Zeitreise

Auf dem „Alten Postweg“ von Harburg nach Lüneburg

Nicht so leicht zu finden: Autorin Jana Wagner rekonstruierte den Verlauf des "Alten Postweges" anhand von alten und neuen Karten.

Nicht so leicht zu finden: Autorin Jana Wagner rekonstruierte den Verlauf des "Alten Postweges" anhand von alten und neuen Karten.

Foto: Jana Wagner / HA

Die historische Verbindung zwischen den Städten ist heute fast vergessen. Jana Wagner hat sich auf Spurensuche begeben.

Harburg/Lüneburg.  Die S-Bahn-Station Harburg Rathaus und den Platz „Am Sande” in Lüneburg trennen 35,66 Kilometer Luftlinie. Wer heute gut durchkommt, braucht dafür keine 40 Minuten. 40 Minuten, in denen sich die meisten Menschen über alles Mögliche Gedanken machen – nur nicht über den Weg, den sie da gerade zurücklegen.

Dabei ist gerade diese Strecke, die besonders viel über die Geschichte dieser Region vermitteln kann. Denn lange bevor der endlos stockende Verkehr auf der Bundesstraße 4 und der Metronom-Zwischenhalt in Winsen die größten Hindernisse auf der Reise wurden, verlief hier die wichtigste Verbindung zwischen Elbe und Heide: der „Alte Postweg” von Harburg über Maschen und Pattensen nach Lüneburg.

Zunächst nutzten ihn die Botenreiter des Mittelalters, später waren es die Postillione des 19. Jahrhunderts mit ihren Kutschen. So lange, bis die Eisenbahn kam und der historische Weg in Vergessenheit geriet. Wer sich heute auf die Suche nach seinen Überresten macht, dem erzählt der „Alte Postweg” noch ganz leise die Geschichten von gelben Postkutschen, vergessenen Waldgaststätten und wie sich das Leben über die Jahrhunderte verändert hat.

Harburg: Knotenpunkt an der Elbe

In der Harburger Schloßstraße spiegelt sich die Morgensonne sich in den weiß gerahmten Fenstern von Haus Nummer sieben. Vor 300 Jahren – als das hölzerne Tor neben dem historischen Fachwerkgebäude noch nicht mit einem Vorhängeschloss zugesperrt war – stellten hier Kutscher ihre Pferde und Fuhrwerke unter. Das Haus ist das älteste Gasthaus Hamburgs. „Zum Goldenen Engel“ ist noch auf einem Schild zu lesen, obwohl man drinnen gerade nichts zu essen bekommt. Es wird saniert.

Lange war die Gegend rund um den Harburger Hafen ein Transit-Knotenpunkt des Nordens. Waren und Briefe, die mit dem Fährschiff über die Elbe kamen, wurden hier auf Kutschen umgeladen, die den Transport ins Binnenland übernahmen. Deshalb ging von Harburg ein Netz aus Postwegen nach Bremen, Stade, Celle und eben Lüneburg ab. Mit der Zeit kamen dann auch immer mehr Reisende dazu, die mit den Postkutschen fuhren. Weil der Umstieg oft mit Wartezeiten verbunden war, siedelten sich im Umfeld des Kanalplatzes zahlreiche Gasthöfe an.

Der „Goldene Engel” stammt aus der Zeit, als der Postweg Harburg-Lüneburg offiziell in den Postkutschenfahrplan aufgenommen wurde: 1739. Zu dieser Zeit hatte die Harburger Schlossinsel noch ihre fünfeckige Sternform und war eine Festung. Das Leben hinter den Fachwerkmauern der Schloßstraße war geprägt vom Einfluss der Landesfürsten von Braunschweig-Lüneburg, zu deren Fürstentum Harburg damals gehörte. Umso wichtiger also, dass die Korrespondenz zügig über die Hansestadt Lüneburg zum Regierungssitz in Hannover gebracht wurde. Und so ging es früh los für die Postkutscher, rumpelnd die Schloßstraße entlang, und dann waren sie auch schon heraus aus der Stadt.

Maschen:Alten Wagenspuren im Wald

Heute dauert es bedeutend länger, aus der Stadt heraus zu kommen. Aus dem mittelalterlichen Postweg ist die Bundesstraße 4 geworden. Viele Kilometer Ausfallstraße übergangslos durch Wilstorf, Langenbek, Sinstorf, Fleestedt – kein Vergnügen, damals wie heute. Statt des endlos stockenden Verkehrs behinderte das Reisen auf den Postwegen damals allerdings der schlechte Zustand der unbefestigten Straßen. Speziell der Lüneburger Postweg schien allerdings besonders unbeliebt zu sein. Schriftsteller Joachim Heinrich Campe 1812 beschreibt die Strecke als „eine der ödesten, unfruchtbarsten und unangenehmsten Deutschlands.” Die Heide ringsherum gebe ein so trübseliges Ansehen ab, „dass man die Augen unwillkürlich schließt und sich freut, wenn man von einer Raste zur anderen schlafen, oder wenigstens wachend träumen kann.”

Davon ist in den Kutschen unserer Zeit keine Rede mehr. Selbst die Straße mit dem Namen „Alter Postweg“ in Maschen wirkt mit ihren gepflegten Vorgärten und geparkten SUVs wenig öde und trübselig. Das historische Erbe zeigt sich versteckt unter Nadelbäumen. Dort steht eine kleine Info-Tafel zur Geschichte der Straße. Das Grundstück, auf dem die Tafel steht, gehört Sybille und Joachim von Elsner. Sie wohnen, etwas zurück gesetzt, in einem Holzhaus. Der Tannennadel-bedeckte Boden zwischen Haus und Straße scheint von einem Graben durchzogen. „Das sind alte Wagenspuren“, erzählt das Paar. „Die einzigen, die hier in der Gegend noch übrig sind.”

