Hamburg

Die große Not der Stadtbäume im Bezirk Harburg

Der Ahorn gehört zu den beliebten Bäumen in Stadtgebieten. Vielen der rund 23.400 Bäumen im Bezirk Harburg geht es schlecht.

Der Ahorn gehört zu den beliebten Bäumen in Stadtgebieten. Vielen der rund 23.400 Bäumen im Bezirk Harburg geht es schlecht.

Foto: Antagain / Getty Images/iStockphoto

Die grünen Riesen sind natürliche Klimaanlagen. Doch der Bezirks Harburg hat nicht genug Geld, um die Pflanzen angemessen zu pflegen.

Hamburg. Rund 23.400 Bäume säumen die Straßen im Bezirk Harburg – vielen von ihnen geht es schlecht. Sie bräuchten eine intensivere Pflege, die jedoch von der Abteilung Stadtgrün des Bezirksamts aus Geld- und Personalmangel nicht zu leisten ist. „Uns stehen jährlich nicht einmal 500.000 Euro zur Verfügung. Im vergangenen Jahr mussten wir jedoch mehr als eine Million Euro ausgeben, um die anfallenden Arbeiten einigermaßen erledigen zu können“, sagte der Harburger Stadtbaumexperte Christian Kadgien am Dienstagabend dem Umweltausschuss der Bezirksversammlung.

Trockenheit hat die Lage deutlich verschärft

Kadgien schilderte eine dramatische Lage, die sich vor allem durch die Trockenheiten der vergangenen Jahre und dieses Sommers ergibt: „Neupflanzungen brauchen mehr Wasser. In früheren Jahren mussten die Bäume in den ersten drei Jahren nach der Pflanzung acht- bis zehnmal im Sommer bewässert werden; jetzt geht es in Richtung 20-mal.“ Durch die deutlich verschlechterten Wuchsbedingungen seien die Straßenbäume auch im vierten und fünften Jahr nach der Pflanzung pflegebedürftig geworden und müssten gegossen werden, so Kadgien. Dafür reichten aber weder Geld noch Personal inklusive beauftragter Fremdfirmen aus – „der Aufwand, Bäume zum Wachsen zu bringen, wird immer größer“.

Pflegeaufwand steigt ständig

Da gleichzeitig mehr Bäume – oder einzelne Kronenbereiche – absterben, sei auch dieser Pflegeaufwand gewachsen, sagte der Straßenbaumbetreuer. „Wir müssen mehr tun, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, auch das erfordert Personal. Dies ist alles bekannt. Schon vor zwei Jahren zeigte eine Defizitanalyse den Mangel auf.“

Mit besserer Ausstattung könnte die Abteilung Stadtgrün zudem Baumlücken an Harburgs Straßen füllen. Kadgien: „Wir haben im Bezirk rund 800 freie Baumstandorte registriert. Sie könnten bepflanzt werden, wenn das Geld und Personal dazu vorhanden wären. Zunächst müssten wir dann allerdings vor Ort erst einmal nachschauen, ob die einzelnen Standorte tatsächlich noch zur Verfügung stehen.“

Neupflanzung heute dreimal so teuer

In früheren Zeiten kostete die Pflanzung und anschließende dreijährige Pflege eines Straßenbaumes rund 1000 Euro. Heute müssen die Gehölze mehr Wurzelraum erhalten, der zusätzlich belüftet wird, damit sie in der feindlichen Umgebung eine Überlebenschance haben. Der derzeit empfohlene Standard schlägt mit rund 3500 Euro zu Buche.

Und es geht noch mehr: Christian Kadgien und Kollegen haben zusammen mit Forschern der HafenCity Universität (HCU) in der Hölertwiete eine Luxusvariante gewählt, bei dem die Bäume zusätzlich durch eine Dachentwässerung versorgt werden und in einer Lehmwanne (Rigole) stehen, damit das Niederschlagswasser nicht so schnell versickert. Das Projekt wird am 2. Oktober mit dem Bundespreis Stadtgrün ausgezeichnet (das Abendblatt berichtete).

Die Rigolen müssen sich noch bewähren und verteuern die Pflanzung erheblich: In dem Pilotprojekt namens BlueGreenStreets kosteten sie zusätzliche 5000 Euro, wurden aber auch besonders aufwendig installiert. So sollen Messsensoren die Wasserverhältnisse im Boden dokumentieren, um die Wirksamkeit der Maßnahme überprüfen zu können. „Wir werden weiter experimentieren, denn wir wissen noch zu wenig“, sagte Prof. Wolfgang Dickhaut von der HCU, der ebenfalls im Umweltausschuss zu Gast war. „Weitere Bäume werden wir jetzt in Bergedorf in solche Wasserspeicher setzen.“

Klimawandel heizt Beton und Asphalt auf

Auch Bernhard von Ehren, Chef der Baumschule Lorenz von Ehren, versuchte im Ausschuss, die Lokalpolitiker aufzurütteln, damit der Bezirk mehr Geld für seine Straßenbäume bereit stellt: „Durch den Klimawandel wird es in der Stadt immer heißer. Sie ist ohnehin ein Stressstandort für die Bäume, denn sie ist voller Beton und Asphalt, die viel Wärme speichern. Wer die Sprache der Bäume versteht und durch Hamburg geht, hört sie schreien. Sie bekommen zu wenig Pflege.“

Fremdländische Pflanzen vertragen heutige Bedingungen besser

Von Ehren plädierte dafür, mehr fremdländische Baumarten zu pflanzen, die mit den sich ändernden Bedingungen besser zurecht kommen: „Ganze Gattungen heimischer Baumarten verabschieden sich allmählich. Es ist viel zu warm geworden.“ Typische Symptome des Wandels seien die Schädlinge und Krankheiten, mit denen Rosskastanien und Erlen, Buchsbäume und sogar die stattliche deutsche Eiche zunehmend zu kämpfen haben. Gewächse etwa aus Vorderasien oder Nordamerika könnten die heutigen Bedingungen besser vertragen, zum Beispiel Amberbaum, Hopfenbuche, Sumpfzypresse, Eisenholzbaum. Aber auch sie bräuchten bessere Standorte und Pflege als derzeit üblich.

Von Ehren forderte, Bäume viel großflächiger einzuplanen: „Ein Baustein gegen Klimafolgen ist Grün in der Stadt. Bäume sind die einzigen Freiluft-Klimaanlagen, die wir haben; sie dämpfen die urbane Hitze. Sie sollten in neuen, entlang von Straßen angelegten Grünzügen stehen. Und nicht nur in drei mal drei Meter kleinen Pflanzgruben.“ Außerdem forderte von Ehren Vielfalt, weil unklar sei, wie die einzelnen Arten mit den Verhältnissen in den kommenden Jahrzehnten zurecht kommen werden – „ein ganzer Straßenzug mit nur einer Baumart geht gar nicht“.

Nicht nur eine Sorte in einer Straße pflanzen

Manche Gestalter legten Wert darauf, eine Straße mit nur einer Art zu bepflanzen, konterte Kadgien. „Wir beschäftigen uns seit 2004 mit Klimabäumen“, sagte er. Und wünscht sich, mehr für seine grünen Patienten tun zu können. „Im vergangenen Jahr übernahm die Umweltbehörde das Defizit. Wir arbeiten immer in der ungewissen Situation, wie lange das Geld noch reicht. Wir würden gern tun, was zu tun ist mit der Gewissheit, dass die entstehenden Kosten abgesichert sind.“