Pilotprojekt

Kinder testen neue Bildungsplattform

Houda Mbarek, Leiterin des Harburger Löwenhauses, mit Kindern und Jugendlichen in der Küche der Einrichtung. Zum neuen digitalen Bildungsangebot gehört auch gemeinsames Kochen per Live-Video.

Houda Mbarek, Leiterin des Harburger Löwenhauses, mit Kindern und Jugendlichen in der Küche der Einrichtung. Zum neuen digitalen Bildungsangebot gehört auch gemeinsames Kochen per Live-Video.

Foto: Lena Thiele

Das Löwenhaus ist Partner der Organisation IMPCT. Die schuf mit „Homees“ ein digitales Angebot für Einrichtungen der sozialen Hilfe.

Harburg.  Gemeinsam tanzen, basteln, kochen – das geht auch im virtuellen Raum. Die üblichen Plattformen wie Tiktok oder Youtube bergen jedoch Gefahren für Kinder und Jugendliche, sichere Alternativen gibt es bisher kaum. Das Harburger Löwenhaus nutzt jetzt als eine der ersten sozialen Einrichtungen in Hamburg die neue digitale Bildungsplattform Homees. Die Kinder, die nach der Schule ins kommen, haben es zu Hause meist nicht leicht. Sie wurden vernachlässigt, misshandelt oder haben eine traumatische Flucht hinter sich. Ein Viertel mit besonderen Herausforderungen nennt Leiterin Houda Mbarek das Phoenix-Viertel nahe dem Harburger Bahnhof. Für die Kinder gibt es im Löwenhaus zwei Mahlzeiten am Tag sowie verschiedene Bildungs- und Freizeitangebote. Seit einigen Monaten – die Corona-Pandemie hat die ohnehin geplante Digitalisierung unerwartet beschleunigt – werden auch Kurse per Live-Video auf der Plattform „Homees“ angeboten.

Die Idee dazu stammt von IMPCT, einer gemeinnützigen Organisation aus der Hansestadt, die Sozialbusiness- und gemeinnützige Projekte unterstützt. „Wir bringen Innovationen, Politik, Geldgeber und Förderer zusammen“, fasst Gründerin und Geschäftsführerin Tanja Ferkau das Prinzip zusammen. Ihr Team hat eine digitale Plattform für Einrichtungen der sozialen Hilfen entwickelt, auf der diese sicher Inhalte mit Kindern und Jugendlichen teilen können. Die Pilotphase läuft derzeit im Harburger Löwenhaus sowie in der Stadtinsel in Hamburg-Mitte.

Der Bereich, in dem zum Beispiel Videos mit Wissens-, Kreativ- und Sportangeboten eingestellt werden können, ist nur der erste Baustein für ein umfassendes Produkt. Künftig soll „Homees“ auch als Schnittstelle zur Schule dienen, einen Messengerdienst beinhalten und die Hilfe- und Beratungsangebote verschiedener Anbieter besser sichtbar machen. „Unser Ziel ist es, die Einrichtungen ins digitale Zeitalter zu bringen“, sagt Tanja Ferkau.

„Homees“ soll auch interaktive Bestandteile enthalten

Die 51-Jährige hat nach ihren Kulturwissenschaften- und BWL-Studium viele Jahre im Strategiebereich eines großen Konzerns gearbeitet, eine eigene Agentur gegründet und ist nun auf Beratung, Unternehmensstrategie und Organisationsentwicklung spezialisiert. Zusammen mit Donald Vogel, Nicola Baum und Jeremy Abbett, der für die Technik verantwortlich ist, leitet sie das IMPCT-Team aus Informatikern, Ehrenamtlichen, Studierenden und Programmierern. Die Plattform, die sie entwickelt haben, funktioniert wie ein Baukastensystem, das jede Einrichtung an ihre Bedürfnisse anpassen kann.

Es soll einfach einzurichten und einfach zu nutzen sein, betont Tanja Ferkau. „Wenn es zu komplex, kompliziert und zeitaufwendig ist, wird es aufgrund von Ressourcenmangel von den Einrichtungen nicht angenommen. Und Kinder sind dann aktiv, wenn die Dinge ihnen Spaß machen.“ Deshalb soll „Homees“ auch interaktive Bestandteile enthalten.

Natürlich sei es schwieriger, diesen Weg in einer spendenfinanzierten Bildungseinrichtung zu gehen als in einem Unternehmen, das auf digitale Arbeit umstellt, sagt sie. Viele Einrichtungen seien technisch schlecht ausgestattet, die Kinder hätten oft ein Handy, aber keinen Zugang zu anderen digitalen Geräten.

Dieses Problem hat das Löwenhaus bereits zum Teil gelöst. Die API Kinder- und Jugendstiftung spendete 20 Tablets mit Prepaid-Internetzugang. Da einige Geschwister die Geräte gemeinsam nutzen, kann das Team nun etwa 35 Kinder auch auf diesem Weg erreichen. Zu festen Zeiten können sie zum Beispiel an Tanzkursen teilnehmen, gemeinsam kochen oder basteln und sich Geschichten erzählen lassen. Wenn neue Videos eingestellt sind, erhalten die Kinder eine Nachricht.