Im sandigen Heideboden fuhren die Kutschenräder schnell tiefe Furchen aus. Um nicht stecken zu bleiben, wichen die Kutscher immer weiter nach rechts und links aus – bis zu 100 Meter war der Postweg an einigen Stellen breit. Kein Wunder also, dass dem ein oder anderen Fahrgast da mal etwas aus der Tasche fiel. Aus dem Haus holt Joachim von Elsner ein kleines gläsernes Medizinfläschchen. „Das haben wir auf dem Grundstück gefunden. Es kann gut sein, dass es von einer Postkutsche gefallen ist oder geworfen wurde.” Laut Aufschrift befand sich in dem Fläschchen übrigens passenderweise die weit verbreitete Hienfong-Essenz, ein hochprozentiges Mittelchen gegen Unwohlsein und Reiseübelkeit.

Ashausen:Weltgeschichte im Buchwedel

Vom privaten Freilichtmuseum der Elsners verläuft der „Alte Postweg“ knapp zwei Kilometer schnurgerade aus dem Ort heraus und hinein in den „Buchwedel” genannten Wald in Richtung Pattensen. Sanfte Hügel, Heidekraut am Wegesrand, nichts zu spüren vom Trubel früherer Zeiten. Bis der Weg plötzlich an einer kleinen, steinernen Brücke ankommt. Auf sechs Metern Kopfsteinpflaster verdichtet sich hier deutsche Geschichte. Die Gravur „Königlicher Wegebau 1789” im Schlussstein verrät, dass die Brücke über den Ashäuser Mühlenbach unter Georg III, dem Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg, gebaut wurde.

Der war gleichzeitig britischer König und wollte seine Straßen nach dem Siebenjährigen Krieg wieder gut in Schuss bekommen. Besonders wichtig war ihm dabei die Verbindung zwischen seinem Königshaus Hannover und der Regierung in London, und dabei war der Postweg ein bedeutendes Teilstück. Die postalischen Regierungsanweisungen passierten den Ashäuser Bach also trockenen Fußes. Genauso wie die französischen Truppen 14 Jahre später, die den frischen Wind der Aufklärung auf diesem Weg in die Heide brachten. Daher rührt auch der Name, unter dem einige Anwohner die Brücke kennen: „Napoleonbrücke”.

Einemhof:Ein internationaler Skandal

Weiter geht der Weg durch die Wälder, bis sich plötzlich eine stattliche Häusergruppe eröffnet: die Ortschaft Einemhof. Früher war hier ein Waldgasthof und der letzte Kutschen-Stopp vor Lüneburg, heute sind die drei verbliebenen Häuser ein Sinnbild für viele einsam an den ehemaligen Postrouten gelegene Orte, die mit dem Abebben des Postverkehrs verwaisten. In den 1880ern – die Ära der Postkutsche war da schon fast zu Ende – war der einsame Ort für kurze Zeit Schauplatz internationaler Klatschpresse. Was war passiert? Der belgische Prinz von Chimay hatte eine junge Amerikanerin geheiratet, Clara Ward. Alleine das sorgte schon für Aufsehen. Doch Clara verliebte sich in einen feurigen ungarischen Geiger, ließ ihren adligen Mann und die Kinder zurück, und brannte mit ihrem Liebhaber durch. Erst jetteten sie gemeinsam durch Europa um sich dann an den einsamsten Ort zurückzuziehen, den sie finden konnten: Einemhof. Ganze zwei Jahre blieb das Skandal-Pärchen dort und machte den Ort bekannt. Davon ist heute nichts mehr zu spüren, selbst viele Menschen, die in der Umgebung wohnen, haben von Einemhof noch nichts gehört.

Lüneburg:Mittelalterliche Kulisse

Durch den licht mit Kiefern bewachsenen Wald geht es auf Forstwegen in der Dämmerung die letzten Kilometer des Postwegs nach Lüneburg. Die Postkutsche hat für diese Tortur durch die Heide zumeist mehr als einen Tag gebraucht. Mittlerweile ist es auch schon dunkel. Wer zu Beginn der Kutschenzeit jetzt in Lüneburg ankam, hatte Pech. Die Stadttore waren geschlossen. Die Nachtwächter sorgten für Ruhe auf den Straßen. Heute empfängt Jens Lohse Stadtgäste im wehenden schwarzen Mantel, mit Dreispitz Hut und Laterne in der Hand und führt durch die Altstadt. „Wir Lüneburger waren unfassbar reich”, erzählt er und meint damit die Zeit, als noch mittelalterliche Fuhrwerke durch die von Fäkalien übersäte Kopfsteinpflaster des Sandes zurück nach Harburg rumpelten.

Steinhäuser mit kunstvoll geschmückten Giebeln zeugen noch heute von diesem Reichtum. Der gründete sich nicht nur auf Salz, dem weißen Gold Lüneburgs. Auch der Handel, auf der Ilmenau als zentraler Wasserstraße der Hansestadt und eben auch auf dem Alten Postweg über Harburg Richtung Elbe hat dazu beigetragen. Und so endet hier, mit dem Blick auf die Lüneburger St. Johannis Kirche die Reise in die Vergangenheit auf dem Alten Postweg.

Vom Sande bis zum Bahnhof sind es dann nur zehn Minuten Fußweg. Der Metronom nach Harburg fährt schon ein. Und bringt die modernen Menschen zurück, in gerade einmal 40 Minuten.