Lesen, Schreiben, Rechnen

Hier lernen Kinder spielerisch für die Schule

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna Kastendieck
Zayneb Al-Hashimy, Leiterin des Duden Instituts in Harburg, zeigt, welche spielerischen Möglichkeiten genutzt werden können, um Kinder mit Lernschwäche unterstützen.

Zayneb Al-Hashimy, Leiterin des Duden Instituts in Harburg, zeigt, welche spielerischen Möglichkeiten genutzt werden können, um Kinder mit Lernschwäche unterstützen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Zayneb Al Hashimy eröffnet in Heimfeld das erste Duden Institut für Kinder mit Lese-, Schreib- und Rechenschwäche.

Heimfeld.  Sie wird diesen Moment nie vergessen. Den Tag, als sie ihre erste Drei in einer Deutscharbeit schrieb. Zayneb Al-Hashimy war damals zwölf oder 13 Jahre alt. Sie besuchte die siebte Klasse eines Gymnasiums und war eigentlich eine gute Schülerin. Nur in Deutsch, da lief es überhaupt nicht. So sehr sie sich auch bemühte, mehr als eine Fünf brachte sie einfach nicht zustande. Erklären konnte sich das niemand. Denn in den Jahren zuvor, die das Mädchen mit ihren Eltern im Irak verbracht hatte, lief es in der Schule immer gut. Doch beim deutschen ABC hatte die Schülerin eine Blockade. Bis zu jenem besagten Tag, als es plötzlich „Klick“ machte. „Es war wie ein Bewusstseinswandel “, sagt sie. „Mit einem Mal konnte ich das Wissen, das ich längst in mir trug, auch umsetzen.“

Diese Erfahrungen ihrer Kindheit, dass alles im Leben seine Zeit braucht, und dass es Menschen geben muss, die an einen glauben, auch dann, wenn es nicht so gut läuft, haben sie geprägt. Zayneb Al-Hashimy ist überzeugt davon, dass jeder Mensch Lesen, Schreiben und Rechnen lernen kann – und dass es viele Zugänge zum Lernen gibt. Genau diesen Ansatz verfolgen auch die Duden Institute für Lerntherapie, von denen es bundesweit inzwischen mehr als 80 Dependancen gibt. Jetzt eröffnet ein weiteres Institut am Standort Heimfeld. Leiterin der Einrichtung ist Zayneb Al-Hashimy.

„Jedes Kind bringt die Fähigkeiten für erfolgreiches Lernen mit“, sagt sie. „Manchmal aber braucht es ein wenig Unterstützung, um diese Fähigkeiten zu entwickeln.“ Diese Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit Rechenschwäche oder Lese-Rechtschreibschwäche bietet die studierte Ethnologien und Lerntherapeutin künftig in Heimfeld an. Eröffnung der neuen Einrichtung in den ehemaligen Räumen des Imbiss’ Böttcher an der Heimfelder Straße 13 ist am heutigen Montag.

Jedes Kind kann Lesen, Schreiben und Rechnen lernen

Das Institut ist, neben den Standorten in Niendorf, Blankenese und Poppenbüttel, das vierte in Hamburg und das zweite in der Süderelberegion. In Nenndorf (Gemeinde Rosengarten) gibt es das Angebot bereits seit Mai 2019 (das Abendblatt berichtete).

Die Idee, die allen Einrichtungen zugrunde liegt, ist, dass jedes Kind Lesen, Schreiben, Rechnen und Englisch lernen kann. Selbst dann, wenn es extreme Lernschwierigkeiten hat. „Integrative Lerntherapie“ nennt sich das Konzept, dessen Ziel es ist, das Selbstwertgefühl und die Lernmotivation eines Kindes zu verbessern. „Wir entwickeln gemeinsam mit dem Schüler Fähigkeiten, die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen sind“, sagt Lerntherapeutin Zayneb Al-Hashimy. „Denn fest steht: Jedes Kind und jeder Erwachsene kann Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Es gilt nur, den jeweils passenden Weg zu finden.“ Und zwar auf spielerische Art und Weise. „Kinder sind per se Forscher, sie wollen die Dinge entdecken und begreifen. Oft fehlt ihnen nur der Zugang. Wir lassen sie in einem angeleiteten Rahmen selbst das zu Erlernende entdecken. Diese Erfahrungen steigern das Selbstwertgefühl und verbessern die Lernmotivation eines Kindes.“

