Revival eines Hobbys

Die Corona-Krise bringt die Modelleisenbahn zurück

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Rolf Zamponi
Modelleisenbahnen sind wegen Corona offenbar wieder beliebter geworden: Inhaber Birgit und Bruno Toll in und vor ihrem Spielzeuggeschäft in Meckelfeld.

Modelleisenbahnen sind wegen Corona offenbar wieder beliebter geworden: Inhaber Birgit und Bruno Toll in und vor ihrem Spielzeuggeschäft in Meckelfeld.

Foto: Rolf Zamponi

Fachhändler verzeichnen einen Umsatzzuwachs. Auch Kinder entdecken das Traditionshobby für sich.

Meckelfeld/Buxtehude. Ein 14-Jähriger bastelt für seinen Vater an einem Weihnachtskalender. Als Höhepunkt hat er sich für den 24. Dezember für eine kleine, vom Taschengeld erworbene Dampflok entschieden und sie in der Werkstatt des Fachhändlers Bruno Toll in Meckelfeld flott machen lassen. Ein Kunde in das Spiel&Sport-Geschäft von Rainer Bliefernicht in Buxtehude.

Er will nach 30 Jahren Pause wieder mit seiner Modelleisenbahn beginnen und seine alten Lokomotiven digital umrüsten lassen. Zwei Geschichten aus der Vorweihnachtszeit, die den Trend zurück zu dem alten Hobby neu aufzeigen. Ein Trend, der in Corona-Zeiten an Schwung gewonnen hat.

Spielehändler verzeichnen wegen Corona Umsatzzuwachs von acht Prozent

Toll und Bliefernicht, die beiden größten und wohl bekanntesten Fachhändler in den vier Kreisen Lüneburg, Stade, Harburg und Lüchow, können den Schwung mit Zahlen belegen. Kommt der Kölner Bundesverband des Spielwaren Einzelhandels (BVS, siehe Infokasten) als Folge von eingeschränkten Freizeitaktivitäten und zwei Lockdowns 2020 auf einen Umsatzzuwachs von acht Prozent für die gesamte Branche, rechnet Bliefernicht sogar „mit einem Hauch mehr.“ Zwar gilt das für sein gesamtes Sortiment, an dem die Modellbahnen etwa die Hälfte ausmachen. Die Zahl lasse sich aber auf die Bahnen übertragen.

Toll, der das 1972 von seinem Vater gegründete Geschäft mit seiner Frau Birgit ebenfalls in zweiter Generation führt, rechnet für den Verkauf von Lokomotiven, Waggons und das Zubehör für den Landschaftsbau sogar mit einem Umsatzplus um zehn Prozent. „Das Hobby wird wieder gesellschaftsfähig.“

„Gute-Laune-Lieferanten in diesen herausfordernden Zeiten.“

„Corona-Zeit ist Modelleisenbahn-Zeit: Die Menschen verbringen viel Zeit zuhause und wollen sich beschäftigen. Hiervon profitiert der Klassiker Modelleisenbahn“, unterstreicht Spielwaren-Verbands-Geschäftsführer Steffen Kahnt. Für ihn sind die Spielwarenfachhändler die „Gute-Laune-Lieferanten in diesen herausfordernden Zeiten.“

Neben den Auswirkungen der Pandemie, die die Menschen stärker an ihr Zuhause binden und den Blick für Hobbys frei machen, nennt Fachhändler Toll weitere Gründe für die Renaissance der kleinen Bahnen. Dazu gehört für ihn die im Vergleich zu den 80er Jahren wieder deutlich attraktivere große Bahn mit den ICE-Zügen oder den Doppelstockwaggons des Metronom. Das Image, sauberer zu fahren als das Auto, hebe das Interesse zusätzlich.

Zudem richte Marktführer Märklin seine Produktpolitik wieder stärker auf Kinder aus. So lassen sich etwa die Batterie-Modelle von My World selbstständig auf vorhandenen HO-Schienen (1:87) steuern. Damit könne der Nachwuchs mit den Großeltern in Kontakt kommen, bei denen häufig noch eine Anlage zu finden ist und die eher einen Zugang und Zeit für das Hobby haben als ihre Eltern. „Es ist Zeit für das generationsübergreifende Spiel mit der Modelleisenbahn“, versichert BVS-Geschäftsführer Kahnt.

Händler hoffen noch auf den Dezember

Die andere Seite der Pandemie sind die Belastungen der Händler. Der Eintritt der Kunden musste begrenzt werden. Sport&Spiel-Chef Bliefernicht stellte dafür ein Stopp-Schild aus Pappe vor dem Eingang seines Geschäfts nahe dem Buxtehuder Bahnhof. Toll hat seine Mannschaft für den zweiten Lockdown in zwei Gruppen geteilt, die sich zwischen 13.30 und 14 Uhr abwechseln und so Infektionen untereinander vermeiden.

Zudem bleibt die Ungewissheit, wie es mit den Einschränkungen im Dezember weitergeht. Immerhin werden in diesem Monat durchschnittlich 20 Prozent des Umsatzes mit Spielzeug erzielt. Neue Corona-Regeln könnten die Einnahmesituation noch einmal grundlegend verändern.

Viele Modelleisenbahn-Neuheiten derzeit aber nicht zu haben

Problematisch ist aber vor allem, dass viele Neuheiten wie etwa die HO-Drehscheibe von Märklin deutlich später kommen. „Lieferengpässe wird es noch bis ins Jahr 2021 geben. Das wird zu vielen enttäuschten Gesichtern führen“, ist Bliefernicht sicher. „Erstmals seit mehr als 40 Jahren waren im Oktober bei uns die Beleuchtungssockel für Häuser ausverkauft“, sagt Toll.

Hintergrund sind die durch die Pandemie eingeschränkte Produktion der Hersteller und die unterbrochenen Lieferketten. „Das Werk von Märklin in Ungarn war beispielsweise über mehr als einen Monate geschlossen“, weiß Toll, der zum bundesweit neunköpfigen Vorstand der Händler-Initiative des Herstellers gehört.

2900 Betriebe ohne Filialen

Der Treue ihrer Stammkunden hat das bislang aber keinen Abbruch getan. „Während des ersten Lockdowns haben Kunden bei uns bestellt, obwohl sie aktuell gar nichts vorgesehen hatten. Nur, um uns finanziell zu unterstützen“, erinnert sich Toll. Modellbahn-Enthusiasten ist die Erreichbarkeit und Kompetenz ihrer Fachhändler wichtig.

Die Einzugsbereiche der Geschäfte werden dabei größer, weil die Zahl der Läden sinkt. „Aber die Qualität der Fachgeschäfte steigt “, sagt Bliefernicht. Zuletzt hatte der Spielwarenverband in der gesamten Branche knapp 2900 Betriebe ohne Filialen gezählt. Wie viele Läden Modellbahnen und Zubehör anbieten, ist offen.

Klar ist dagegen: Modellbahnen helfen nicht nur, die Zeit während einer Pandemie zu vertreiben. Wer seine eigene Landschaft gestaltet, kann entspannen und Stress vergessen. Es ist wie das Eintauchen in eine andere Welt, die wenig gemein hat mit dem Spiel am Computer. Zwar kreisen die Züge inzwischen längst digital. Aber ist die neue Welt einmal aufgebaut, lässt sie sich nicht mehr mit einem Tastendruck löschen. Wer einmal Modelleisenbahner ist, bleibt dies oft ein Leben lang.

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