Das Vorlesen komme besonders gut an, sagt Houda Mbarek, die das Haus seit fast zehn Jahren leitet und zuvor Lehrerin für Deutsch und Geschichte war. „Das saugen die Kinder regelrecht auf.“ Die Organisation sei allerdings nicht immer ganz einfach. Für den ersten Kochkurs werden Pakete gepackt, die die Teilnehmer, die sich Milchreis gewünscht haben, mit nach Hause nehmen. Auch das gesamte übrige Angebot wird nach den Wünschen der Kinder geplant.

Am Bildschirm ist immer ein Mitglied des Löwenhausteams dabei, das aus etwa 15 Sozialarbeitern, Erziehern, Praktikanten und Ehrenamtlichen besteht. Ein wichtiger Punkt ist ihnen die Sicherheit im Netz. „Es ist erschrecken, wie sorglos die Kinder im Internet unterwegs sind“, sagt Houda Mbarek. Deshalb steht auch das Thema Cybermobbing auf der Planungsliste. Die Tablets können nur für das Löwenhaus-Angebot genutzt werden. Weder Youtube noch Tiktok können die jungen Nutzer, die oft einen Großteil ihrer Freizeit im Netz verbringen, damit aufrufen. Dafür sollen in einem nächsten Schritt schulische Apps integriert werden, die die Schüler zum Beispiel für die Hausaufgaben brauchen.

Das Haus soll Chancengleichheit für alle bieten

Die Homees-Plattform habe mehrere Vorteile, sagt die Leiterin. „Wir wissen, wer Zugriff darauf hat, und was dort angeboten wird. Und wir können es selbst gestalten. Es ist ein komplett geschützter Raum.“ Dieser Anspruch hat seinen Preis: Der Aufbau in der Pilotphase ist teuer und es steckt viel pädagogische Arbeit dahinter.

Wenn weitergehende Hilfe benötigt wird, soll die Plattform künftig auch eine Übersicht über die vielfältigen Hilfs- und Beratungsangebote von Städten, Kommunen, freien Träger und Wohlfahrtsverbänden bieten. Denn es gebe zwar sehr viele solcher Angebote, sagt „Homees“-Initiatorin Tanja Ferkau. Doch die Kinder und Jugendlichen hätten meist keinen Zugang dazu, weil ihnen die entsprechenden Informationen fehlen. Sie sollten aber auch in Zeiten, in denen sie nicht in ihre Einrichtung gehen können, solche Beratungsstellen finden können. Auf die Entwicklung des Piloten www.homees.org folgte ein Fragebogen an die Einrichtungen, um das Angebot an ihre Bedürfnisse und an die der Kinder anzupassen. Zurzeit wird ein Prototyp für das Endprodukt konzipiert, im Frühjahr 2021 könnte dieser in den Einsatz gehen. Dann können weitere Einrichtungen die digitale Plattform nutzen und damit Kindern und Jugendlichen, die sie betreuen, zusätzliche Möglichkeiten zu Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben bieten.

„Wir wollen hier im Haus Chancengleichheit schaffen, damit die Bildungsungerechtigkeit nicht noch größer wird. Diesen Ansatz haben wir auch auf Homees projiziert“, sagt Houda Mbarek. Das analoge und das digitale Angebot sollten gleichberechtigt nebeneinander bestehen. „Der persönliche Kontakt ist unerlässlich. Aber es ist auch wichtig, mit der Zeit zu gehen. Wir müssen ein Angebot liefern, das mit Kusshand genommen wird.“

IMPCT bringt Akteure zusammen

IMPCT ist ein gemeinnütziges Unternehmen mit Sitz in Hamburg, das gesellschaftliche Akteure zusammenbringt. Die Macher wollen Räume schaffen, in denen Unternehmertum und sozialer Mehrwert, ökonomisches Denken und ökologisches Bewusstsein, finanzielles Wachstum und kultureller Nutzen zusammen neu gedacht werden. Ziel ist es, gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern – mit Hilfe von Lösungsansätzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Das Team fördert NGOs und Initiativen des Bereichs Social Business und berät Unternehmen sowie Stiftungen.


Schirmherrin
ist Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung. Sie sagt: „Der Brückenschlag zu einer lebenswerten Zukunft in unserer Stadtgesellschaft kann nur durch das gemeinwohlorientierte Zusammenspiel aller ökologischen und ökonomischen Kräfte unter der Berücksichtigung der sozio-kulturellen Grundkoordinaten gelingen.“


Unterstützt
wird die Organisation durch die Hamburger Stiftungen Körber-Stiftung, Claussen Simon Stiftung, Hans Weisser Stiftung und Homann Stiftung. Weitere Informationen zum IMPCT-Angebot aus Beratung, Förderung und Vernetzung gibt es im Internet auf www.impct.help. Einen Eindruck von der Bildungsplattform gibt es auf www.homees.org.