Fraunhofer Center zieht ein

Binnenhafen wird maritimes Forschungsgebiet

Diese Visualisierung zeigt das neue Forschungsgebäude des Fraunhofer CML am Lotse- und Kaufhauskanal. Die Fassade wird allerdings aus rotem Backstein sein.

Diese Visualisierung zeigt das neue Forschungsgebäude des Fraunhofer CML am Lotse- und Kaufhauskanal. Die Fassade wird allerdings aus rotem Backstein sein.

Foto: Lehnhardt_Hamburg / Lehnhardt_Hamburg/CML

Ein Kran dreht sich über der Dachfläche des achtstöckigen Gebäudes. In einem Jahr soll es bezugsbereit sein

Harburg . Derzeit befindet sich auf dem Binnenhafen-Grundstück am Lotsekanal/Ecke Kaufhauskanal eine große Baustelle. Doch in gut einem Jahr wird hier geforscht und experimentiert, auch auf dem Wasser. Dort fährt dann vielleicht ein kleiner autonomer Katamaran namens SeaML auf dem Kanal, eine Flugdrohne ist im Anflug und landet auf dem nicht einmal zwei Meter großen „Forschungsschiff“. Oder eine Unterwasserdrohne kommt vorbei, um bei ihm ihre Daten abzuliefern. Dass der Binnenhafen nun auch wasserseitig zum Technologiequartier wird, dafür will das Fraunhofer Center für Maritime Logistik (CML) sorgen.

Im Oktober feiert das CML sein zehnjähriges Bestehen. Es war die erste Einrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft in Hamburg. Seit der Gründung leitet Professor Carlos Jahn das maritime Forschungscenter. Er hat zugleich einen Lehrstuhl an der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Dort arbeitet das CML derzeit noch, in beengten Verhältnissen. „Zunächst war die Finanzierung des CML auf fünf Jahre befristet. Wir machen angewandte Forschung, arbeiten marktorientiert. Da musste sich erst einmal zeigen, dass unsere Themen gefragt sind.“ Er habe nie das Gefühl gehabt, dass das CML nicht überlebe, so Jahn, „aber dass es so erfolgreich wird, dass wir hier jetzt einen großen Neubau bekommen, das hätte ich nicht gedacht.“

Ein Kran dreht sich über der Dachfläche des achtstöckigen Gebäudes. In einem Jahr soll es bezugsbereit sein. Äußerlich passt es sich mit seiner Backstein-Fassade der ursprünglichen, gut 100 Jahre alten Binnenhafen-Industriearchitektur an, innen wird hochmoderne Spitzenforschung betrieben. Mit seiner abgeschrägten Ostfassade und den waagerechten Fensterfronten lehnt sich das Gebäude an einen Schiffsaufbau mit Steuerbrücke an. Der Mast auf dem Dach mit seinen zahlreichen Antennen werde diesen Eindruck noch verstärken, sagt Jahn. Der CML-Chef läuft durch den Rohbau, schaut sich im siebten Stock in dem Bereich um, in dem später sein Büro sein wird – natürlich mit Hafenblick.

SeaML ist mit vielen Sensoren

In den unteren Stockwerken sind die ersten Fenster, zum Teil auch nur die Rahmen montiert, an anderen Stellen werden die Gebäudeöffnungen mit Holz abgedeckt, damit im Winter leicht geheizt werden kann. Schließlich soll der Innenausbau weitergehen – viele Materialien brauchen für ihre Verarbeitung mindestens fünf Grad. Insgesamt 1600 Quadratmeter Bürofläche und 800 Quadratmeter Laborfläche wird der Forschungsbau direkt neben der Fischhalle Harburg einmal bieten. Heute ist das CML auf drei verschiedene benachbarte Gebäude auf dem TUHH-Campus verteilt und verfügt gerade einmal über ein Drittel der Fläche.

