DeepGreen Development

Baustart für Neubau mit radikalem Öko-Konzept

Die Nord-Fassade soll mit unterschiedlichen Kletterpflanzen begrünt werden.

Die Nord-Fassade soll mit unterschiedlichen Kletterpflanzen begrünt werden.

Foto: DeepGreen Development / AT

In Fischbek entstehen jetzt zwölf Stadthäuser mit Holzwänden aus einem alten Dachstuhl, Fassaden-Photovoltaik und Gewächshäusern auf dem Dach.

Fischbek.  Es ist ein bizarres Geflecht aus kantigen Balken, das nahezu drei Stockwerke hoch in den Himmel ragt: Noch ist hier am Ende des Ostflügels der früheren Fischbeker Röttiger-Kaserne ein Teil des alten Dachstuhls zu sehen, das meiste davon ist bereits demontiert. „Wir werden das Holz aber nicht entsorgen, wie sonst bei Altbau-Sanierungen, sondern wir werden es jetzt ernten“, sagt Matthias Korff, der den Besucher durch die vielen Gänge und Räume des in den 1940er-Jahren gebauten Backsteingebäudes hierher geführt hat, um genau diese Mächtigkeit der alten Konstruktion zu zeigen.

Korff ist Geschäftsführer des Hamburger Immobilien-Unternehmens DeepGreen Development, das derzeit den Kasernenkomplex zu einer Seniorenresidenz umbaut. Und dabei sei dann die Idee für ein ziemlich radikales Öko-Konzept entstanden, das Korff jetzt für einen Neubau auf dem Areal an der Landgrenze zu Niedersachsen ebenfalls umsetzen und dabei viel Material aus der Kasernen-Sanierung wiederverwenden will. „Smoodje“ – so nennt er das Projekt mit insgesamt zwölf „Townhäusern“, wobei jeweils ein oberes Reihenhaus quasi auf einem unteren gebaut wird. „Smoodje“ spielt mit der norddeutschen Bezeichnung für einen Schiffskoch (Smutje) und steht dabei für „smart“ und „Wood“, weil eben wiederverwertbares Holz zum Einsatz kommt.

120 bis 150 Quadratmeter groß werden die Häuser jeweils sein und ganz coronamäßig neben Schlaf- und Wohnzimmern auch ein Arbeitszimmer für das Home-Office erhalten. Optisch auffallend wird eine dunkle Fassade aus abgeflammten Hölzern als natürliche Regenschutzschicht sein.

Das eigentlich Besondere an den zwölf Häusern aber ist die Bauweise, die in Sachen Nachhaltigkeit und Energiebilanz Maßstäbe setzen dürfte, wie er sagt. Gerade hat der Unternehmer dazu die Baugenehmigung erhalten. „Wir können jetzt in Neugraben das bauen, was in der HafenCity noch als Zukunftsvision gehandelt wird“, sagt Korff. Tatsächlich dürfte er mit der Kombination aus Wiederverwertung und alternativer Energieerzeugung bei diesem Neubau einige neue Wege einschlagen.

Das fängt bei den massiven, 20 Zentimeter starken Holzwänden an, die eben zu großen Teilen aus den Dachbalken des benachbarten Altbaus gewonnen werden und für ein ausgewogenes Raumklima sorgen sollen. „Völlig unbehandeltes Holz, das wir jetzt in einer Feld-Werkstatt direkt an der Baustelle aufbereiten werden – und so auch Transporte einsparen“, wie Korff sagt.

Selbst der alte Estrich wird wiederverwendet

Den Estrich in der alten Kaserne lässt er gerade von belasteten Fußbodenbelegen trennen, um ihn im Neubau als Recyclingmaterial weiter zu verwenden. Auch das Glas der alten Fenster wird wiederverwertet – als Schutzschicht für die Photovoltaikanlagen, die bei dem „Smoodje“ nicht nur auf dem Dach, sondern auch an Süd- und West-Fassade installiert werden. Im Keller plant Korff dafür einen Salzwasser-Stromspeicher, der zwar größer als übliche Akkus sei, aber eben ohne problematische Grundstoffe auskomme. „Den Platz dafür haben wir“, sagt Korff. Geplant seien auch eine Regenwasserzisterne sowie eine Aufbereitung des Grauwassers für die WC -Anlagen, so dass „weitestgehend“ eine Energie- und Wasser-Unabhängigkeit erreicht werde.

Nord-Fassade und das Dach sollen zudem mit Kletterpflanzen begrünt werden, um die Bodenversiegelung auszugleichen. Nicht mit Efeu, der wegen der ätherischen Öle in der Pflanze eine höhere Brandgefahr darstelle, sondern unter anderem mit Rosen oder auch dem schnell wachsenden Knöterich. Oben auf dem Dach erhalten die Bewohner der oberen Häuser jeweils ein eigenes Gewächshaus, unten gibt’s kleine Gärten. Baustart soll demnächst Anfang des kommenden Jahres sein, im Sommer bereits rechnet Korff mit der Fertigstellung der Häuser, die dann verkauft werden.

Karriere begann mit analogem Preisvergleichsportal

Das Projekt „Smoodje“ ist dabei eine Art Fortsetzung von Vorhaben, bei denen Korff und sein Unternehmen vor allem auf Massivholz als Baustoff setzen. „Ohne Leim und andere giftige Bestandteile“, wie Korff sagt, der selbst in Wilhelmsburg in einen fünfgeschossigen Holzbau wohnt, den er 2013 zur Internationalen Bauausstellung IBA dort gebaut hat. Auch in der HafenCity plant DeepGreen Development zurzeit ein mehrgeschossiges Holzgebäude mit Dach-Gewächshaus. „Aufs Holz bin ich gekommen, weil ich selbst schon zwei Mal aus schadstoffbelasteten Häusern ausziehen musste“, sagt Korff, der beruflich eigentlich zunächst als junger Mann ganz andere Wege eingeschlagen hatte.

Der 52-Jährige ist in Bergedorf aufgewachsen und hatte mit Anfang 20 schon ein Preisvergleichsportal aufgebaut. Damals noch in der analogen Zeit, in der per Telefon und Katalog gearbeitet wurde. Die Lizenz für seine Geschäftsidee konnte er schließlich für viel Geld verkaufen. „Mit 22 habe mich richtig reich gefühlt“, so Korff. Damals suchte er nach Investitionsmöglichkeiten, entwickelte sich darin weiter und fand sich bald wieder als jemand, der Investoren für eine Reha-Klinik zusammenbrachte. Und über diesen Umweg dann wurde aus dem Verkaufstalent ein Projektentwickler, sich auf die oft komplizierte Sanierung und Neunutzung von alten Kasernen spezialisierte – so wie eben derzeit in Fischbek. Und oft befanden sich diese Vorhaben wie jetzt auch in einer eher wenig begehrten Stadtrandlage. „Da muss man dann eben schon ziemlich geile Projekte daraus machen“, sagt Korff.