Corona-Pandemie

Drei Jahre Wartezeit für einen Schwimmkurs

Schwimmen lernen können und sollten schon die Kleinsten - das ist die Überzeugung der Schwimmschule Delphin.

Schwimmen lernen können und sollten schon die Kleinsten - das ist die Überzeugung der Schwimmschule Delphin.

Foto: Privat / HA

Schließungen setzen Anbieter von Schwimmkursen unter Druck. DLRG befürchtet, dass Tausende Kinder nicht schwimmen lernen.

Kreis Harburg.  Die Zahl der Nichtschwimmer war schon vor der Pandemie besorgniserregend hoch – doch die Krise bremst Schwimmlehrer und Bäder aus und hat die Lage weiter verschlimmert. Seitdem das Virus Mitte März den Schwimmbädern regelrecht den Stöpsel gezogen hat, haben kaum noch Schwimmkurse stattgefunden. Mit fatalen Folgen: Laut Deutscher Lebensrettungs Gesellschaft (DLRG) lernt ein ganzer Jahrgang derzeit nicht schwimmen.

„Die Lage ist dramatisch“, sagt Niedersachsens Landespräsident Oliver Liersch. „Tatsächlich dürften die andauernden und flächendeckenden Schwimmbadschließungen dazu führen, dass ein ganzer Jahrgang in Niedersachsen, mithin etwa 75.000 Kinder (durchschnittliche, jährliche Geburtenrate in Niedersachsen), derzeit nicht schwimmen lernt.“

Kurse mit Wartezeiten von drei Jahren

Zudem werden sich die Wartezeiten auf einen Schwimmkurs für Schwimmanfänger deutlich erhöhen. Und sollte der Lockdown nicht zeitnah zu Ende gehen, droht Schwimmschulen und -vereinen gar das Aus. Damit würde sich das eh knappe Angebot an Anfängerkursen für Kinder noch weiter reduzieren.

Christian Zwengel, Geschäftsführer der Schwimmschule Delphin, die in Seevetal und Alstertal Schwimmkurse anbietet, spricht von einem „enormen Schaden“ sowohl für die Kinder als auch für die Anbieter. „Normalerweise kommen zu uns 1600 Kursteilnehmer pro Woche in die Schwimmschule“, so Zwengel. „1000 davon sind Kinder.“ Doch zwischen März und November konnte die Schwimmschule nur mit Einschränkungen öffnen. Die Kosten für die 50 Mitarbeiter und den Schwimmbadbetrieb aber laufen weiter. Für das Unternehmen eine Belastung, die nicht mehr lange zu tragen sein wird.

„Wir können noch ganze drei Monate zahlen, dann ist bei uns Schluss “, sagt Christian Zwengel. Und selbst, wenn es im Januar wieder losgehen sollte, werde die lange Schließungszeit Folgen für alle haben. „Die Wartelisten waren schon vor Corona lang“, so Zwengel. „Jetzt werden sich Schwimmanfänger zwei bis drei Jahre bis zum Start eines Kurses gedulden müssen.“

Angespannt ist die Situation auch in der Robby Schwimmschule in Buxtehude. „Wir haben aktuell 500 Kinder auf der Warteliste“, sagt Geschäftsführerin Esther Deppe-Becker. „Wer sich jetzt anmeldet, wird mindestens zwei Jahre auf einen Platz warten müssen.“ Die Unternehmerin versteht nicht, warum Schwimmschulen nicht öffnen dürfen, obwohl sie doch einen Bildungsauftrag hätten, so wie Musikschulen, deren Unterricht weiter stattfinden dürfe.

Kinderkurse mit Wartezeiten von bis zu drei Jahren

„Was ist denn wichtiger, Blockflöte zu lernen oder schwimmen zu können?“, fragt sie. Schwimmen zu können, heiße auch, Leben zu retten. Genau diesen Gedanken hat sie versucht, an verantwortliche Stellen weiterzugeben. Sie hat sich ans Wirtschaftsministerium in Hannover gewandt, das Kultusministerium angeschrieben, bei Gesundheitsbehörde und dem Ordnungsamt angefragt. Ohne Erfolg. „Keiner will die Verantwortung übernehmen“, sagt sie. „Das ist das schlimmste.“

Doch nicht nur den privaten Schwimmschulen steht das Wasser bis zum Hals. Auch die Schwimmvereine geraten zunehmend unter Druck. „Jeder Monat, den wir zu haben, bedeutet in der Schwimmausbildung ein extremes Defizit“ , sagt Hartmut Whirl, Geschäftsführer des Turn- und Schwimmvereins Harburg (TuS Harburg). In dem Verein in Bostelbek finden normalerweise jede Woche 22 Kurse für Schwimmanfänger statt. Je Kursblock lernen 220 Kinder das Schwimmen.

