Harburg Stadt und Land

Die letzten Locken vor dem Lockdown

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Lars Hansen
Frisieren bis der Lockdoiwn kommt: Mustafa Karahan und sein Team machten gestern noch Überstunden. Kunde Marc kam aber noch nachmittags dran.

Frisieren bis der Lockdoiwn kommt: Mustafa Karahan und sein Team machten gestern noch Überstunden. Kunde Marc kam aber noch nachmittags dran.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Friseurgeschäfte in Stadt und Landkreis Harburg machen Überstunden, schneiden und frisieren zum Teil bis zur letzten Minute.

Harburg.  Was ist schon systemrelevant? Schönheit schon mal nicht, denkt der Gesetzgeber, vor allem dann nicht, wenn man sich in nächster Zeit sowieso niemandem zeigen soll, der einen nicht schon kennt. Nagelstudios Kosmetiksalons und Friseure haben seit heute zu. Schönheit ist ganz schön relevant, dachten sich viele Harburgerinnen und Harburger und rannten den Friseuren in den zwei Tagen zwischen Lockdown-Verkündung und Lockdown-Vollzug die Türen ein, um noch vor Weihnachten schick gemacht zu werden. Die Friseure machten dafür extra länger auf.

Überstunden bis 23.59 Uhr

Wie lange Meister Mustafa Karahan, Inhaber der beiden „Soft Hair“ Salons in der Seevepassage seine Geschäfte am Dienstag offen hielt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, denn bei Redaktionsschluss stand Karahan noch hinter einem Kunden vor dem Spiegel, den Kamm in der einen, die Modellierschere in der anderen Hand und immer ein kritischer Blick auf dem Werk seiner Hände. „Theoretisch dürfen wir ja bis 23.59 Uhr noch arbeiten, denn für Handwerksbetriebe gelten keine Ladenschlusszeiten“, sagte er am Nachmittag noch. „So lange in der Zeit noch Kunden kommen, schneide ich noch, wenn mir nicht die Augen zufallen. Wir müssen jetzt noch schnell das Geld für Weihnachten und Silvester verdienen. Gestern haben wir um halb neun Feierabend gemacht. Das sind schon einmal zwei Stunden über der eigentlichen Öffnungszeit.“

Vor den Salons stehen Schlangen junger Männer

Andere Friseure in der Seevepassage – und da gibt es einige – hatten am Montag noch weit nach 22 Uhr geöffnet und vor den Türen standen Schlangen junger Männer. Das Herren-Geschäft ist bei vielen Friseuren eher ein spontanes, ohne Terminabsprachen, dafür durchaus auch mal mit Wartezeiten. Das ist bei Mustafa Karahan nicht anders. Zwei gemütliche gepolsterte Bänke im hinteren Laden-Eck bieten den Wartenden Sitzkomfort und wenn es etwas länger dauert, bekommt man auch einen Kaffee oder Tee, je nach kultureller Vorliebe. Normalerweise.

Normal ist in diesem Jahr aber gar nichts! Mit gut sichtbarem rot-weißen Klebeband sind fast überall Kreuze auf die Sitzflächen der Bänke geklebt. Wegen der Abstandsregeln kann nur ein Kunde zur Zeit warten, wenn auf allen Stühlen frisiert wird – und letzteres ist natürlich Karahans Wunsch. Vor allem jetzt. Alle 20 Mitarbeiter sind im Einsatz. Also stehen auch vor seinem Salon die Wartenden Schlange.

Bilden sich Gruppen, ruft Mona die Jungs zur Ordnung

Na ja, nicht immer. Manche neigen auch dazu, in Haufen zu stehen. Das ist nicht gut. Dann geht Karahans langjährige Mitarbeiterin, Friseurin Mona, vor die Tür, hält einen kurzen Vortrag und sorgt für Abstand und Ordnung, denn Ordnung liebt sie. „Heute Morgen haben zeitweise mehr als 15 Leute hier vor der Tür gestanden, da musste ich schon ein paar mal raus. Jetzt geht es eigentlich. Zum Abend wird es wohl wieder heftiger!“

Marc hatte Glück, dass er in dieser ruhigeren Stunde vorbeigekommen ist. „Ich bin eigentlich überfällig“, sagt der Familienvater, „aber ich hatte heute morgen noch gedacht, dass die Wartezeit wohl zu lang würde. Dann haben ich mich aber spontan entschlossen, doch noch vorbeizukommen.“

Soviel gearbeitet wie sonst an drei Tagen

Ohne Schlange, aber mindestens so betriebsam geht es in der „Hair Lounge“ im Harburger Binnenhafen zu. Chefin Angelika Leber arbeitet grundsätzlich nur mit Termin. Spontanes Schneiden geht nur, wenn Lücken da sind. Trotzdem geben sie und ihr fünfköpfiges Team gerade alles, um die Kundinnen und Kunden, deren Termine zwischen heute und Weihnachten gelegen hätten, noch zu versorgen. „Wir haben gestern so viel gearbeitet, wie sonst an drei Tagen“, sagt Angelika Leber, und heute legen wir noch mal eine Schippe drauf!“

Schneller frisiert wird deshalb nicht. Sich für die Kunden Zeit zu nehmen ist hier nicht nur eine Frage der Sorgfalt, sondern auch eine der Geschäftskultur. „Die meisten meiner Kundinnen und Kunden haben ein sehr stressiges Berufsleben“, sagt Leber, „und in der Stunde, die sie hier sind, sollen sie auch mal herunterkommen. Dann kommen sie auch gerne wieder.“

Was ist mit der Azubi-Prüfung im Januar?

Beim Einfärben der Haarpracht ihrer Kundin Mona hilft heute noch einmal Amara. Sie hat wegen des Lockdowns heute den letzten Tag ihrer Friseurinnen-Ausbildung. Im Januar liegt die Prüfung an. „Wenn sie denn stattfindet“, sagt Amara. „Wenn nicht, weiß ich auch nicht, was weiter passiert. Einfach arbeiten kann man dann ja wahrscheinlich auch nicht.“

Angelika Leber hat mit dem Lockdown schon länger gerechnet: „Immer, wenn ich in der Stadt gesehen habe, wie sorglos die Leute mit der Lage umgehen, habe ich mir gedacht, dass das nicht lange gut geht“, sagt sie, „aber dass das so kurzfristig verkündet wird, hat uns richtig Stress bereitet, wir wollten ja so viele Kundinnen, wie möglich Fest-fein machen.“ Deshalb sind auch hier gerade alle Stühle belegt. Aus einem erhebt sich gerade eine glücklich – und hübsch – aussehende Kundin. „Ich wäre erst Donnerstag dran gewesen“, sagt sie. „Jetzt noch einen Ausweichtermin bekommen zu haben, ist wie ein Sechser im Lotto!“

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