Mit den Räumlichkeiten wird das CML-Team wachsen, von heute 40 auf zunächst 80 Mitarbeiter. Sie werden im Binnenhafen deutlich bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Jahn nennt ein Beispiel: „Auf dem Dach werden leistungsfähige Antennen Daten vom realen Hafenverkehr liefern. Die brauchen wir für Projekte, die sich mit digitalisierten Logistikprozessen in Häfen und in der Schifffahrt befassen. Heute ist der Empfang schlecht, die Daten sind nur sehr eingeschränkt zugänglich.“

Auch werden der große Versuchsraum im Erdgeschoss des Neubaus und der vorgelagerte Ponton am Kanal es den Forschern ermöglichen, ihre schwimmende Technikplattform SeaML in wenigen Minuten zu Wasser zu lassen. Derzeit schippert der knapp zwei Meter lange Katamaran bei verschiedenen Tests über den klaren Kreidesee bei Hemmoor. Die größte Tücke des Transports dorthin ist die Tür des Technikraums in der TUHH. SeaML passt nicht im Ganzen hindurch und muss deshalb nach jedem Einsatz zerlegt und bei der nächsten Testreihe wieder zusammengeschraubt werden.

Autonome Schiffe

SeaML ist mit vielen Sensoren bestückt und die Speerspitze des Projekts Robovas, das Roboter-Schiffe entwickelt. Autonom fahrende Arbeitsschiffe sollen eines Tages Dienstleistungen im Hafen übernehmen, etwa in Echtzeit genaue Tiefenprofile von Fahrrinnen und Hafenbecken erstellen und die Daten einem einlaufenden Containerriesen übermitteln. Oder sie tauchen ab und untersuchen Schiffsrümpfe und Schrauben oder inspizieren Kaimauern. Am neuen Domizil im Binnenhafen soll ein weiteres autonomes Fahrzeug hinzukommen.

Es wird mit rund acht Metern Länge die Größe einer kleineren Yacht haben. „Wir werden hier eine Technikplattform bieten können, die auch Firmen mehr Möglichkeiten gibt, Dinge erproben zu können.“ Die autonomen Schiffe gehören zum Bereich Schiffbau, eines der vier Forschungsfelder des Fraunhofer CML. Ebenfalls am Start sind ferngesteuerte Arbeitsschiffe, wie beim Projekt FernSAMS. Ziel ist es, einen Hafenschlepper vom Land aus zu steuern. Mit einem drei Meter großen Modell lief es so gut, dass im Herbst erste reale Versuche in Rotterdam geplant waren. Die Corona-Pandemie kam dazwischen: „Die Reederei lässt keine firmenfremden Personen an Bord ihrer Schiffe“, so Jahn. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Schifffahrt. Hier arbeiten die Forscher mit acht Partnern in der „Exzellenzinitiative Schiffsmanagement“ zusammen.

Es geht zum Beispiel um die Optimierung des Personaleinsatzes bei Reedereien, die ihre Schiffe je nach Größe und Zahl der anzulaufenden Häfen unterschiedlich bestücken müssen, aber auch beim Kapitän an Bord, der seine Crew möglichst effizient einsetzen möchte. Logistik-Prozesse in Häfen sind ein weiteres Themenfeld. Hier entwickeln die CML-Forscher unter anderem Simulations-Software, mit der sich logistische Abläufe verbessern oder Energieverbräuche reduzieren lassen. Das vierte Forschungsfeld, die maritime Logistik, ist damit thematisch eng verwandt.

Jahn: „Beim Projekt MISSION arbeiten wir zusammen mit dem Hafen Lübeck, der Lufthansa Technik und der Uni Lübeck daran, die verschiedenen Akteure in Häfen und im Hinterland stärker miteinander zu vernetzen. Dazu gehört eine Plattform, auf der jeder Teilnehmer selbst bestimmen kann, welche Daten er wem zur Verfügung stellt. Heute lässt sich das nicht ausreichend differenzieren. Deshalb sind viele Akteure nicht bereit, sich in Netzwerke einzubringen.“ Eigentlich sollten alle vier Themenbereiche gleichwertig sein, so Jahn. Doch da das CML Auftragsforschung betreibe, sei das nur begrenzt steuerbar. „Aber alle vier Forschungsfelder passen ideal in den Binnenhafen.“