75.000 Euro Einnahmen fehlen

Drei Kursblöcke gibt es im Jahr. Doch in diesem Jahr konnte aufgrund der Schließungen nur ein einziger zu Ende geführt werden. Die Folge: 75.000 Euro Einnahmen fehlen. Hartmut Whirl ist dennoch optimistisch. „Wir haben gut gewirtschaftet, werden auch den zweiten Lockdown verkraften, wenn es uns gelingt, die entsprechenden Fördertöpfe zu mobilisieren.“

Für die Kinder, die in diesem Jahr nicht ihren Schwimmkurs beginnen konnten, soll es, so die Hoffnung des sportlichen Leiters Christian Heidusch im kommenden Frühjahr losgehen. „Wir planen, dass die Schwimmschule frühestens im Februar weitergeht“, sagt Heidusch. „Das bedeutet, dass sich alle folgenden Kurse nach hinten schieben. Eltern, die ihr Kind für einen Kurs anmelden, können f rühestens mit einem Start in eineinhalb Jahren rechnen.“

Wir haben eine Verantwortung für unsere Kinder und Jugendlichen“

Auch beim Winsener Schwimmverein werden in diesem Jahr 120 Schwimmanfänger nicht ihr Seepferdchen machen können. Da aber die Mitgliederzahl trotz geschlossener Bäder stabil geblieben ist, geht es dem Verein finanziell nach wie vor gut. „Wir gehen aber davon aus, dass die Zahl der Austritte zunehmen wird“, sagt der 2. Vorsitzende Dietmar Kruse. Seine Forderung an die Politik: „Gebt dem Sport mehr Wichtigkeit! Bildung ist wichtig, aber körperliche Ertüchtigung ebenso.“

Auch der DLRG hat eine klare Forderung: „Bäder möglichst schnell wieder öffnen und dann vorrangig für die Schwimmausbildung zur Verfügung stellen, andere sportliche Aktivitäten müssen dann auch mal zurückstehen“, sagt Oliver Liersch, DLRG-Landespräsident in Niedersachsen. Ohne besondere Zusatzanstrengungen und zusätzliche Kurse würden alle, die Schwimmkurse in Niedersachsen anbieten, es nicht schaffen, den zusätzlichen Bedarf zu decken.

„Wir haben eine Verantwortung für unsere Kinder und Jugendlichen“, so Liersch. „Nach dem Laufen lernen sollten sie als nächstes das Schwimmen lernen – eine Grundfertigkeit und Grundfähigkeit. Wir können nur immer wieder sagen: Auch in Planschbecken, kleinen Bächen und Teichen kann man ertrinken.“

Bald fehlen Ehrenamtliche

Philipp Neumann von der DLRG Ortsgruppe Maschen e.V. sowie seine Mitstreiterin Margret Holst vom DLRG Nordheide e.V. befürchten, dass die Corona-Pandemie auch den eigenen Nachwuchs und damit die Arbeit des DLRG in der Region schwächen wird. „Nachwuchs im Ehrenamt allgemein ist schon seit Jahren ein Problem. Die Abwanderung der Helfer, die in das Berufsleben starten, ein Studium beginnen oder eine Familie gründen, hat sich in den letzten Jahren verstärkt“, sagt Philipp Neumann.

„In der Vergangenheit konnten wir diese Defizite nur aufgrund der frühen Verbindung zur DLRG durch den Schwimmunterricht einigermaßen gut beherrschen.“ Er befürchtet, dass genau diese Verbindung zum Verein nun durch die Pandemie verloren gehen und damit die Zahl der ehrenamtlichen Schwimmtrainer sinken könne. „Ob sich die Lücken in der Schwimmausbildung dann schließen lassen, wird sich zeigen.“