Hoher Fachkräftemangel

Landkreis Harburg will Pendler für Jobs vor Ort werben

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Rolf Zamponi
Pendler steigen im Bahnhof Hamburg-Harburg um. Der Landkreis Harburg und seine Städte und Gemeinden wollen mit einer Kampagne Aufmerksamkeit auf Jobs vor Ort lenken.

Pendler steigen im Bahnhof Hamburg-Harburg um. Der Landkreis Harburg und seine Städte und Gemeinden wollen mit einer Kampagne Aufmerksamkeit auf Jobs vor Ort lenken.

Foto: Lars Hansen / xl

Kreis und Gemeinden wollen 2022 eine Marketing-Kampagne für Fachkräfte starten. Offene Stellen lassen sich nicht rasch genug besetzen.

Kreis Harburg. Der Landkreis Harburg will vom kommenden Jahr an den Kampf um Fachkräfte vor Ort ausweiten. Geplant ist eine Marketingkampagne, um vor allem Berufspendler, aber auch Menschen, die sich im Kreis erholen oder Neubürger emotional anzusprechen. Ihnen sollen die Chancen für Arbeitsplätze im Landkreis Harburg vermittelt werden. Für die Kampagne hat der Kreistag beschlossen, von 2022 an für fünf Jahre jährlich 20.000 Euro bereit zu stellen. Die Entscheidung fiel einstimmig bei einer Enthaltung. Der Anteil der Städte, Einheits- und Samtgemeinden soll bei jeweils 6000 Euro jährlich liegen.

„Der immer deutlicher spürbare Fachkräftemangel ist eine der zentralen Herausforderungen für die Unternehmen im Landkreis Harburg“, ordnet Landrat Rainer Rempe die Kampagne ein. So dauert es im Landkreis innerhalb der Region Nordostniedersachsen am längsten, bis qualifizierte Arbeitsplätze wieder besetzt werden können. So vergehen durchschnittlich 174 Tagen bis ein neuer Mitarbeiter gefunden ist.

Landkreis ist Schlusslicht in der Region Nordostniedersachsen

Dagegen sind es im Heidekreis 132 Tage, im Landkreis Uelzen 129, für Lüneburg 100, für Celle 117 und für Lüchow-Dannenberg 90. Noch 2016 hatte der Landkreis Harburg eine durchschnittliche Vakanz von 128 Tagen gemeldet. Kein Wunder, dass Landrat Rempe auf das zusätzliche Fachkräftemarketing setzt. „Es bildet ein weiteres Instrument, mit dem wir die Betriebe gemeinsam mit den Städten und Gemeinden dabei unterstützen, die für ihren wirtschaftlichen Erfolg erforderlichen Mitarbeiter für sich und für die Region zu gewinnen.“

Interessierte sollen auf Bahnhöfen oder in Freizeiteinrichtungen angesprochen werden

„Unternehmen berichten immer wieder, wie schwer es ist, neue Fachkräfte zu bekommen“, versichert Alexander Stark, der Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung und Wirtschaftsförderung bei der Kreisverwaltung. Als Hintergrund gilt auch die Nähe des Landkreises zu Hamburg mit seinem großen Angebot an Arbeitsplätzen. „Pendler sind daher die erste Zielgruppe für unsere Kampagne“, sagt Stark. „Wir werden aber keine Werbung für den Kreis direkt in der Hansestadt machen“, verspricht er. Vielmehr sollen die Menschen „an der Quelle“, also vor Ort erreicht werden: An den Einsteigebahnhöfen, auf dem Weg zur Arbeitsstelle oder auch als Besucher von Freizeiteinrichtungen und Parks.

Eine Werbeagentur soll die Kampagne professionell begleiten. Eine Agentur soll vorschlagen, wie über Soziale Medien aber auch über Plakate oder Postkarten für den Kreis als Arbeitsort geworben werden kann. „Ziel ist es, grundsätzlich Lust auf einen Arbeitsplatz im Landkreis zu machen“, sagt Stark.

Ein Plus von fast 1800 Arbeitsplätzen selbst im Corona-Jahr 2020

Das würde den Beschäftigten die An- und Abfahrten sparen, sich damit positiv auf die Verkehrsströme auswirken und den Kohlendioxid-Ausstoß verringern. Auf das gemeinsame Vorgehen, bei dem die Federführung bei der Kreisverwaltung liegt, hatten sich die Akteure der Wirtschaftsförderung im Kreis und die Gemeinden mit dem Kreis im Herbst 2019 geeinigt.

Tatsächlich ist der Bedarf an neuen Mitarbeitern im Landkreis hoch. So ist selbst zwischen Dezember 2019 und Dezember 2020 – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor – die Zahl der Arbeitsplätze um 1745 auf jetzt 69.195 gestiegen. Die Arbeitslosigkeit sank im Juni auf 4,4 Prozent und die Nachfrage hält weiter an. „Die Arbeitslosenzahlen sind rückläufig und bei der Arbeitskräftenachfrage erreicht der Stellenbestand erneut einen hohen Wert“, analysiert Kerstin Kuechler-Kakoschke, die Vorsitzende der Geschäftsführung der für den Landkreis zuständigen Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen. Hintergrund: Die Arbeitsagenturen in Buchholz und Winsen meldeten für Juni 2073 freie Stellen. Das sind wieder fast so viele wie im November 2019, als vor der Corona-Krise mit 2145 freien Stellen eine noch größere Arbeitskräftenachfrage registriert wurde.

„Es werden zunehmend wieder Fachkräfte-Engpässe deutlich“

„So erfreulich diese Entwicklung auf der einen Seite ist, so werden auf der anderen Seite wieder zunehmend die Fachkräfte-Engpässe deutlich“, weiß Arbeitsmarktexpertin Kuechler-Kakoschke. Die Corona-Pandemie hat damit die Situation allenfalls leicht gebremst.

Überdurchschnittlich betroffen von fehlenden Fachkräften sind im Landkreis derzeit vier Branchen. Im Bereich Gebäude- und Versorgung dauert es 297 Tage bis eine Stelle wieder besetzt werden kann. Es folgen Ausbau (283), Mechatronik/Elektronik (248) und Hoch- und Tiefbau (244), wie die Bundesagentur für Arbeit ermittelt hat.

Im Landkreis wird die Entwicklung des Fachkräftebedarfs beobachtet

Der Landkreis Harburg verfolgt zwar ohnehin seit Jahren die Entwicklung des Fachkräftebedarfs, kooperiert mit der Süderelbe AG und weiteren Landkreisen, unterstützt die Kooperationsstellen Frau & Wirtschaft und betreibt mit Matchpoint sogar ein eigenes Portal, über das Ausbildungsbetriebe interessierte Bewerber für die von ihnen angebotenen Berufe finden können.

Auch Städte und Gemeinde begleiteten das Thema. So habe die Stadt Winsen einen lokalen Arbeitskreis Schule und Wirtschaft ins Leben gerufen, teilte die Kreisverwaltung mit. Mit der Kampagne für Fachkräfte sollen nun jedoch ein weiterer Schritt folgen, um Interesse direkt auf die Jobs im Landkreis zu lenken und aktuelle Pendler vor Ort zu halten.

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