Corona-Pandemie

Die erste Impfung für Obdachlose in Harburg

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Lars Hansen
Ein kleiner Pieks für die große Erleichterung: Den Gästen der Harburger Obdachlosenstätte Harburg-Huus wird die Corona-Impfung verabreicht..

Ein kleiner Pieks für die große Erleichterung: Den Gästen der Harburger Obdachlosenstätte Harburg-Huus wird die Corona-Impfung verabreicht..

Foto: Lars Hansen / xl

Mobiles Team im Harburg-Huus des DRK: Gäste und Mitarbeiter erhalten Impfstoff. Auch die Zukunft des Hauses ist vorerst gesichert.

Harburg. Den Oberarm frei machen, ein Wischer mit dem Desinfektionstüchlein, ein kleiner Piks, ein wenig Druck mit dem Tupfer und zum Schluss ein Pflästerchen: Alles für sich ein paar Kleinigkeiten. „Für mich war das aber jetzt einer der glücklichsten Momente der letzten Jahre“, sagt Marie. Die obdachlose Harburgerin gehört zu den regelmäßigen Gästen des Harburg-Huus am Außenmühlenweg und dort wurde sie gerade geimpft.

Ein mobiles Team des Hamburger Impfzentrums war dafür am Montag in die Obdachlosenstätte des DRK gekommen. Sechs Tage, nachdem die ersten Obdachlosen in Hamburg geimpft wurden, fahren die Teams jetzt auch die ersten Einrichtungen in den äußeren Stadtteilen an. Mehrere Corona-Ausbrüche in Hamburger Obdachloseneinrichtungen hatten die Sozialbehörde dazu veranlasst, nun auch die Obdachlosen schnell ins Impfprogramm aufzunehmen.

Obdachlose erhalten "JayJay", Mitarbeiter BioNTech

Möglich wurde das auch, weil mittlerweile der Impfstoff von Johnson and Johnson – vom Impfteam liebevoll „JayJay“ genannt – in Deutschland zugelassen ist. Dieser muss nur einmal verabreicht werden. Alle Besucher des Harburg-Huus, die zum Impfen gekommen waren, bekamen diesen Impfstoff. Darüber hinaus wurden auch Mitarbeiter geimpft. Sie bekamen BioNTech, weil „JayJay“ noch knapp sei. Die Auffrischungsdosis müssen sich die Mitarbeiter dann im Hamburger Impfzentrum an der Lagerstraße verabreichen lassen.

„Für mich ist die Impfung ein Zeichen dafür, dass sich die Dinge langsam zum Besseren wenden“, sagt Marie, die zwar wohnungslos ist, aber ihre Arbeit behalten hat. „Und als Nachweis am Arbeitsplatz erspart mir die Impfbescheinigung viele Nachfragen.“ Auch Rainer freut sich sehr über seine Impfung. „Wir sind ja viel unterwegs und können uns überall anstecken“, sagt er. „Da beruhigt das jetzt ungemein.“

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Das vergangene Jahr hat nicht nur für jeden Obdachlosen eine große Herausforderung bedeutet, sondern auch für die Einrichtung. „Wir waren quasi dauerhaft im Notbetrieb, obwohl wir mehr denn je benötigt wurden“, sagt Thorben Goebel-Hansen, Projektleiter des Harburg-Huus. „Wir haben noch Essen und Kleidung ausgegeben sowie Übernachtungen ermöglicht, aber selbst diese allernotwendigsten Angebote nur noch eingeschränkt machen können.“

Im Normalbetrieb bietet das Harburg-Huus bis zu 16 Übernachtungsplätze und ungefähr 30 Plätze in der Tagesaufenthaltsstätte. Längst nicht alle Obdachlosen „machen Platte“, also schlafen im Freien, wenn sie keine Unterkunftsplätze bekommen. Weit verbreitet ist es, bei Freunden und Bekannten für eine oder einige Nächte unterzukommen. Tagsüber sind die Wohnungslosen dann aber meistens nicht mehr in der Wohnung geduldet. Mit den Abstandsgeboten und Kontaktbeschränkungen aufgrund von Corona fielen diese Möglichkeiten so gut wie weg. „Gleichzeitig bedeuteten die Abstandsgebote, dass wir und alle anderen Obdachloseneinrichtungen die Anzahl der Schlafplätze reduzieren mussten“, so Goebel-Hansen.

Im ersten Corona-Lockdown war es besonders hart

Im ersten Lockdown war es besonders hart: Die Platzzahl wurde auf acht halbiert. Wer zwischendurch auch nur für eine Nacht nicht wiederkam, hatte den Platz verwirkt und er wurde nicht nachbesetzt. „Mittlerweile haben wir zum Glück die Möglichkeit zu testen“, sagt Goebel-Hansen. „Aber mehr als zehn Plätze können wir immer noch nicht belegen. Und die Übernachtungen sind nur ein Teil unserer Tätigkeit.“

Für weitaus mehr Obdachlose ist nämlich die Tagesstätte erste Anlaufstelle und die ist seit über einem Jahr so gut wie geschlossen. Gleich zu Beginn hatte Goebel-Hansen die ehrenamtlichen Mitarbeiter nach Hause geschickt und ohne die läuft wenig. Außerdem müssen im Aufenthaltsraum Abstände eingehalten werden. „Was uns als kleine Obdachloseneinrichtung ausmacht, ist das Familiäre“, sagt Goebel-Hansen. „Gäste, Helfer und Sozialarbeiter machen tagsüber viel zusammen. Manchmal machen wir auch Ausflüge mit unseren Gästen. Das ist für viele ein Schritt zurück zur Normalität und für andere die Möglichkeit, Normalität zu bewahren. All diese sozialen Aspekte fallen gerade weg.“

Seit einiger Zeit können die DRK-Mitarbeiter wenigstens wieder Sozialberatung anbieten. Einige Umbauten im Bürocontainer machen das möglich. „Aber wir wünschen uns die alte herzliche Atmosphäre zurück, und dafür haben wir heute einen ersten Schritt getan“, sagt Goebel-Hansen.

Der Verbleib des Hauses am Außenmühlenweg ist vorerst gesichert. Es soll zwar immer noch abgerissen werden (das Abendblatt berichtete), aber der Projektentwickler, der hier Wohnungen und Geschäfte plant, hat den Vertrag befristet verlängert. In dem neuen Komplex soll auch das Harburg-Huus wieder seinen Platz finden. Über die Details werde aber immer noch verhandelt.

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