem Fund kam der Knochen zunächst ins Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Dort untersuchte ihn Dr. Eilin Jopp-van Well und stellte fest, dass es sich um ein Relikt der Vergangenheit handelt. Damit war die kriminaltechnische Untersuchung abgeschlossen, der Kieferknochen wechselte in die Naturwissenschaft. Kollegen in Mannheim bestimmten mit der Radiocarbonmethode das Alter des Knochens auf etwa 2800 Jahre. Jetzt wird er über die Polizei an den Landkreis-Archäologen Dr. Jochen Brandt vom Archäologischen Museum Hamburg übergeben werden.

Brandt wird den Knochen in einen Karton packen und im Museumsarchiv einlagern. „Die beiden wichtigsten Untersuchungen, die anthropologische Untersuchung und die Altersbestimmung des Knochens, sind gemacht. Wir könnten noch mit Hilfe der Strontiumisotopen-Analyse des Zahnmaterials versuchen, mehr über die geografische Herkunft der Person zu erfahren oder alte DNA extrahieren zu lassen. Aber die Verfahren sind teuer, das gibt unser Budget nicht her.“ Die geografische Zuordnung ist deshalb interessant, weil der Knochen von der Elbe womöglich über eine längere Strecke transportiert worden ist.

Der Unterkiefer ist nicht vollständig, ein Ast fehlt. Im Knochen stecken drei Backenzähne. Er ist sehr gut erhalten und gibt dennoch keine sicheren Informationen über den Menschen, der offenbar in der Elbe oder in Ufernähe ums Leben kam. „Es ist schwierig, über einen Unterkiefer das Geschlecht zu bestimmen, denn geschlechtstypische Merkmale sind kaum ausgeprägt“, sagt Rechtsmedizinerin Jopp-van Well. „Anhand der Form dürfte es sich tendenziell um eine männliche Person handeln.“ Dafür spreche das erkennbare, leichte Kinndreieck, das Frauen nicht haben. Die Größe des Kiefers und die Entwicklung des Weisheitszahns deuteten darauf hin, dass der Mensch noch nicht ausgewachsen, aber auch nicht mehr im Kindesalter war. Jopp-van Wells Schätzung läuft auf einen männlichen Jugendlichen hinaus.

Knochen, die im Wasser lagen, enthalten oft kaum noch Erbgut

Würde man aus dem uralten Knochen noch Erbgut (DNA) extrahieren können, könnte dies weitere Informationen liefern. Aber bei Knochen, die im Wasser lagerten, sei das Erbgut meist herausgewaschen worden, so Jopp-van Well. Die Flussumgebung hat andererseits dafür gesorgt, dass der Knochen noch relativ intakt ist. Brandt: „Die natürliche Konservierung funktioniert bei extrem trockener Luft, etwa in Wüsten, oder unter Luftabschluss in dauerhafter Feuchtigkeit – in Mooren, im Schlick, im Wasser.“ Er freut sich über den Fund: „In dieser Zeit wurden die Toten verbrannt und die Knochenreste in Urnen aus Ton bestattet. Deshalb findet man kaum unversehrte Knochen wie diesen.“

Der Archäologe des Landkreises Harburg beschreibt grob die Lebensumstände des Jugendlichen: „Damals lebten die Menschen in der norddeutschen Tiefebene als Ackerbauern und Viehzüchter in lockeren Einzelhofstrukturen oder Weilern. Es gab offenbar eine sehr flache Hierarchie und wenig gesellschaftliche Strukturen. Das war in Süddeutschland anders: Dort findet man Felswälle sowie Befestigungen aus Holz und Erde. Es muss jemanden gegeben haben, der den Bau solcher Anlagen organisierte und sie verteidigte.“

Kieferknochen liefert keine Hinweise auf mögliche Todesursache

Die Landschaft sei eher offen gewesen, bestehend aus kleinen Äckern und großen Heideflächen, die schon damals durch menschliche Einflüsse entstanden seien. Und es gibt Hinweise auf gemeinschaftliches Leben, auf Verbindungen zwischen den Siedlungen: „Wir finden Friedhöfe mit 200 bis 300 Urnen. Und sogenannte Hortfunde: Ansammlungen von bronzezeitlichem Schmuck, seltener Waffen oder Gefäße. Sie könnten Gaben an die Götter gewesen sein.“

Darüber wie sein Träger zu Tode kam, kann der Kieferknochen nichts aussagen. „Es ist nicht ungewöhnlich, in Elbnähe alte Menschenknochen zu finden“, sagt Eilin Jopp-van Well. „Vermutlich ist es ein Unfallopfer.“ Darauf tippt auch Jochen Brandt. Vielleicht war der Jugendliche fischen gegangen, hat versucht, die Elbe zu überqueren oder ist in einem einfachen Boot gekentert. Der Fluss hat ihn verschluckt und nun einen kleinen Teil von ihm wieder ausgespuckt.

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