Kolumne

Von Paradies- und KZ-Äpfeln

| Lesedauer: 4 Minuten
Helge Adolphsen
Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg

Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Kolumne „Adolphsens Einsichten“ – heute über eine ganz besondere Frucht, Mut und Tradition

Ich mag Äpfel. Nicht nur, wenn sie rotbackig sind und in der Sonne glänzen. Ich esse jeden Tag mindestens einen. „An apple a day keeps the doctor away.“ Reinbeißen, es knackt, ich spüre die Frische.

Ich schätze die alte biblische Geschichte vom Apfel im Paradies. Mit den Äpfeln mitten im Garten, Früchte, die eine Lust für die Augen sind. Sie wachsen am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Verführerisch und verlockend trotz des Verbotes, davon zu essen. Erkenntnis macht klug, kann aber auch dazu führen, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen- wie Gott zu sein.

Ich freue mich immer wieder an dem Satz, den man Luther zugeschrieben hat: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Ein Mutmach-Wort gegen Angst und Schwarzsehen. Aus ihm spricht Zuversicht, Vertrauen ins Leben und Gottvertrauen. Ich fand jetzt die besondere Geschichte von einem Paradiesapfel.

Korbinian Aigner

Diese alte Sorte heißt „Korbinian“. Sie hat ihren Namen von dem katholischen Priester Korbinian Aigner. Er war Dorfpfarrer in Bayern. In der Nazizeit konnte dieser Mann seinen Mund nicht halten. Er wandte sich mutig gegen das Regime. Nach dem Attentat auf Hitler am 8. November 1938 im Münchner Bürgerbräukeller sagte er im Religionsunterricht, dass ein gelungenes Attentat viele Menschen hätte retten können. Er weigerte sich, Kinder auf den Namen „Adolf“ zu taufen. Er wurde angezeigt und kam 1940 zunächst für sieben Monate ins Gefängnis. Schließlich landete er im Priesterblock des KZ Dachau und musste Zwangsarbeit auf einer Plantage leisten. Dort züchtete er dann als Kenner der Apfelsorten vier Sorten „KZ-Äpfel“.

Woher er die Samen hatte, weiß man nicht. Sein Name findet sich im Gedächtnisbuch für Häftlinge von Dachau. Darin steht auch, von ihm später selbst eingetragen, dass eine Nonne einen Sämling aus dem Lager geschmuggelt hat. Die Züchtung des Paradiesapfels „ Korbinian“ gelang in der Technischen Universität München.

Das KZ-Dachau wurde kurz vor Kriegsende befreit. Der Häftling Aigner musste sich mit Tausenden von Häftlingen auf einen Todesmarsch nach Südtirol begeben. Ihm gelang die Flucht. Er versteckte sich in einem Kloster bei Starnberg und hat überlebt. Nach dem Krieg kehrte er in seine Gemeinde zurück. Er forschte weiter nach alten Apfelsorten und wurde zu einem anerkannten Fachmann in der Welt des Obstanbaus. Er hat die damals bekannten Apfelsorten dokumentiert und schuf in 50 Jahren gut 800 farbige Zeichnungen, die heute sogar auf Kunstausstellungen gezeigt werden. Der „KZ-3-Apfel“ von Korbinian Aigner wird noch heute angebaut.

Andreas Schneider

Der Obstbauer Andreas Schneider bewirtschaftet einen Bio-Obsthof in Frankfurt. Er pflanzt historische Apfelsorten. Der „KZ-3-Apfel“ wächst dort auf 30 Bäumen. Schneider erzählt den Besuchern bei den Führungen stets die Geschichte von Aigner. Zum 100. Geburtstag von Aigner, er starb 1966, wurde der Name des „KZ-3-Apfels“ in „Korbinian-Apfel“ geändert. Schneider bedauert das. Aber von KZ´s mögen viele nichts mehr hören. Schneider lobt den würzigen und aromatischen Geschmack dieser Apfelsorte.

Weil sie sich sehr gut für den Apfelwein eignet, kann er in einem guten Jahr 100 – 150 Liter keltern. In Norddeutschland gedeiht der Korbinian-Apfel nicht. Das hat mir Ludwig Hauschild aus Hollenstedt, auch ein Apfel- Fachmann, erklärt. Seine Versuche, ihn mit anderen alten Apfelsorten an einer Allee, die von Ochtmannsbruch nach Heidenau führt, zu züchten, missglückte. Er gehört also nach Bayern und in südlichere Gefilde.

Von dem „Apfelpapst“ Aigner wird berichtet, dass er bei schlechtem Wetter der Gartenarbeit seinen alten Häftlingsmantel anzog. Man erzählt sich auch, dass man ihm seinen alten Mantel mit ins Grab gegeben hat.

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