Corona-Pandemie

Hausärzte sollen Schwung ins Impfen bringen

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Lars Hansen
Lungen-Cherfarzt Privatdozent Dr. Gunther Wiest verabreicht Stephanie Raguse die Impfung.

Lungen-Cherfarzt Privatdozent Dr. Gunther Wiest verabreicht Stephanie Raguse die Impfung.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Mediziner freuen sich darauf, Corona-Impfungen verabreichen zu dürfen, fürchten aber die Bürokratie.

Harburg.  Im April – mittlerweile auf die zweite Monatshälfte geschoben – sollen die Hausarztpraxen ins Corona-Impfgeschehen mit einbezogen werden. Die Bundesregierung erhofft sich dadurch eine erhebliche Beschleunigung des eher schleppend gestarteten Impfprogramme. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung verspricht, dass die Arztpraxen in der Lage sind, schnell eine große Anzahl Bürger zu immunisieren. Wie sieht es aber an der Basis aus? Das Abendblatt hat bei Ärzten in Harburg Stadt und Land, sowie ihren Verbänden vor Ort nachgefragt. Grundsätzlich wird der Optimismus geteilt. Allerdings sehen die Arztpraxen auch noch einige Hindernisse, die vor dem Impfstart ausgeräumt werden sollten, damit wirklich alles gut funktioniert.

„Die Impfungen müssen sich gut in den Praxisalltag integrieren lassen“, sagt Oliver Christoffers, Geschäftsführer der für den Landkreis Harburg zuständigen Bezirksstelle Lüneburg der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, „denn die Kollegen müssen ja auch weiterhin für alle ihre Patienten da sein.“

Einer der Haupt-Hinderungsgründe dabei ist die Bürokratie: Im Verhältnis zu anderen Impfungen ist diese bei Corona-Impfungen immens, sagt Andreas Wollmann, Arzt im Hausarztzentrum Marms-torf. Er hat bereits Impfungen in Seniorenheimen durchgeführt. „Pro Impfung müssen sechs Seiten Papierformulare ausgefüllt und unterschrieben werden“, sagt er. „Diese muss der Arzt zwar nicht allesamt selbst ausfüllen, aber er muss sie gewissenhaft kontrollieren. Nach der Impfung muss diese dann noch einmal in einer Online-Eingabemaske der Bundesdruckerei dokumentiert werden. Das bindet unnötig viel Arbeitskraft. In einer normalen Grippe-Impfkampagne kann jede Haushaltspraxis mehrere hundert Impfungen pro Woche nebenbei verabreichen. Das werden wir bei Corona so nicht schaffen!“

Wichtig sei auch, dass genügend Impfstoff vorhanden ist, und zwar von der richtigen Sorte. „Für uns niedergelassene Ärzte kommt derzeit nur der Astra-Zeneca-Impfstoff in Frage. Die anderen beiden benötigen Spezialkühlschränke für sehr niedrige Temperaturen. Solche Kühlmöglichkeiten haben wir nicht einmal in einem großen Ärztezentrum, wie unserem“, sagt Wollmann.

Für den hohen bürokratischen Aufwand sind Impfzentren besser aufgestellt

Die Impfstoffmenge macht auch Jörn Jepsen Sorgen. Er ist zugleich ärztlicher Leiter der Impfzentren in Winsen und Buchholz wie auch Hausarzt in Hanstedt – noch, denn die Praxis übergibt er gerade an eine Nachfolgerin, um sich auf die Impfzentren konzentrieren zu können. Den Impfstart in seiner Praxis wird er also nur noch als Zuschauer miterleben. „Ich teile die Euphorie des Bundesgesundheitsministeriums nicht wirklich“, sagt er. „Sinnvoll sind die Praxis-Impfungen erst, wenn einmal die Impfzentren so viel Impfstoffe bekommen, wie sie verabreichen können. Gerade für den hohen bürokratischen Aufwand sind die Impfzentren sogar besser aufgestellt, als die Hausarztpraxen. Es kommt darauf an, jetzt genügend Impfstoff heranzuschaffen. Ich habe ein wenig den Eindruck, dass die Politik mit der Ankündigung der Praxis-Impfungen von diesem Kernproblem ablenken will!“

Zumindest, was den bürokratischen Aufwand angeht, verhandeln die Kassenärztlichen Vereinigungen bereits mit der Politik darüber, wie man ihn verringern kann. Und sie stoßen nicht überall auf taube Ohren. „Da ist Spielraum“, sagt Gudrun Schittek, Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete aus Cranz, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion und selbst Ärztin, „Beispielsweise sind die Patientendaten, Vorerkrankungen und Allergien ja in der Regel bereits in den Praxen erfasst und müssten theoretisch nicht noch einmal händisch in einen Bogen eingetragen werden. Man könnte das automatisieren.“

Bei allen Hemmnissen: Grundsätzlich sehen die Hausärzte es positiv, ab Mitte April in der Praxis impfen zu dürfen. „Wir würden uns sehr freuen, wenn das klappt“, sagt Allgemeinmedizinerin Diana Schröder, die in Hanstedt die Praxis von Jörn Jepsen übernimmt, „wir warten jetzt darauf, was unsere Vereinigung mit den Ministerien aushandelt, um es uns auch tatsächlich zu ermöglichen, hier loszulegen.“

Das Einbeziehen der niedergelassenen Ärzte in die Impfkampagne sieht die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg KVH als wichtigen Wendepunkt im Impfgeschehen. Allein im Bezirk Harburg gibt es 94 Hausärzte und in den Praxen eine große Impfroutine. „Unser dichtes System an Haus- und Fachärzten hat kein anderes Land der Welt“, sagt KVH-Sprecherin Melanie Vollmert. „Die Praxen wären in der Lage, innerhalb weniger Monate die Bevölkerung durchzuimpfen.“

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