Harburg

Missbrauch: Die Opfer waren zwischen zwei und 16 Jahre alt

| Lesedauer: 6 Minuten
Hanna Kastendieck
Rainer Rißmann, Geschäftsführer Margaretenhort, Pröpstin Ulrike Murmann, Prof. Dr. Mechthild Wolff und Rainer Kluck, Kirchenkreis (Prävention), bemühen sich um Aufklärung des Missbrauchs.

Rainer Rißmann, Geschäftsführer Margaretenhort, Pröpstin Ulrike Murmann, Prof. Dr. Mechthild Wolff und Rainer Kluck, Kirchenkreis (Prävention), bemühen sich um Aufklärung des Missbrauchs.

Foto: HA

Die Evangelische Kirche hat die Fälle im Kinderheim Margaretenhort aufarbeiten lassen – die Ergebnisse sind erschütternd.

Harburg.  Die Gefahr lauerte im Keller. Sie lauerte im Bad. Und manchmal kam sie direkt in die Kinderzimmer der Mädchen. Dort warteten die Jungs, 16 Mitbewohner des Heims und vier Jugendliche aus der Nachbarschaft, die ihnen Gewalt antaten.

In den siebziger und achtziger Jahren kam es im Margaretenhort, einem Kinderheim der evangelischen Kirche an der Haakestraße im Stadtteil Heimfeld zu schweren sexuellen Übergriffen. Die Opfer, zwischen zwei und 16 Jahre alt, mussten über Jahre hinweg die Qualen ertragen. Unter dem Wissen der Erzieherinnen wurden zahlreiche Mädchen und Jugendliche, teils aber auch kleine Jungen, sexuell missbraucht, vergewaltigt oder waren zusätzlich weiterer Gewalt ausgesetzt.

Missbrauch: Ein Buch enthüllt die schrecklichen Geschehnisse

2016 machte sich der Kirchenkreis Hamburg-Ost auf die Suche nach Zeitzeugen und bat Betroffene, ihre Geschichte zu erzählen, sich ihrer Leidgeschichte noch einmal zu stellen. Vier Frauen waren bereit, gemeinsam mit der Kirche diesen Weg zu gehen. Mit Hilfe ihrer mutigen Aussagen hat Historikern Ulrike Winkler in den vergangenen vier Jahren die Geschehnisse aufgearbeitet. „Kein sicherer Ort“ heißt die Forschungsarbeit, die die schrecklichen Geschehnisse zusammenträgt und die Frage beantwortet, wie so etwas überhaupt geschehen konnte.

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Den Kindern wurde einfach nicht geglaubt

Den Kindern und Jugendlichen wurde nicht geglaubt – egal, was sie sagten. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis von Wissenschaftlerin Ulrike Winkler. Dafür gibt es im Buch erschütternde Beispiele. Ihnen wurde nicht geglaubt, dass Jugendliche, die ebenfalls in dem Kinderheim wohnten, ihnen sexuelle Gewalt angetan haben. Ihnen wurde nicht geglaubt, dass im Badezimmer Mitbewohner auf sie warteten, sie zwangen, sich vor dem älteren Mitbewohner zu bücken und sie missbraucht wurden.

Ihnen wurde nicht geglaubt, dass im Keller des Kinderheims die Jungs sie bedrängten und sie nachts in ihren eigenen Betten vergewaltigten. „Alles, was sie sagten, war den Erzieherinnen suspekt – denn die Kinder kamen aus kaputten Familien, sie galten für das Heim als seelisch gestörte Kinder, denen man gar nicht glauben kann“, sagt Ulrike Winkler. „Sie wurden für ihre Aussagen noch angefahren und als Lügnerinnen und Schlampen bezeichnet.“

