Eißendorf

Ein duftendes Dankeschön an die Eltern

| Lesedauer: 6 Minuten
Lars Hansen
Sarah (von links), Julyen, Purja und Mina waren gestern die „Blumenkinder“ an der Grundschule In der Alten Forst.

Sarah (von links), Julyen, Purja und Mina waren gestern die „Blumenkinder“ an der Grundschule In der Alten Forst.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Grundschule In der Alten Forst verschenkt Frühlingsblumen an Mütter und Väter, die derzeit ihre Kinder im Homeschooling betreuen

Eißendorf.  Draußen knirscht der Schnee und knackt die Kälte, aber im „Eulennest“, der Aula und Pausenhalle der Grundschule In der Alten Forst, duftet es nach Frühling. Vor der kleinen Bühne blüht es tausendfach und vielfarbig. Bis zum Wochenende soll die Blütenpracht allerdings schon wieder aus der Halle verschwunden sein. Nicht etwa, weil Schulleiter Andreas Wiedemann keine Blumen mag, sondern weil die Stiefmütterchen und Hornveilchen für die Eltern seiner Schüler gedacht sind. „Für uns alle sind Pandemiebedingungen und Homeschooling eine Herausforderung", sagt Wiedemann, „aber für die Eltern sind sie eine besondere Belastung. Mit den Blumen möchte ich mich bei den Müttern und Vätern für ihren Einsatz bedanken!“

Neue Wochenaufgaben für die Kinder

Donnerstag und Freitag sind die Tage, an denen viele Eltern in die Schule kommen, mit und ohne ihre Kinder. Sie geben die Hefte mit den Wochenaufgaben ab und holen die neuen für die kommende Woche. Das gehört zum Fernunterrichtskonzept der Schule, denn nicht jede Familie hat zu Hause einen Drucker, um die Aufgabenblätter selbst zu produzieren.

„Das klappt an dieser Schule fantastisch“, sagt Yvonne Alegiani, deren Tochter hier eine zweite Klasse besucht, „an anderen Schulen habe ich den Fernunterricht nicht so gut erlebt.“ Die „Blumenkinder“ im Eulennest haben Yvonne Alegiani in die Halle gelotst. Sarah, Julyen, Purja und Mina gehören zu den 160 Schülerinnen und Schülern, deren Eltern sie nicht zu Hause betreuen können und die deshalb das Notbetreuungsangebot der Schule wahrnehmen. Normalerweise sind sie in kleinen Lerngruppen über die Klassenräume verteilt. Heute haben die vier Sonderaufgaben.

Eltern freuen sich sehr über die Geste der Schulleitung

Im Eulennest begrüßt Andreas Wiedemann Yvonne Alegiani persönlich. Sie ist überrascht von der Aktion und freut sich. Am Ende wickelt sie ein lila Hornveilchen in Schutzpapier. „Das ist schon eine besondere Herausforderung mit einer Grundschülerin im Heimunterricht“, sagt sie. „Bei meinen älteren Kindern ist das etwas einfacher. Die sind selbstständiger. Bei meiner Tochter muss man aber noch viel unterstützen. Da ist es gut, dass sie zweimal am Tag Videokonferenzen mit ihren Lehrern und Mitschülern haben, denn dann ist die Atmosphäre ganz anders. Diese Dankesgeste von der Schule finde ich rührend!“

Abendblatt-Artikel gab die Anregung

Auf die Idee kam Schulleiter Wiedemann übrigens durch einen Abendblatt-Artikel über niedersächsische Gartenbaubetriebe, die wegen des Lockdowns ihre Ware nicht loswerden und vernichten müssen. Er wandte sich an Gärtnermeister Wilhelm Rulfs in Stelle und orderte 1000 Pflanzen in kleinen Töpfchen. „Ich finde, das ist eine tolle Geste“, sagt Rulfs.

