Neuenfelde/Cranz

So protestiert eine Region gegen den Hafenschlick

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Angelika Hillmer
Gut 100 Vertreter unterschiedlicher Interessen versammelten sich am Este-Sperrwerk, um gemeinsam gegen die weitere Verschlickung der Este und des Mühlenberger Lochs zu protestieren.

Gut 100 Vertreter unterschiedlicher Interessen versammelten sich am Este-Sperrwerk, um gemeinsam gegen die weitere Verschlickung der Este und des Mühlenberger Lochs zu protestieren.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Ablagerungen in der Este und im Mühlenberger Loch gefährden Hochwasserschutz, Obstbau, Werft- und andere Betriebe.

Neuenfelde/Cranz.  Die erste Deichlinie muss ohne Abstriche sicher sein. Das fordert die Bürgerschaftsabgeordnete Gudrun Schittek (Grüne) am Jahrestag der historischen Sturmflut von 1962 vor dem Sperrwerk an der Este-Mündung. Anlass ist die zunehmende Verschlickung des Mühlenberger Lochs, die die Funktionsfähigkeit des Sperrwerks und damit des Hochwasserschutzes gefährdet.

Die engagierte Lokalpolitikerin steht mit ihrem Protest nicht allein da. Mit ihr versammelten sich am Mittwochnachmittag mehr als 100 Mitstreiter – von der Chefin der Hamburger Werft Pella Sietas über Vertreter von Deich- und Schleusenverbänden bis zu Bürgerinitiativen.

Der Hamburger Hafen hat ein Schlickproblem und mit ihm seine Nebenflüsse. Rund drei Millionen Tonnen Hafensedimente mussten Baggerschiffe 2019 flussabwärts transportieren, allein um die Schifffahrtswege und Hafenbecken auf Solltiefe zu halten.

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Flut transportiert Schlick zurück in den Hafen

Sie entluden ihre Fracht etwa je zur Hälfte in der Deutschen Bucht südlich von Helgoland und in der Elbe nahe der Stadtgrenze, vor der Insel Neßsand. Vor allem der zweite Standort ist alles andere als eine Deponie. Die auflaufende Flut transportiert den Schlick zurück in den Hafen. Und das sehr effektiv, weil sie durch die vertiefte Fahrrinne kraftvoller aufläuft. Diese Art der Unterhaltungsarbeiten nennt selbst der Senat „Kreislaufbaggerei“.

Da die mit Schleswig-Holstein vertraglich gesicherten Ablagerungsmengen in der Nordsee bald erreicht sein werden und noch kein neuer Entsorgungsort gefunden ist, könnte noch mehr Schlick vor Wedel verklappt werden und das Problem verschärfen, fürchten die versammelten Menschen am Este-Sperrwerk. Schon mehrmals habe es durch die Sedimente Schäden am Sperrwerk gegeben, sagt Schittek: „Erstmals 2011 waren die Tore durch Ablagerungen havariert und mussten aufwendig instandgesetzt werden.

Das Kreislaufbaggern verursacht enorme Kosten

Im November 2019 konnten die Tore durch eingetragenen Schlick zwei Wochen lang nicht vollständig geschlossen werden – und das erneut in der Sturmflutzeit.“ Mehr als 100.000 Menschen im Alten Land bis nach Buxtehude sowie in den Hamburger Stadtteilen Neugraben, Hausbruch und Neuwie-denthal seien dadurch von Hochwasser bedroht gewesen, klagt die Grünen-Politikerin, deren Partei in Hamburg mit in der Regierung sitzt.

Neben den potenziellen Risiken verursacht das Kreislaufbaggern enorme Kosten – allein die Baggerarbeiten schlugen 2019 mit 44 Millionen Euro zu Buche. Und es produziert wirtschaftliche Schäden jenseits des Hafenbetriebs. 2020 geriet die Pella Sietas Werft in die Schlagzeilen. Bis September lag dort ein Schiffsneubau, der die Werft nicht verlassen konnte, weil die Fahrrinne verschlickt war. Es drohten Vertragsstrafen. Betroffen war ausgerechnet ein Baggerschiff, das der Bund geordert hatte.

Das 132 Meter lange Schiff, ist das größte, das Pella Sietas je gebaut hat. Die Stadt hatte der Werft nach Ausfall des Sperrwerks im November 2019 untersagt, sich ihren Weg zur Fahrrinne im Mühlenberger Loch frei zu spülen. Die Hafenverwaltung HPA musste baggern, wollte aber weitere Maßnahmen nicht bezahlen. Im September durfte wieder gespült werden.

„Mehrere Monate war unsere Werft nicht betriebsfähig. Wichtige Aufträge konnten nicht fertiggestellt werden“, sagt Natallia Dean. „Noch immer haben wir keine dauerhafte Lösung; das belastet unseren Betrieb enorm.“ 360 feste und 800 projektbezogene Mitarbeiter beschäftige die Werft. „Wir haben hier investiert und wollen an diesem Standort bleiben. Aber dazu brauchen wir Wasser und keinen Schlick.“

Habbo Stark von der Este Projekt Service GmbH (EPS) steht für weitere Unternehmen, die in Neuenfelde an der Este-Mündung ihren Standort haben. EPS arbeitet eng mit Pella Sietas zusammen und ist wie sie auf den Wasserweg angewiesen: „Unser Grundkonzept ist, die Werft und ihren Standort auch außerhalb des Schiffbaus zu nutzen, für die Logistik, etwa den Umschlag von Schwergut, aber auch um Stahlbau und die Endmontage von Industriegütern anbieten zu können“, sagt Stark. So lasse Siemens hier Kraftwerksturbinen bauen – „16 Stück im vergangenen Jahr“.

Auch der Obstbau leidet unter den Veränderungen im Flusssystem. „Die hafenorientierte Bewirtschaftung der Elbe führt bei uns zum Kollaps“, sagt Jörg Köpke vom Hauptentwässerungsverband der Dritten Meile, dem Abschnitt des Alten Lands zwischen Este und Süder­elbe. „Im Einzugsgebiet der Este liegen etwa 2000 Hektar Obstbaufläche. Frostschutz- und Sommerberegnungen sind nur noch eingeschränkt möglich, weil das Wasser mehr Salz und feine Sedimente enthält.“

Suche nach einer Fläche, auf der das Baggergut entwässern kann

Mit einlaufendem Wasser verschlicken Siele, Gräben und Rückhaltebecken des Bewässerungssystems, erste Schäden an Sielen und Pumpen seien schon aufgetreten, berichtet Köpke. Durch diese Belastungen seien die Wasserverbände bald kaum noch in der Lage, „ihre satzungsgemäßen Aufgaben, nämlich die Be- und Entwässerung ihrer Verbandsgebiete und den Schutz der Bevölkerung, zu erfüllen“.

Gerd Lefers, Deichrichter beim Deichverband 2. Meile Landkreis Stade, schlägt in dieselbe Kerbe: „Durch die Elbvertiefung verlagert sich die Brackwasserzone weiter flussaufwärts, das heißt die Wasserversorgung der Borsteler Binnenelbe mit salzfreiem Wasser muss künftig bei Ebbe über das östliche Siel erfolgen.“ Von der Binnenelbe fließt das Wasser in zahlreiche Gräben südwärts in das Obstanbaugebiet; das östliche Siel liegt unweit der verschlickten Elbbucht Mühlenberger Loch.

Lefers macht einen Vorschlag, den er nach eigenen Angaben der Stadt längst unterbreitet hat: „Der Deichverband 2. Meile benötigt vier Millionen Kubikmeter Klei für den Deichbau. Wir sind bereit, geeigneten Schlick zur Gewinnung von Deichbauklei aufzunehmen. Diese Kreislaufwirtschaft ist wesentlich sinnvoller als das Kreislaufbaggern.“ Allerdings müsse eine Fläche gefunden werden, auf der das Baggergut entwässern kann. Lefers: „Wir haben solche Ablagerungs- oder Spülflächen nicht. Aber ich kenne eine geeignete Fläche, und die gehört der Stadt. Bevor man dort ein Vogelschutzgebiet macht, könnte man ein paar Jahre lang Schlick zwischenlagern.“

Baggern gegen die Natur

Wo die Elbe langsamer fließt, lagert sie Sedimente ab, vor allem in Hafenbecken und Fahrrinnen jenseits des Hauptstroms. Das erfordert ein umfangreiches „Sedimentmanagement“ der Stadt. In den Jahren 2015 bis 2019 lagen die jährlichen Kosten zwischen 89 und 99 Millionen Euro, in den fünf Jahren zuvor zwischen 51 und 69 Millionen Euro.

94,8 Millionen Euro kostete das Baggern im Jahr 2019. Davon entfielen 44,4 Millionen auf die eigentlichen Baggerarbeiten. 760.000 Euro flossen in Umweltüberwachung und Schadstoffanalytik. Etwa ein Fünftel des Baggerguts ist so stark mit Schadstoffen belastet, dass es an Land (in Francop und Feldhofe) aufbereitet und deponiert werden muss. Jährliche Kosten: um die 30 Millionen Euro.

Knapp 3,1 Millionen Tonnen Sand und Schlick wurden 2019 aus dem Hafen gebaggert, deutlich weniger als in den Jahren 2015 bis 2017 (4,2 bis 4,5 Mio. t). Wie viel Sediment sich ablagert, hängt vor allem von der Abflussmenge des Oberwassers ab und davon, wie viel Baggergut vor Wedel in die Elbe gekippt wird.

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