Harburg

Kein Geld – den Falkenflitzern droht das Aus

Jeden Montag kommen Kinder und Eltern der Nachbarschaft im Hans-Dewitz-Ring am Falkenflitzer zusammen.

Jeden Montag kommen Kinder und Eltern der Nachbarschaft im Hans-Dewitz-Ring am Falkenflitzer zusammen.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Sonderfinanzierung des Bezirks für das Spielangebot läuft aus. Spenden allein werden nicht ausreichen, das Programm zu erhalten.

Harburg.  Auf der Wiese neben dem Hans-Dewitz-Ring in Heimfeld herrscht Volksfeststimmung: Kinder flitzen vorwärts, seitwärts und diagonal, springen per Trampolin auf eine Weichbodenmatte – mal akrobatisch, mal nicht – sie probieren Pedalos und Jonglierbälle aus. Eltern haben Picknickdecken mitgebracht oder zumindest Thermoskannen und Saftflaschen. Einige haben Klappstühle dabei. Andere machen mit, sie zeigen ihren Kindern am Kickertisch oder der Tischtennisplatte wie es geht oder was eine Harke ist. Der „Falkenflitzer“ ist da.

Der blaue Kleinlaster hat sämtliche Spielgeräte an Bord gehabt, die jetzt auf der Wiese verteilt stehen. Im Führerhaus hat er zwei Sozialpädagoginnen und eine Honorarkraft mitgebracht. Eine geht gerade herum und sammelt Unterschriften. Es geht um den Erhalt des Angebots, das hier und an anderen Stellen im Stadtteil einmal pro Woche die Nachbarschaft zusammenbringt. „Es ist zu befürchten, dass wir unser Angebot an vielen Standorten aufgeben müssen“, sagt Sozialpädagogin Lena Stachnik, „denn die Finanzierung läuft aus.“

Die Finanzierung des beliebten Projekts läuft aus

Das Falkenflitzer-Angebot wird – noch – vom Bezirksamt aus Sondermitteln finanziert. In den Jahren nach der großen Flüchtlingswelle von 2015 hatte das Spielmobil seinen Einsatzschwerpunkt vor den Flüchtlingsunterkünften. Seit Anfang diesen Jahres stehen die Flitzer wieder in den Stadtteilen. „Falkenflitzer follows“ heißt das Projekt, denn hauptsächlich stehen die Falkenflitzer in den günstigen, vom sozialen Wohnungsbau dominierten Quartieren, in die es auch die Geflüchteten-Familien im ersten Integrationsschritt gezogen hat. An der Hastedtstraße, am Langenbeker Feld, in Neugraben und hier am Hans-Dewitz-Ring haben die Falken und ihr Flitzer einen regelmäßigen Wochentag.

Die Sonderfinanzierung dafür läuft nun aber aus. Die Bezirkspolitik möchte zwar nicht auf das Angebot verzichten, die Taschen sind allerdings leer. Die SPD-nahe Jugendorganisation „Die Falken“, die Träger des Projekts ist, soll sich, so wünschen die Politiker, um Sponsoren für das Angebot bemühen, die 75 Prozent der Kosten übernehmen. Die restlichen 25 Prozent würde der Bezirk wohl noch dazu geben. Bei der letzten Sitzung des Harburger Jugendhilfeausschusses hatte es zu diesem Modell noch geheißen, die Falken seien sehr zuversichtlich, dass das funktioniert.

Sponsorensuche gestaltet sich schwierig

Fragt man die Falken selbst, sind sie nicht so optimistisch. „Sponsorensuche ist derzeit für alle Vereine schwierig“, sagt Lena Stachnik, „denn die üblichen Geldgeber für solche Projekte sind Stiftungen. Die sammeln derzeit aber kaum neue Spenden ein, weil die Corona-Pandemie die klassischen Wohltätigkeitsveranstaltungen stark einschränkt. Die Stiftungen sind derzeit bestrebt, wenigstens ihre bestehenden Projekte weiter zu finanzieren. An neue denken sie nicht.“

Lediglich hier, am Hans-Dewitz-Ring in Heimfeld, könnte das Stiftungsmodell klappen: Hier sind die Falken in guten Gesprächen mit der Klaus-und-Lore-Rating-Stiftung. Sie finanziert den Tag hier schon zum Teil und würde eventuell ihren Anteil entsprechend erhöhen. „An den anderen Einsatzorten müssten wir das Angebot dann einstellen“, sagt Lena Stachnik, „und ob ein einziger Einsatztag das Projekt trägt, ist dann auch fraglich.“

Jeder Einsatz kostet 1000 Euro

1000 Euro kostet jeder Einsatz des Falkenflitzers. Um 15.30 Uhr rollt der Laster ins Viertel, dann wird eine halbe Stunde lang aufgebaut. „Die meisten Kinder in diesen Quartieren haben Ganztagsschule oder nehmen die Nachmittagsbetreuung ihrer Schulen wahr“, sagt Lena Stachnik, „deshalb lohnt es sich selten, früher zu kommen.“

Die Besuche des Spielmobils im Wohnquartier sind dabei kein verzichtbarer Luxus: Nach der Ganztagsschule haben die Kinder einen unübersehbaren Bewegungsdrang, den sie hier ungezwungen ausleben können. Auch die großen Sportvereine im Bezirk haben Bewegungsangebote, aber diese und das Angebot der Falken ergänzen sich eher, als dass sie sich ausschließen. Darüber hinaus trägt der Falkenflitzer erheblich dazu bei, die Viertel lebenswert zu machen. „Hier treffen unsere Kinder Kinder aus den anderen Wohnblocks, die sie sonst nicht so oft sehen, und auch wir Eltern kommen hier in Kontakt und ins Gespräch“, sagt eine Mutter, „hier entstehen Freundschaften für Jung und Alt!“

Beliebt vor allem in den ärmeren Stadtteilen

Diesen Effekt weiß man nicht nur in den ärmeren Stadtteilen zu schätzen. In Neugraben findet das wöchentliche Angebot an der Schnittstelle zwischen den Sozialbausiedlungen und dem Eigenheim-dominierten Neubaugebiet Vogelkamp statt. „Am Johannisland mischen sich Geflüchtete, Hausbesitzer und Hochhausfamilien“, sagt Lena Stachnik, „und alle nehmen unser Angebot gerne an, denn auch im Neubaugebiet gibt es kaum Spiel-Infrastruktur, außer in den kleinen Gärten der Häuser, wo nie viele Kinder gleichzeitig zusammenkommen. Bei uns kommen alle miteinander in Kontakt.“

Bezirk sucht nach einer Lösung

Das ist einer der Gründe, warum die Bezirkspolitik grundsätzlich auch will, dass der Falkenflitzer auch im nächsten Jahr die Harburger Wohnquartiere anfährt. „Deshalb sollen die Falken auch in der nächsten Ausschusssitzung berichten, was die Sponsorensuche macht“, sagt Michael Schäfer (CDU), Bezirksabgeordneter und Jugendhilfeausschussmitglied. Zumindest die CDU fordert den Erhalt des Angebots!“