Kleiner Coup

Harburger Krankenhaus hat jetzt einen führenden Spezialisten

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Hanna Kastendieck
Wolfgang Reinpold (r.) operiert gemeinsam mit Kollegen in einer Klinik in Paraquay, um diesen die MILOS-Technik zu zeigen.

Wolfgang Reinpold (r.) operiert gemeinsam mit Kollegen in einer Klinik in Paraquay, um diesen die MILOS-Technik zu zeigen.

Foto: Privat / HA

Er hätte überall hingehen können: Mit Wolfgang Reinpold gewinnt Helios Mariahilf Klinik einen international anerkannten Experten.

Harburg. Im tiefsten Herzen ist er ein Bastler. Einer, der immer schon geschickt mit den Händen gewesen ist. Der schon als kleiner Junge Freude daran hatte, Ideen zu entwickeln und Erfindungen zu realisieren. In sein Kettcar baute er den Motor eines Mopeds ein, um schneller fahren zu können. Zu seinem besten Freund legte er eine Telefonleitung über die Dächer von Reinbek, damit sie heimlich miteinander telefonieren konnten.

Sogar einen Spielautomaten hat Wolfgang Reinpold als Jugendlicher erfunden, der echte Geldgewinne auswarf. Seine beste Erfindung allerdings hat er vor zwölf Jahren gemacht. 2009 entwickelte Wolfgang Reinpold, weltweit anerkannter Spezialist für Leisten- und Bauchwandhernien, MILOS, ein minimalinvasives OP-Verfahren, das die Bauchwandhernienchirurgie weltweit entscheidend verbessert hat.

Mehr als 3500 Patienten mit dieser Technik inzwischen operiert

MILOS steht für „endoscopically assisted Mini or Less Open Sublay Operation“ und ist die erste Operationstechnik, mit der bei Bauchwand- und Narbenbrüchen die unverzichtbaren Kunststoffnetze minimalinvasiv außerhalb der Bauchhöhle zwischen Bauchfell und tragender Bauchwand implantiert werden können. Mehr als 3500 Patienten haben er und sein Team mit dieser Technik inzwischen operiert. Und jedes Jahr kommen unter seiner Ägide rund 600 weitere dazu.

Seit 2020 ist die Hernienchirurgie auf europäischer Ebene ein eigenes Fachgebiet. Fünf Fachärzte gibt es inzwischen. Einer von ihnen ist Wolfgang Reinpold, der von 2003 bis 2020 als Chefarzt die chirurgische Abteilung im katholischen Krankenhaus Groß Sand in Wilhelmsburg geleitet hat. Im Zuge der Verkaufspläne der Klinik Anfang des Jahres verließ Reinpold die Abteilung, die er in den Jahren zu einem international führende Referenzzentrum für Hernienchirurgie ausgebaut hatte. Aufgrund der unsicheren Zukunft und Unzufriedenheit mit der geplanten strategischen Neuausrichtung des Krankenhauses Groß Sand hat Wolfgang Reinpold sich entschieden, zusammen mit dem Hernienspezialisten Prof. Dr. Henning Niebuhr das Hamburger Hernien Centrum zu gründen.

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Reinpold, der Gastprofessor an der Creighton University in Omaha, Nebraska und der Nationaluniversität von Asunción in Paraguay ist, hätte mit seiner Expertise überall hingehen können. Aber er entschied sich, im Süden der Hansestadt zu bleiben, übernahm im Rahmen der Kooperation zwischen seinem neuen Hamburger Hernien Centrum und Helios die Leitung der Abteilung für Hernien- und Bauchwandchirurgie an der Helios Mariahilf Klinik.

Damit hat die Klinik in Harburg einen technisch äußerst versierten Chirurgen gewonnen, der das ganze Spektrum der Leisten-, Bauchwand-, Narben- und Zwerchfellbruchchirurgie souverän beherrscht. „Wir sind sehr froh, einen derart international renommierten Operateur für uns gewinnen zu können“, sagt Klinikgeschäftsführer Johannes Rasche. „Dadurch können wir unseren Patientinnen und Patienten hernienchirurgische Expertise auf qualitativ höchstem Niveau zur Verfügung stellen.“

Patienten kommen aus ganz Europa, manche sogar aus Übersee

Die Patienten kommen aus ganz Europa, manche sogar aus Übersee. „Sie haben nach der OP kaum Schmerzen und sind in der Regel nach ein bis zwei Wochen wieder topfit“, sagt der Facharzt. Das sei früher anders gewesen. „Bevor es MILOS gab, hat man die Brüche, also die Lücke in der Bauchwand, durch die sich das Bauchfell sackartig nach außen vorwölbt, entweder über große Schnitte mit Kunststoffnetzeinlage außerhalb der Bauchhöhle oder minimalinvasiv mit Kunststoffnetzeinlage in der Bauchhöhle versorgt. Bei letzterer Technik muss das Netz mit vielen Krampen, Tackern oder Nähten am schmerzempfindlichen Bauchfell befestigt werden, was starke Schmerzen verursachen kann.“