Vom Eulennest aus einmal quer über den Schulhof sitzt Svenja Bruse beim Fernunterricht. Die meisten Lehrer betreuen ihre Klassen von zu Hause aus. Bruse muss als stellvertretende Schulleiterin aber auch oft in der Schule präsent sein. Dann gibt sie auch ihre Fernlektionen aus dem Büro. Gerade hört sie allerdings zu: Vorlesezeit. Schülerinnen und Schüler lesen laut. „Die Texte können sie sich selbst aussuchen“, sagt Svenja Bruse. „Oft sind das Passagen aus Kindersachbüchern. Gerade habe ich viel über Dinosaurier erfahren und davor über die Antarktis.“

Vier Videokonferenzen pro Tag und Klasse

Das Vorlesen läuft paarweise. Auch das ist Teil des Fernunterrichtskonzeptes der Schule In der Alten Forst. Alle Schüler haben zwei Videokonferenzen am Tag, an denen wegen der Netz-Bandbreite jeweils eine halbe Klasse teilnimmt. Eine im Fach Deutsch und einmal in Mathematik oder Englisch. Pro Klasse muss die Schule also täglich vier Videokonferenzen organisieren. Dazwischen läuft der Fernunterricht sehr flexibel. Mal mit Vorlesestunden, mal mit Aufgabenblättern, mal mit Einzel-Videogesprächen.

Schüler kommunizieren auch untereinander

Manche Lehrer sind den ganzen Schultag über an ihrem Rechner erreichbar, falls Schüler oder Eltern Fragen zu Aufgaben haben. Über ein „Padlet“ genanntes Kooperationssystem können Schüler auch untereinander kommunizieren und sich helfen. „Wir versuchen, soviel Kontakt, wie möglich zu den Kindern zu halten“, sagt Svenja Bruse, „denn das brauchen sie. Oft machen sie ihre Aufgaben ja nur für die Lehrerin. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Aufgabenhefte korrigieren, mit Anmerkungen, Tipps und Lob versehen und möglichst mit den Schülern per Video besprechen.“

Das Korrigieren der Hefte ist für die Lehrerinnen und Lehrer aber nicht nur deshalb verbindlich: „So verhindern wir auch, dass die Lehrer ihre Schüler mit der Aufgabenmenge überfordern“, sagt Schulleiter Wiedemann.

Schwierig ist die Vermittlung sozialer Kompetenzen

Die reine Stoff-Vermittlung sei aber auch nur ein Teil dessen, was Schule leiste, sagt Wiedemann. „Die Vermittlung von sozialen Kompetenzen kommt im Fernunterricht viel zu kurz. Wir versuchen, das mit Zusatzangeboten wie Vorlesestunden oder virtuellem Teetrinken mit der Klassenlehrerin aufzufangen, aber es ersetzt den echten Kontakt nicht. Deshalb bin ich froh, wenn der Lockdown vorbei ist. Am liebsten würde ich das dann mit einem Schulfest feiern.“

Auch Viertklässler Riley, der sein Aufgabenheft heute alleine umtauscht, freut sich auf die Zeit nach dem Fernunterricht. „Homeschooling geht so“, sagt er. „Aber auch, wenn das komisch klingt: Ich kann mich besser konzentrieren, wenn ein paar Klassenkameraden mit am Tisch sind.“

Im Eulennest ist das Blumenregal jetzt schon etwas leerer geworden, aber der Frühlingsduft umweht Sarah, Julyen, Purja und Mina immer noch bei ihren Aufgaben. Draußen ist es knackekalt. Die Blumen können das aber aushalten, wenn man ein paar Tipps von Wilhelm Rulfs beachtet: „Die Pflanzen müssen an Wasser gelangen, sonst verbrennen sie trotz der Kälte“, sagt er. „Wenn man sie gleich eingräbt reicht das schon. Wenn man sie im Topf lässt, sollte man den Topf warm einwickeln, damit die Erde nicht gefriert.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg