Harburg

Wildes Parken stoppt den Bücherbus in Marmstorf

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Lars Hansen
Corinna Rosien und Rainer Paasch sichern den Platz, den sie zum Herausmanövrieren brauchen, mit Hütchen ab.

Corinna Rosien und Rainer Paasch sichern den Platz, den sie zum Herausmanövrieren brauchen, mit Hütchen ab.

Foto: Lars Hansen

Der Halt der Fahrbibliothek ist gefährdet, weil der Bus oft nicht auf die dafür vorgesehene Fläche kommt.

Hamburg. Mittwochnachmittag in Marmstorf. Langsam rollt das große blaue Fahrzeug durch die Straße Binnenfeld. Der Bücherbus ist da. Der Haltepunkt befindet sich neben dem Spielplatz am Kirchengemeindehaus. Rainer Paasch fährt zunächst daran vorbei, um dann rückwärts hineinzuzirkeln. Millimeterarbeit, denn außer um die Ecke geht es auch noch ein bisschen rückwärts bergauf und die Gegend rund um das Marmstorfer Einkaufszentrum ist immer sehr dicht beparkt. Heute klappt alles. „Das ist der Vorführeffekt“, sagt Paasch, Herrscher über 300 Pferde unter dem Busflur und 4500 Bücher im Wagen, „oft kommen wir hier gar nicht herein. Sieben von zehn Malen müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.“

Der zweite Teil von „Wir“ ist Corinna Rosien, Fachangestellte für Medien und Informationsdienste. Sie ist hier das, was man im Volksmund die Bibliothekarin nennen würde, was man in der Fachwelt aber so nicht nennen darf, weil „Bibliothekar/in“ ein akademischer Beruf ist. Während Paasch den Bus noch feinausrichtet, stellt sie zwei rotweiße Verkehrsleitkegel links neben die Ausfahrt, damit dort niemand parkt.

Dann käme der Bus nämlich nicht mehr heraus und der Halt am nächsten Punkt, heute ist es das Jägerfeld, wäre gefährdet. „Die Probleme, die wir hier haben, gefährden den Erhalt des Halts am Marmstorfer Einkaufszentrum“, sagt Corinna Rosien. „Und das ärgert uns, denn wir sind gerne hier. Nicht nur, dass dieser Stopp sehr gut angenommen wird, wir sind auch historisch damit verbunden: Seit hier Ende der 1960e- Jahre die Wohnhäuser und das Einkaufszentrum errichtet wurden, hält hier auch der Bücherbus!“

Die Haltestelle des Bücherbusses ist häufig zugeparkt

Aber die Problematik wird schon an den Kegeln klar: Wenn dort, wo sie jetzt neben der Auffahrt stehen, ein Auto stünde, käme der Bus nicht nur nicht wieder heraus; er wäre gar nicht erst hineingekommen. „Wir fahren deshalb oft schon auf unserem Weg zu den anderen Stopps einmal hier vorbei und gucken, ob die Stelle frei ist. Wenn ja, stellen wir schon einmal die Kegel auf. Heute Mittag stand da aber jemand“, sagt Corinna Rosien.

Wenn die Einfahrt auch am Nachmittag zu eng eingeparkt ist, versuchen Paasch und Rosien eine andere Stelle in der Nähe zu finden, wo der Bus stehen kann. Das ist jedoch überaus schwierig, denn Parkplätze sind in diesem Quartier extrem knapp. Eine passende Lücke für ein zwölfeinhalb Meter langes Fahrzeug zu finden, ist fast unmöglich. „Zu weit weg dürfen wir auch nicht sein, denn dann finden uns die Leute ja nicht. Gerade in Pandemie-Zeiten werden sie dann denken, dass das Angebot gestrichen ist“, sagt Rosien.

