Stadtentwicklung

Wohnungsbau: Hamburg kauft Ausgleichsfläche bei Buxtehude

Wohnen und gleichzeitig entspannen: So grün sollen die „Fischbeker Reethen“ werden. Dennoch müssen Ausgleichsflächen her.

Wohnen und gleichzeitig entspannen: So grün sollen die „Fischbeker Reethen“ werden. Dennoch müssen Ausgleichsflächen her.

Foto: IBA Hamburg, Relais Landschaftsarchitekten / IBA

Das Großprojekt "Fischbeker Reethen" mit mehr als 2000 Wohnungen entsteht im Südwesten Hamburgs – dort lebt auch der Wachtelkönig.

Hamburg. Zwar soll hier erst in zwei Jahren mit dem Bau der ersten Häuser begonnen werden, doch schon jetzt starten für die „Fischbeker Reethen“ etliche Arbeiten für die gesetzlich geforderten Natur-Ausgleichsmaßnahmen. Also für einen Ersatz von Bäumen, die dort gefällt werden, von Hecken, die verschwinden oder auch von Brutplätzen, die nun bebaut werden. Unter anderem wurden in dem Gebiet zwei Paare des streng geschützten Wachtelkönigs registriert, dessen Vorkommen an anderer Stelle schon manches Bauprojekt verhindert oder verzögert hat.

Allein für diese vier Wiesenvögel mussten rund 30 Hektar Ausgleichsflächen in der Nähe nachgewiesen werden, wo sie neue Brutplätze finden könnten. Zwei Drittel davon kaufte die Stadt im niedersächsischen Teil des Moores bei Buxtehude, weil es im Hamburger Teil offensichtlich nicht genügend Ausgleichsflächen mehr gibt. Für alle diese künftigen Wachtelkönig-Lebensräume schloss Hamburg zudem bereits in diesem Jahr Verträge mit Landwirten ab, die dort ausschließlich eine extensive Grünlandnutzung mit besonderer Rücksicht auf den Wachtelkönig zulassen, teilte die städtische Projektentwicklungsgesellschaft IBA jetzt mit.

So hoffe man, dass die Vögel auch tatsächlich „umziehen“, weil der neue Lebensraum für solche Bodenbrüter dann attraktiver sei als die bisher intensiv genutzten Areale. Mit einer Fläche von 70 Hektar unmittelbar am empfindlichen Moorgürtel sind die „Fischbeker Reethen“ eben nicht nur die bald größte zusammenhängende Wohn- und Gewerbefläche im Bezirk Harburg.

Das neue Quartier wird von der IBA entwickelt

Wie Oberbillwerder (124 Hektar) in Bergedorf dürfte dieses Vorhaben auch zu den Wohnungsbauprojekten Hamburgs gehören, die die umfangreichsten Ausgleichspakete erfordern. Beide neue Quartiere auf der grünen Wiese werden von der IBA entwickelt. Mit den Ausgleichs-Maßnahmen sei man bewusst früh dran und lange vor dem eigentlichen Baustart, sagt IBA-Geschäftsführerin Karen Pein: „Wir gleichen dabei nicht nur Verluste aus, sondern schaffen auch ganz neue Qualitäten für den Naturschutz.“ Die Gesamtkosten für den Natur-Ausgleich stehen dabei laut IBA noch nicht genau fest. Insgesamt gehe man aber von mehr als acht Millionen Euro für alle Maßnahmen aus.

Das beinhalte auch Zahlungen in den nächsten Jahren an Landwirte für die Bewirtschaftung. Alle vorgesehen Ausgleichsflächen liegen laut IBA in direkter Nähe zum künftigen Baugebiet oder eben sehr nahe direkt hinter der Landesgrenze. Innerhalb des Plangebiets sollen beispielsweise fünf Hektar Moorfläche mit Torfböden frei gehalten und wieder durchfeuchtet werden.

Als Ausgleich für die geplanten Baum-Fällungen an der B 73 sollen dort dann wieder neue und angepasste Baumarten gepflanzt werden; Moorbirken oder Waldkiefern wachsen auf solchen nassen, nährstoffarmen Böden meist.

Bestehende wichtige Biotope wie ein kleines Gewässer an der Bahn will die IBA zudem erhalten. Und auch auf den künftigen Gebäuden plant das städtische Unternehmen einen Natur-Ausgleich: 70 Prozent aller Dächer in dem Neubaugebiet sollen ein sogenanntes Grün-Dach mit Pflanzen und auch Solaranlagen erhalten.

Neun Feldlerchenpaare wurde auf dem Gebiet gezählt

Außerhalb des eigentlichen Gebiets sieht das Ausgleichskonzept vor allem eine andere Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen vor: So sollen etliche Äcker und Weiden unmittelbar nördlich der Bahn in feuchtes Grünland oder in extensiv genutzte Getreideäcker mit Platz für die ebenfalls streng geschützten Feldlerchen umgewandelt werden: „Extensiv“ meint dabei eine Nutzung mit weniger und selteneren Eingriffen, beispielsweise in dem weniger gepflügt oder gemäht wird als sonst.

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Neun Feldlerchenpaare wurde auf dem Gebiet der künftigen „Fischbeker Reethen“ gezählt. Wie beim Wachtelkönig hofft man nun, dass auch diese seltenen Vögel quasi in Nachbarschaft ihres bisherigen Lebensraums eine neue Heimat finden und hat dazu in den Äckern spezielle „Lerchenfester“ von fünf mal sechs Metern angelegt.

Auf allen Ausgleichsflächen soll zudem kein Mais mehr angebaut werden dürfen. Weiter sieht das IBA-Ausgleichskonzept nördlich der Bahn eine Streuobstwiese vor. Und dort sollen auch etliche Nistkästen für Fledermäuse installiert werden, die ebenfalls noch in dem künftigen Baugebiet vorkommen. Zudem werden hier laut IBA 360 Meter Feldhecken angelegt, um Schutz und Brutraum für einzelne Vogelarten zu bekommen.

Das sind die „Fischbeker Reethen“:

  • Noch im Jahr 2007 plante der Hamburger Senat auf der grünen Wiese unmittelbar an der Grenze zu Neu Wulmstorf ein größeres Gewerbegebiet für Logistikbetriebe. Doch mit der Wohnraumknappheit kaum eine andere Lage dazu: 2015 gab es dann den neuen Beschluss, dort eine Wohn- und Gewerbefläche zu entwickeln.
  • 55 Prozent der Nettobaufläche sollen mit unterschiedlichen Arten von Wohnhäusern bebaut werden. Rund 2300 Wohneinheiten sollen es insgesamt werden. 45 Prozent beträgt der Gewerbeanteil, der sich vor allem an der Bahn konzentrieren wird. Weil auch ein großer Anteil von Parks und Grünflächen geplant ist, bezeichnen Planer das Gebiet auch als „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“.
  • Die überplanten Grundstücke sind im Eigentum der Stadt und wurden bereits in den Jahren 2010 bis 2012 gekauft. Baubeginn wird aller Voraussicht nach ab 2022 sein. Vermarktungsstart ist der IBA zufolge frühestens im Frühjahr 2021. Derzeit wird für das Gebiet ein Bebauungsplan aufgestellt.​