Projekt

Neue Wohnform für Menschen mit Demenz

Erstmals im Landkreis Harburg können Menschen mit Demenz von Oktober an gemeinsam leben.

Kreis Harburg.  Erstmals im Landkreis Harburg können Menschen mit Demenz von Oktober an gemeinsam leben. Im Haus der Bezirks des Hannoverschen Verbandes Landeskirchlichen Gemeinschaften (HVLG) im Winsener Ortsteil Scharmbeck bietet der Ambulante Pflegedienst Interessengemeinschaft (InGe) aus Salzhausen dafür acht Zimmer an. Sie sind 19 bis 24 Quadratmeter groß, sechs von ihnen haben ein eigenes Bad. Die Bewohner, die nach und nach einziehen sollen, werden von den InGe-Mitarbeitern 24 Stunden am Tag betreut.

„Ich freue mich sehr, dass jemand das Herz und den Mut gefunden hat, ein solches Angebot einzurichten“, sagt Kreis-Sozialdezernent Reiner Kaminski. Er ist überzeugt: „Der Bedarf an solchen Einrichtungen wird weiter steigen.“

Die ersten Ideen für das Projekt liegen bereits sieben bis acht Jahre zurück. „Wir wollen für die Betroffenen Menschen ein privates Wohnen ermöglichen. Dafür brauchten wir aber einen Partner, der das entsprechende Haus besitzt, umbaut und an die jeweiligen Bewohner vermietet“, erklärt InGe-Geschäftsführer Nikolaus Lemberg.

Fünf Standorte geprüft

Kein leichtes Unterfangen. Nachdem etwa fünf Standorte geprüft waren, begannen vor einem Jahr die ersten Gespräche mit dem Verband der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Die suchten eine neue Verwendung für ihr Haus, in dem zuletzt Kinder aus Tschernobyl und unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge untergebracht waren. Im November gab die Bezirks-Mitgliederversammlung ihr Einverständnis dafür, dass in den Räumen nun ältere Menschen leben statt Jugendliche betreut werden sollten.

Der rechtliche Rahmen wird durch das seit 2016 geltende Niedersächsische Heimgesetz gesichert. „Wohnpflegeformen haben andere Bundesländer schon viel eher entwickelt“, so Lemberg, der seit 14 Jahren an der Spitze der Interessengemeinschaft steht.

Die Kosten für die Bewohner werden etwa auf dem Niveau von stationären Einrichtungen liegen. Die Zuzahlung über Pflege- und Krankenversicherung dürfte wie im Landesdurchschnitt rund 2000 Euro im Monat betragen.

Der studierte Kultur- und Theaterwissenschaftler Lemberg, der seinen Abschluss als Master of Arts in Toronto erworben hat, geht davon aus, dass mit Scharmbeck die optimale Lage gefunden ist. „Wir haben eine dörfliche Lage gesucht, weil die Bürger in solchen Orten einen besonderen Blick auf die Demenzkranken haben, sie zu ihrer Gemeinschaft zählen.“ Erste Kontakte zu den Einwohnern wurden beim Bauernrechnen auf Vermittlung der Ortsvorsteherin Christel Goes geknüpft.

Seit Anfang Juli läuft jetzt der Umbau des Hauses

Seit Anfang Juli läuft jetzt der Umbau des Hauses, das die Mitglieder des Bezirks Winsen der HVLG vor mehr als 40 Jahren gebaut hatten. Ehrenamtliche Bauleiter für die einzelnen Firmen vor Ort ist jetzt Hans-Dieter Lüllau, der schon 1972/73 mit zum Team gehörte und seitdem das Haus nicht aus den Augen verloren hat. „Mehr als 40 Jahre wurde das Gemeinschaftszentrum als Freizeitheim und Begegnungsstätte von Jungen und Alten geschätzt. Nun bleibt mit der neuen Nutzung die Bestimmung des Hauses erhalten: dem Wohl der Menschen zu dienen, die hier ein- und ausgehen,“ sagte der 78-jährige Maurermeister im Ruhestand.

Die Förderung für das Projekt hatte Lemberg beantragt und dann auf die HVLG übertragen lassen. Über das Programm „Wohnen und Pflege im Alter“ stellte das Land Niedersachsen 85.000 Euro bereit, die der Verband Landeskirchlichen Gemeinschaften nun um dieselbe Summe ergänzen muss. „Wir werden mit den 170.000 Euro voraussichtlich auskommen und unseren Zeitplan einhalten“, sagt der Chef der Interessengemeinschaft. Auf eine offizielle Eröffnung wird allerdings aufgrund der Corona-Pandemie verzichtet.

Nur wenige Tage nach dem Beginn der Betreuung soll zudem der große Saal des Hauses für die Dorfgemeinschaft fertig sein. Dort sollen ähnlich wie in einem Dorfgemeinschaftshaus künftig allgemeine Informationsabende, Treffen von Selbsthilfegruppen, Beratungen oder Fortbildungen der InGe-Mitarbeiter möglich sein. Der Ausbau des Saals wird über die Leader-Region „Achtern-Elbe-Dieck“ mit EU-Mitteln und Geldern aus der Elbmarsch, aus Seevetal und Bardowick sowie aus Stelle und Winsen mit 20.000 Euro gefördert.

Mitarbeiter gesucht

Für den Betrieb in der Wohngemeinschaft sucht Lemberg noch Mitarbeiter. Da in der Branche viel in Teilzeit gearbeitet wird, rechnet der mit zehn bis 15 Einstellungen. So soll die Präsens der Betreuer abgesichert werden. „Einige haben wir schon gefunden. Es besteht aber weiter Bedarf.“

„Die Bewohner erleben hier ihren normalen Alltag. Sie werden in ihren Fähigkeiten unterstützt, mögliche persönliche Defizite werden ausgeglichen“, sagt Ina Kandler, stellvertretende Pflegedienstleitung der InGe. Interessenten für die Wohngemeinschaft sowie für die noch freien Arbeitsplätze in der InGe können sich im Generationenhaus in Salzhausen unter 04172/1200 oder in der InGe-Beratungsstelle in Winsen unter 04171/64147 melden.