Erzieherinnen und Heimleitung wussten Bescheid

Mindestens zwei Erzieherinnen, ein Erzieher und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Leiterin Ingeborg Hirschler wussten, dass es in einzelnen Gruppen Jungen gab, die jüngere Mitbewohnerinnen und Mitbewohner schlugen, beschimpften, sexuell nötigten und auch vergewaltigten, so das Ergebnis der Forschungsarbeit. „Alle wussten mehr oder weniger darum, aber niemand hat die Probleme offen angesprochen“, sagt die Historikerin. Das sei nach wie vor das große Trauma der Betroffenen. Sie seien sogar noch bestraft worden für das, was sie gesagt hätten. „Ihre Suche nach Hilfe wurde als Lüge und Träumerei abgetan.“

Bevorzugte Opfer seien Mädchen gewesen und kleine Kinder. Kinder, die mit sehr jungen Jahren, aus katastrophalen Familienverhältnissen kamen, zum Teil massive Gewalt in den Pflegefamilien erfahren hatten und sehr vulnerabel und liebesbedürftig gewesen sind.

Regeln hinsichtlich Nähe und Distanz gab es nicht

Dass solche Vorfälle überhaupt möglich gewesen sind, liegt nach Recherchen von Ulrike Winkler in dem Aufbau der Einrichtung, sowohl konzeptionell als auch räumlich. „Man hat Familialisierung und Co-Edukation gelebt, hatte aber kein Konzept dafür. Man versuchte in den Heimen analoge Strukturen zur klassischen Familie nachzubilden. Dabei hatte bereits damals das Jugendamt davon abgeraten, ältere männliche Mitbewohner gemeinsam mit Mädchen in einer Zwölfer-Gruppe unterzubringen. „Man hat sich darüber hinweggesetzt“, sagt Ulrike Winkler.

„Für diese intimen Lebenskonstellationen wären Regeln wichtig gewesen hinsichtlich Nähe und Distanz. Die aber gab es nicht.“ Auch die Räumlichkeiten der Einrichtung mit ihren langen dunklen Fluren, den nicht abschließbaren Zimmern und nicht einsehbaren Ecken wie dem Keller hätten dazu beigetragen, dass solche Vorfälle ungesehen passieren konnten.

Erst nach 30 Jahren öffneten sich die Betroffenen

Irgendwann, so ergaben die Gespräche mit den Zeitzeugen, hätten die Betroffenen im Heim aufgegeben, sich den Erzieherinnen anzuvertrauen. Sie hätten geschwiegen, die Dinge unter sich ausgemacht. Erst 30 Jahre später, ermutigt durch Ulrike Murmann, Pröbstin des Kirchenkreises Hamburg-Ost, haben sie die Kraft gefunden, das Unfassbare in Worte zu fassen. Ulrike Murmann hat die Gespräche seelsorgerisch begleitet.

Die Erzählungen sind ihr sehr nah gegangen. „Die Erzieherinnen und Erzieher damals haben den Kindern nicht geglaubt. Sie haben nicht die Schutzmaßnahmen ergriffen, die sie hätten ergreifen müssen. Das beschämt uns sehr. Das ist auch eine Schuld, an der wir als Kirche zu tragen haben.“

Missbrauch: Die Straftaten sind inzwischen verjährt

Rainer Rißmann, seit 2016 Geschäftsführer des Margaretenhorts, erfüllt das jahrelange Schweigen und Nichthandeln mit Fassungslosigkeit. „Ich bin Ulrike Winkler sehr dankbar, dass sie mit hoher fachlicher Expertise und Einfühlungsvermögen vielfältige Ergebnisse über diese dunkle Zeit des Kinderheims zusammengetragen hat“, sagt er. „Der Mut von zwei Menschen, die das miterlebt haben, hat dazu geführt, dass eine Kollegin von mir als Vertrauensperson angesprochen wurde. Sie hat die wichtigste Entscheidung getroffen: zu glauben, was diese Menschen erzählen.“ Für Rißmann ist die Aufarbeitung mit der Veröffentlichung des Buches nicht abgeschlossen. „Aus meiner Sicht beginnt sie erst. Nun können wir auf einer fundierten Basis ins Gespräch gehen.“

Für die Straftäter selbst hat die Aufarbeitung der Geschehnisse keine Konsequenz. Denn die Taten sind verjährt.

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