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Angebot ist bereits erheblich eingeschränkt

Eingeschränkt ist das Angebot bereits: Bücher, Tonträger, Filme und Zeitschriften kann man derzeit nicht selbst durchstöbern und in einer der gemütlichen Sitzecken schon mal anschmökern, wie in seuchenfreien Zeiten. Corinna Rosien bringt die gewünschten Medien an die Bustür. Meistens hat sie das richtige Gespür für den Geschmack ihrer Stammleser. Das „Kunden,-denen-dies-gefiel,-gefiel-auch das“-Prinzip ist keine Erfindung des Internets sondern von Buchhändlern und Bibliothekspersonal. Auch wegen des Wartens vor der Fahrbibliothek ist der geschützte Stammplatz für den Bücherbus viel geeigneter, als ein Bordstein.

Marie-Wenn ein alternativer halt gefunden werden müsse, müsste der allerdings Luise Vielhaber ist heute die erste Kundin. Die Marmstorfer Sozialdemokratin und ehemalige Bezirkspolitikerin hat ihre Genossen auf das Problem aufmerksam gemacht und die haben daraus einen Antrag für die Bezirksversammlung gemacht „Eigentlich müsste man ja nur auf beiden Seiten der Einfahrt eine kleine Fläche schraffieren“, sagt der SPD-Bezirksabgeordnete Klaus Fehling. Er kennt die Problematik eng zugeparkter Zufahrten und großer Fahrzeuge selbst gut: Er ist Berufsfeuerwehrmann. „Den meisten Parkenden ist ja nicht bewusst, dass sie auch dann noch die Einfahrt behindern, wenn sie nur direkt daneben stehen.“

Halteverbot anzuordnen ist rechtlich nicht möglich

Das Problembewusstsein wird wahrscheinlich auch dadurch geschmälert, dass der Bücherbushalt zwar markiert ist, der Bus selbst aber nur einmal pro Woche 90 Minuten lang präsent ist. Für die restlichen 9990 Minuten einer Woche ist die Fläche hinter der Zufahrt leer. Zuständig dafür, solche Markierungen anzuordnen, wie Fehling sie wünscht, ist die Polizei, doch dort biss Fehling auf Granit: „Es sei rechtlich nicht möglich, dort ein Halteverbot anzuordnen, wurde mir mitgeteilt“, sagt er. „Und nicht nur das: Die Polizei hält den über Jahrzehnte etablierten Haltepunkt für bedenklich, weil zum Einparken rückwärts über den Fußweg rangiert werden muss!“

Wenn ein alternativer Halt gefunden werden muss, sollte er aber weiterhin in direkter Nähe des Einkaufszentrums sein, finden Fehling und Vielhaber „Fast die Hälfte der Marmstorfer wohnt in diesem Teil, sagt Vielhaber, „und viele weitere kommen zum Einkaufen her. Die Lage hier ist ideal!“ Marie-Luise Vielhaber gibt einen Roman ab und bekommt zwei andere empfohlen. Einen kennt sie schon. Den anderen leiht sie aus. Hinter ihr wartet schon Finn-Uwe an der Hand seiner Mutter. Er braucht keine Beratung. Er hat hinter Corinna Rosien schon ein Peppa-Wutz-Bilderbuch entdeckt, das er noch nicht kennt. Bis 16 Uhr ist der Bus noch hier. Dann sammeln Corinna Rosien und Rainer Paasch die Leitkegel ein und fahren weiter. Nächster Halt: Jägerfeld.

Bücherbusse in Hamburg

Bücherbusse gibt es in Hamburg seit 1961 als Ergänzung zu den derzeit 31 Standorten der Hamburger Bücherhallen. Zwei Busse, beide sind bei der Harburger Bücherhalle stationiert, fahren 47 Haltepunkte in den Bezirken Mitte, Bergedorf, Altona und Harburg an. Ursprünglich waren sie hauptsächlich zur Versorgung der ländlichen Gebiete dieser Bezirke gedacht. Als dort einige Dörfer aber in den 1960er-Jahren rasant zu Stadtteilen wuchsen, wie Marmstorf, behielten sie trotzdem ihren Bücherbus. Vormittags fahren die Bücherbusse Schulen und Kitas an, nachmittags öffentliche Plätze.

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