Harburg

Wenn einen zwölf Tage von der Corona-Impfung trennen

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Lars Hansen
Ingeborg Petersen hatte einen Termin im Impfzentrum und wusste nicht, wie sie dorthin gelangen sollte. 

Ingeborg Petersen hatte einen Termin im Impfzentrum und wusste nicht, wie sie dorthin gelangen sollte. 

Foto: Lars Hansen / xl

Harburgerin ist zu jung. Weil sie unter 80 ist, hat Ingeborg Petersen kein Anrecht auf Taxifahrt. Mit Folgen.

Hamburg. Eigentlich hatte sich Ingeborg Petersen aus Harburg auf diesen Brief gefreut: Die Ankündigung, dass sie mit der Corona-Impfung an der Reihe sei und die Aufforderung, sich mit dem Impfzentrum in Verbindung zu setzen, um ihren Termin zu erfragen. Der Termin war gestern.

Und beinahe wäre Ingeborg Petersen nicht in der Lage gewesen, ihn wahrzunehmen, denn lange sah es so aus, als könne sie nicht zum Impfzentrum gelangen. Das Angebot der kostenlosen Beförderung zum Impfen gilt nämlich nur für Personen, die über 80 Jahre alt sind. Das ist bei Ingeborg Petersen noch hin. 12 Tage, um genau zu sein.

„Den Termin erhielten wir eine Woche vorher und wir gingen davon aus, dass die Fahrt zum Impfzentrum für mich genauso reibungslos klappt, wie bei meinem Mann vor einigen Wochen“, sagt Petersen, „aber es stellte sich heraus, dass das eben nicht so einfach war.“

Die Petersens haben ihr Auto abgeschafft

Ehemann Dietrich Petersen ist 83 Jahre als und hat vor drei Jahren bewusst sein Auto abgeschafft, weil er nicht mehr fahren möchte. Jahrzehntelang sind die Petersens viel und gerne Auto gefahren, aber irgendwann war es auch mal gut. Dietrich Petersen will und Ingeborg Petersen kann nicht mehr fahren. Die Koordination klappt nicht mehr zuverlässig. Für Dietrich Petersen kein Problem: „Das Taxi fuhr hier vor, ich wurde in den Messehallen geimpft und ein anderes Taxi brachte mich nach Hause. Ich war höchstens zwei Stunden fort. Ganz großes Lob!“

Behörde zahlt ein Taxi nur bei über-80-Jährigen

18.500 solche Transporte für über-80-jährige organisierte die Freie und Hansestadt Hamburg seit Januar, entweder per Taxi oder über den Beförderungsdienst des DRK. „Jede Fahrt kostete im Schnitt 33,50 Euro“, sagt Martin Helfrich, Pressesprecher der Sozialbehörde. „Das haben wir für die über-80-Jährigen noch bezahlt, weil unter ihnen besonders viele Mobilitätseingeschränkte sind. Hier einzeln zu prüfen, wäre unverhältnismäßig gewesen und hätte die Impfungen gebremst. Aber für jeden zu Impfenden können wir das nicht bezahlen.“

Das können allerdings auch die Petersens nicht. Zumal die 33,50 Euro nur der Hamburger Durchschnittswert sind. Marmstorf-Messehallen-Marmstorf kostet ungefähr das Dreifache. Öffentliche Verkehrsmittel mag Ingeborg Petersen nicht mehr benutzen, und das nicht erst, seit viele Menschen fürchten, sich in der S-Bahn infizieren zu können. „Ich kann mich nur unter Schmerzen bewegen“, sagt sie. „Paradoxerweise musste ich deshalb eine Schmerztherapie in der Hamburger Innenstadt abbrechen, weil ich zu oft auf halbem Wege umdrehen musste, wenn die Rolltreppe an der S-Bahn mal wieder kaputt war.“

Bei Menschen mit Schwerbehindertenausweis zahlt die Krankenkasse

Bis vor wenigen Jahren hat Ingeborg Petersen die ersten Beschwerden noch als harmlos abgetan. Sie war aktiv, nahm an politischen Versammlungen teil und gab Töpferkurse im Harburger Kinderzentrum. Dann kam ein Unfall beim Töpferkurs, ein Sturz, und alle vormals kleineren Beschwerden vervielfachten sich. Beide Hüften, ein Knie und der Rücken sind betroffen. Ingeborg Petersen möchte einen Schwerbehindertenausweis beantragen, hat aber noch nicht alle Unterlagen zusammen.

Hätte sie den bereits, wäre damit auch die Fahrt zum Impfzentrum abgedeckt. „Bei Personen, die den Vermerk AG für Außergewöhnliche Gehbehinderung im Ausweis haben, übernimmt solche Fahrten in der Regel die Krankenkasse", sagt Behördensprecher Martin Helfrich. „Allerdings muss das bei den meisten Kassen auch im Vorwege beantragt und genehmigt werden, sonst kann man auf den Kosten sitzenbleiben."

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Ingeborg Petersen ist schließlich doch zum Impftermin gekommen. Ihr Mann hat sie im Auto des Sohnes gefahren. Der konnte die Fahrt selbst nicht übernehmen, weil er arbeiten musste. „Ich bin jetzt jahrelang nicht mehr Auto gefahren“, sagt Dietrich Petersen, „schon gar nicht in der Stadt.“

Einen neuen Termin gibt es derzeit schnell

Diese Rettung kam in letzter Minute. „Als uns mal klar war, dass ich nicht für die kostenlose Beförderung in Frage komme, waren nur noch wenige Tage Zeit, etwas anderes zu organisieren“, sagt Ingeborg Petersen. „Beinahe hätte ich den Termin absagen müssen. Wer weiß, wann ich einen neuen bekommen hätte! Und das alles wegen der 12 Tage!“

Den neuen Termin hätte sie schnell bekommen, sagt Martin Helfrich. „Wir sind gut mit Impfstoffen versorgt und bleiben das hoffentlich auch. Dennoch bitte ich alle, die einen Termin nicht wahrnehmen können, ihn abzusagen, damit wir ihn neu vergeben können.“

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