Ausbildung

Ein stolzer Mentor und sein Schützling

Mentee und Mentor: Reza (links) und Ali Reza sind über die Jahre ein gutes Gespann geworden.

Mentee und Mentor: Reza (links) und Ali Reza sind über die Jahre ein gutes Gespann geworden.

Foto: Lars Hansen / xl

Studenten helfen Schülern beim Programm „Splus“ des Harburger Integrationsrates. Ali Reza und Reza sind ein gutes Team geworden

Harburg.  Es ist erst vier Jahre her, dass Reza aus dem Iran floh. Er war gerade einmal 17, als er sich auf den Weg nach England machte und in Deutschland aufgenommen wurde. Reza war nicht dumm, sprach aber kein Wort Deutsch. In diesem Jahr hat er sein Abitur gemacht und wird ab Oktober Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Die Uni konnte er sich wegen seiner guten Noten aussuchen. Dass Reza ein helles Köpfchen ist, ist ein Teil dieser Erfolgsgeschichte. Der andere Teil der Story heißt Ali Reza. Der Master-Student der Elektrotechnik ist – beziehungsweise war – Rezas Mentor im „Splus“-Programm des Harburger Integrationsrates. Und er ist selbst als Minderjähriger aus dem Iran geflohen.

„Splus“ hat den erklärenden Untertitel „Studenten stärken Schüler“. Anfangs waren dies nur Studierende der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) und Schüler der Goethe--Stadtteilschule. Auch Reza und Ali Reza sind ein solches „Tandem“, wie die Mentoring-Gespanne bei Splus heißen. Mittlerweile ist das Projekt aber auch offen für Mentoren, die an anderen Hochschulen studieren und die Stadtteilschule Ehestorfer Weg ist auf der Schülerseite hinzugekommen. „Wir betreuen derzeit 32 Tandems“, sagt Teo Bozoudis vom Trägerverein des Splus-Projekts, „allerdings rechnen wir damit, dass es bis zum Ende des Jahres bis zu 50 werden können, denn es gibt einen großen Bedarf und eine weitere Schule hat ebenfalls Interesse angemeldet.“

Fünf Jahre Altersunterschied

Einfach auf gut Glück werden die Tandems nicht zusammengestellt. Mentor und Mentee – das aus dem französischen stammende Wort wird mit englischem Akzent und Betonung auf der langen zweiten Silbe „Mentie“ ausgesprochen – sollen möglichst viele Gemeinsamkeiten haben, damit sich auch viele Anknüpfungspunkte ergeben. Es beginnt damit, dass Studierende und Schüler oft vom Alter her nicht weit auseinanderliegen. Bei Reza und Ali Reza sind es beispielsweise nur fünf Jahre. Sie sollen auch möglichst das gleiche Geschlecht und vergleichbare kulturelle Hintergründe haben. Auch das passt bei den beiden.

„So haben wir beide ein wirklich gutes persönliches Verhältnis entwickelt“, sagt Ali Reza. „Reza ist für mich nicht irgendwer. Ich freue mich richtig für ihn! Ich bin in Hamburg in einer Jugendwohngruppe aufgewachsen. Als ich mein Abitur machte, sagte eine der Erzieherinnen dort, dass sie sehr stolz auf mich sei. Man sah, dass das ehrlich gemeint war, aber ich habe das damals nicht verstanden: Ich hatte ja nur getan, was ich tun sollte, nämlich in der Schule aufpassen und mein Bestes geben. Aber jetzt, wo Reza sein Abitur so gut geschafft hat, verstehe ich meine Erzieherin. Ich bin stolz auf Reza!“

Reza war auch im Iran schon ein guter Schüler. Sein Vater ist Lehrer. Dann jedoch fiel die Familie in Ungnade. Reza wurde von Prüfungen ausgeschlossen. Aus Furcht, dass noch Schlimmeres geschieht, schickte sein Vater Reza 2016 auf den Weg. Er sollte zu Verwandten nach England.

Reza war durch seine Vorbildung in vielen Fächern schon sehr weit

Dorthin zu gelangen, war 2016 aber so gut wie unmöglich. Reza landete in Deutschland. Schon in der Erstaufnahme entschied er sich, das Ziel England ad acta zu legen und begann Deutschkurse zu nehmen. Dabei fiel einer Sozialarbeiterin nicht nur sein Engagement auf, sondern auch, dass er sich als Minderjähriger für eine Internationale Vorbereitungsklasse qualifizierte. Sein Vorbereitungsschuljahr absolvierte Reza in Wandsbek. Dorthin musste er aus der Unterkunft „Am Röhricht“ in Fischbek täglich fahren. Danach wurde er in Harburg in die Oberstufe der GSH aufgenommen – und ins Splus-Programm.“

„Reza war durch seine Vorbildung in vielen Fächern schon sehr weit“, sagt Ali Reza, „aber die Sprache war immer noch eine echte Barriere. Das geht vielen jungen Migranten so. Sie haben das Wissen oder das mathematische Können, aber sie können es nicht ausdrücken. Das ist sehr frustrierend!“

Hier kommen die Mentoren ins Spiel. Sie haben ähnliche Schwierigkeiten gehabt – und überwunden. „Allein das zu sehen, motiviert die Mentees schon ungemein“, sagt Teo Bozoudis.

Reza könnte sich vorstellen, eines Tages auch Mentor zu werden

Auch Reza bestätigt das: „Manchmal sitz man vor einem Problem und glaubt, dass man es nie schafft, das zu lösen. Dann habe ich immer gesehen, dass Ali Reza es auch geschafft hat und habe ihn um Rat gefragt. Das betraf nicht nur die Schule, sondern auch Behördenangelegenheiten. Und auch wenn wir seit meinem Abitur kein Tandem mehr sind, wäre er immer der erste, den ich um Rat bitten würde.“

Reza könnte sich vorstellen, eines Tages auch Mentor zu werden. „In diesem Jahr allerdings noch nicht“, sagt er. „Erst einmal muss ich mich selbst an der Uni und im Studentenleben zurecht finden. Aber ich will auf alle Fälle in irgend einer Form die Hilfe weitergeben, die ich erhalten habe“, sagt er.

Auch, wenn manche Splus-Tandems sehr zusammenwachsen: Eine all zu enge Partnerschaft gehen Mentor und Mentee nicht ein. Eineinhalb bis zwei Stunden pro Woche sehen sie sich persönlich. Der Mentor erhält dafür ein entweder Punkte – so genannte Credits –, die er sich im Studium anrechnen lassen kann, Praktikumsbescheinigungen oder ein kleines Honorar als studentische Hilfskraft. Mentees können nicht nur Geflüchtete werden sondern alle Schüler, die aufgrund ihrer Herkunft schulische Probleme haben.

Um die Arbeit zu professionalisieren, indem die Mentoren Schulungen erhalten und eine Koordinationsstelle geschaffen wird, sucht der Trägerverein noch Sponsoren. „Aber es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagt Teo Bozoudis, „wir leiten das Projekt ehrenamtlich. Hilfe ist immer willkommen!“