Der Faible für die Hernienchirurgie begleitet den gebürtigen Reinbeker schon sein ganzes Medizinerleben. So gründete er in den 1990er Jahren im Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift gemeinsam mit seinem Lehrmeister und damaligen Chef Prof. Dr. Albrecht Eggert das erste Hernienzentrum Deutschlands. „Was die Versorgung von Bauchwand- und Narbenbrüchen angeht, war mir schon früh klar, dass eine dauerhafte Heilung nur mit Kunststoffnetzen möglich ist“ , sagt er. „Und zwar außerhalb der Bauchhöhle. Denn wenn Netze innerhalb der Bauchhöhle eingesetzt werden, besteht die Gefahr, dass diese mit dem Darm verwachsen.“

Um das zu vermeiden, wird bei der MILOS Operation nur ein kleiner Schnitt in die Bauchdecke gemacht, durch welchen die Netze mit Hilfe endoskopischer Instrumente außerhalb der Bauchhöhle eingebracht werden. Während der OP wird zunächst der Bruchsack, der eine Ausstülpung des Bauchfells ist, entfernt. Anschließend wird die Bauchhöhle durch Naht des Bauchfells verschlossen. Die Operation erfolgt nun außerhalb der Bauchhöhle. Durch den Herniendefekt hindurch wird das Bauchfell minimalinvasiv endoskopisch ringsherum von der Bauchwand abgelöst. Dann wird das Netz außerhalb der Bauchhöhle also zwischen dem Bauchfell, das die Eingeweide umhüllt und der tragenden Bauchwand ausgerollt. Anschließend wird die Bruchlücke der Bauchwand wieder verschlossen. Zurück bleibt nur eine winzige Narbe.

Mitbegründer des international renommierten Hernienkongresses

„Chirurgische Kompetenz ist extrem wichtig. Über allem steht jedoch die Menschlichkeit.“ So lautet einer der Leitsätze des 59-Jährigen. Menschlichkeit, das bedeutet für den Vater von vier Söhnen nicht nur, sich um die eigenen Patienten bestmöglich zu kümmern, sondern auch das Wissen an andere so weiterzugeben, dass noch mehr Menschen von dieser OP-Technik profitieren können. Dies tut er zum einen als Mitbegründer des international renommierten Hernienkongresses „Hernientage“ und der deutschen Hernienschule. Zum anderen aber auch als Arzt, der sich einmal im Jahr auf humanitäre Hernienmission nach Lateinamerika und Afrika begibt, um dort Ärzte und Pflegepersonal zu schulen und selbst unter widrigsten Umständen zu operieren.

Mit seinem Einsatz rettet er Menschenleben. „Denn auch, wenn ein Bauchwandbruch oftmals auf den ersten Blick harmlos erscheinen kann, so kann er doch schnell zur ernsthaften Gefahr werden“, sagt er. „Ein Bauchwandbruch ist ein Loch in der Bauchwand. Und in dieses Loch kann eine Darmschlinge reinrutschen, einklemmen und so geschädigt werden, dass sie abstirbt. Und daran kann man sterben.“

Das geschieht – in der Dominikanischen Republik, in Paraguay und Brasilien, in Nigeria und Ghana. Sie sterben, weil sie nicht, wie in Deutschland, rechtzeitig und ausreichend medizinisch versorgt werden. Wolfgang Reinpold ist froh, dass er als Arzt wenigstens einen Teil dazu beitragen kann, diesen Menschen zu helfen. „Mein Einsatz ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. „Aber es ist immerhin ein Tropfen.“

Über das Hernien Centrum:

  • Als größtes Zentrum Europas bietet das Hamburger Hernien Centrum mit einem Team von erfahrenen, spezialisierten Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und medizinischen Fachangestellten eine individuelle und kompetente Behandlung aller Hernientypen (Leisten-, Schenkel-, Nabel-, Bauchwand-, Narben- und Zwerchfellbrüche, einschließlich Rektusdiastase sowie die Sportlerleiste).
  • Das Team setzt sich aus den Chefärzten Prof. Wolfgang Reinpold und Prof. Henning Niebuhr zusammen sowie den Oberärzten Cigdem Berger, Halil Dag und dem Chefarzt Prof. Marco Sailer, Chefarzt am Bethesda Krankenhaus Bergedorf.
  • Zu den Kooperationsärzten gehören die Fachärzte für plastische und ästhetische Chirurgie Stefan Klinzing und Georgios Kolios sowie der Neurochirurg Daniel Klase.
  • Operiert wird nicht nur in der Helios Mariahilf Klinik Hamburg, sondern auch in der Fleetinselklinik, im Agaplesion Bethesda Krankenhaus Bergedorf, in der Facharztklinik Eppendorf und in der Praxisklinik Bergedorf.
  • Weitere Infos zu Praxisstandorten und Leistungen gibt es im Internet unter www.hernie.de

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