Das Konzept der integrativen Lerntherapie verbindet die jeweilige Fachdidaktik mit Elementen aus anderen Therapieformen wie Spiel-, Ergo- oder Familientherapie. „Wir beziehen bei unserer Arbeit sowohl die Familie als auch die Lehrkräfte der Schule mit ein“, sagt Zayneb Al-Hashimy. Ziel sei eine ganzheitliche Entwicklungsförderung, mit dem Ergebnis, dass der Schüler oder die Schülerin wieder problemlos am Unterricht teilnehmen kann, statt dauerhaft abgehängt zu werden.

Miteinander von Lerntherapie, Elternhaus und Schule

Raus aus der Schublade, weg vom Stigma „ich kann das ja eh nicht“, hin zum eigenen, passenden Weg für jedes Kind - das ist das Ziel, das die Mitarbeiter im Duden Institut mit ihren Schülern verfolgen. „Man geht davon aus, dass pro Klasse zwei bis drei Kinder von einer Lernschwäche betroffen sind“, sagt die Institutsleiterin. „Diese Kinder individuell zu fördern, ist für die Lehrer in der heutigen Klassenstärke aber nicht leistbar. Hier wollen wir mit unserem Know-how unterstützen. Es geht dabei um Kooperation, um ein Miteinander von Lerntherapie, Elternhaus und Schule zum Wohle des Kindes.“

Die Kinder bekommen in der Therapiestunde die Gelegenheit, Strategien zu erproben und Lern- bzw. Arbeitstechniken praktisch zu erwerben - also ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Reflexion. In unterschiedlichen Zusammenhängen erläutern die Kinder immer wieder ihre Entdeckungen und Vorgehensweisen. So können grundlegende fachliche Inhalte im Deutschen, in der Mathematik und im Englischen erworben und dauerhaft gesichert werden.

Bevor sich Eltern für eine Lerntherapie entscheiden, gibt es ein kostenloses, unverbindliches Beratungsgespräch. Darin werden die Probleme des Kindes sowie Konzept, Ablauf und Finanzierungsmöglichkeiten der Lerntherapie besprochen. Im anschließenden Diagnosetermin geht es um die allgemeinen Voraussetzungen, die ein Kind zum Erlernen des Problemfachs benötigt, aber auch um die Entwicklungsgeschichte des Kindes bzw. das Lernumfeld. Darauf beruhend wird ein individueller Therapieplan erstellt, der speziell auf die Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten ist.

Angebot ist eine Chance für Eltern und ihre Kinder

Die meisten Kinder, die zur Lerntherapie angemeldet werden, sind Grundschüler. Sie kommen einmal pro Woche für 45 Minuten ins Duden Institut. Und sie kommen, so die Erfahrungen der Therapeuten, gern, weil sie hier oft zum ersten Mal erleben, dass ihre Voraussetzungen als Lernende und die Anforderungen im Lernprozess zusammenpassen und sie erfolgreich sein können.

Mit der Eröffnung eines eigenen Instituts erfüllt sich Zayneb Al-Hashimy, die unter anderem zehn Jahre als Museumspädagogin im Museum für Völkerkunde gearbeitet hat und im Landkreis Harburg zu Hause ist, den Herzenswunsch, auch künftig im Beruf etwas Sinnstiftendes zu tun. „Ich sage meinen eigenen Kindern immer, man kann alles zum Guten drehen“, so die vierfache Mutter. „Ich möchte diese Überzeugung auch den Kindern vermitteln, die zu uns ins Institut kommen.“ Das Angebot sei eine unheimliche Chance für Eltern und Kinder. „Aber auch für mich ist die Aufgabe ein großes Glück. Ich wachse mit jedem Kind, das durch die Tür kommt.“

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