Landkreis Harburg

Ein Jahr Amerika – Luke will es trotz Corona wagen

Luke Hagemann ist trotz der coronabedingten Einschränkungen für ein Jahr in die USA gestartet.

Luke Hagemann ist trotz der coronabedingten Einschränkungen für ein Jahr in die USA gestartet.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die Pandemie lässt für viele Schüler den Traum vom Auslandsaufenthalt platzen. Für die vermittelnden Organisationen ein Desaster.

Landkreis Harburg. Eigentlich wollte Megan Brooks ihren 17. Geburtstag auf Vancouver Island feiern. Ende August sollte die Hittfelder Gymnasiastin in die kanadische Stadt Victoria reisen und dort für sechs Monate die Victoria High School besuchen.

Seit einem Jahr hat sich die Elftklässlerin auf dieses Abenteuer vorbereitet, sie hat Seminare besucht, Bücher über das Land und seine Kultur verschlungen und sich auf die Natur und die Lebensart der Kanadier gefreut. Doch das Coronavirus hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Aufenthalt ist abgesagt.

So wie Megan geht es tausenden Schülern bundesweit, die im August ihr Auslandsjahr starten wollten. „Viele von ihnen haben den Start zunächst verschoben“, sagt Uta Wildfeuer. Sie ist Geschäftsführerin des Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA), der sich für die Förderung von langfristigem Jugendaustausch als Mittel zur interkulturellen Verständigung einsetzt. Dem Dachverband gehören acht Organisationen an. „In vielen Gesprächen mit Eltern und Schülern haben wir individuelle Lösungen gefunden. Einige Schüler sind abgesprungen, einige haben den Aufenthalt verschoben oder das Land gewechselt.“

Für die Schüler und Eltern, aber auch für die gemeinnützigen Organisationen sei die aktuelle Situation schwierig. „Wir müssen uns regelmäßig auf Veränderungen einstellen und das ist vor allem für die Schüler unbefriedigend, die sich so sehr auf ihr Austauschjahr freuen“, so Wildfeuer. „Noch im April haben alle gesagt, das wird schon noch im August klappen. Aber im Laufe der letzten Monate wurde doch klar, dass die Programme anders als üblich ablaufen werden.“

Auch Megan Brooks hatte lange daran geglaubt, dass ihr Auslandszeit in Kanada stattfindet. „Bis Mitte Mai war ich optimistisch“, sagt sie. „Aber dann habe ich gemerkt, wie unrealistisch es eigentlich ist, dass alles so klappen wird wie geplant.“ Von Verwandten aus Kanada hörte sie, dass die Schulen und Universitäten dort bis September komplett geschlossen bleiben sollten. „Da wurde mir klar, dass mein Auslandsjahr vielleicht gar nicht stattfinden kann. Mitte Juni habe ich mich entschieden, nicht zu fliegen und zu schauen, ob ich vielleicht im Januar gehen kann.“

Ein Jahr Vorbereitung war völlig umsonst

Dabei hatte sich die Schülerin so viel von dieser Zeit erhofft. „Vor allem Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein sowie Erfahrungen, die mich noch mein ganzes Leben begleiten sollten“, sagt sie. „Ich wollte lernen, Herausforderungen alleine zu bewältigen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Letztendlich habe ich mir natürlich auch ein tolles Jahr erhofft, in dem ich viele neue Leute kennenlerne und Spaß habe.“

So wie Megan Brooks geht es auch Malyn Hufenbach. Die 16-Jährige besucht das Gymnasium am Kattenberge in Buchholz. Eigentlich aber wäre sie jetzt gar nicht mehr hier, sondern in Molde, einer 30.000-Seelen-Gemeinde an der Küste von Norwegen, 1035 Kilometer Luftlinie von ihrem Heimatort Jesteburg entfernt. Ende August sollte die Reise losgehen. Zehn Monate hatte Gymnasiastin für den Auslandsaufenthalt eingeplant.

Fast ein Jahr hatten die Vorbereitungen gedauert. Im vergangenen September hatte sie ihre Bewerbungsunterlagen beim Veranstalter AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. eingereicht. Kurze Zeit später bekam sie die Zusage. Es folgten drei Wochenendseminare zur Vorbereitung, das letzte im Juni. „Bis dahin hatte ich gehofft, dass alles so klappen wird, wie geplant“, sagt die Gymnasiastin. „Gedanklich war ich da eigentlich schon weg.“

Seit Anfang März hatte sie Kontakt zu ihrer Gastfamilie gehalten, Briefe geschrieben und sich auf das Haus am Fjord, die Berge und das raue Klima gefreut. „Ich wollte endlich mal wieder so richtig Winter erleben, mit viel Schnee und eisiger Kälte“, sagt sie. Ende Juni informierte der Verein AFS die Teilnehmer über mögliche corona-bedingte Szenarien im Ausland.

Für die Organisationen sind die vielen Absagen ein finanzielles Desaster

„Keine Ausflüge, Online-Unterricht statt Präsenz vor Ort, keine Sportaktivitäten, Einschränkungen bei Ein- und Ausreise – das hat mir nicht gefallen“, sagt Malyn. Fünf Tage Bedenkzeit blieben ihr. Sie sprach mit Freunden, erstellte eine Pro- und Contra-Liste und grübelte nächtelang. Dann sagte sie ab. „Ich werde mich für das kommende Jahr erneut bewerben“, sagt sie. „Wenn es dann auch nichts wird, lasse ich es ganz.“

Für die Organisationen sind die vielen Absagen ein finanzielles Desaster. „Die meisten Ausgaben für das Auslandsjahr, das jetzt starten sollte, haben die Organisationen bereits 2019 getätigt“, sagt Uta Wildfeuer. „Jetzt muss Geld zurückgezahlt werden, das längst ausgegeben worden ist.“ Um die gemeinnützigen Einrichtungen vor der Insolvenz zu retten, wurde im Juli ein Sonderprogramm des Bundes beschlossen, das den Weiterbetrieb von gemeinnützigen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe sicherstellen soll, die langfristige internationale Jugend- und Schüleraustausche anbieten. 25 Millionen Euro stehen allein für diese Sparte zur Verfügung.

Einmalige Chance muss einfach genutzt werden

Doch es gibt auch Schüler, die trotz Warnungen und Einschränkungen ihr Auslandsjahr durchziehen wollen. Einer von ihnen ist Luke Hagemann. Der 17 Jahre alte Gymnasiast aus Jesteburg will die elfte Klasse in den USA verbringen. Vergangene Woche startete sein Flieger Richtung Amerika. Dort, in der 200.000-Einwohner-Stadt Chesateke, wird der Gymnasiast die kommenden neuneinhalb Monate bei seiner Gastfamilie verbringen und die christliche Schule besuchen. Eigentlich wollte er gemeinsam mit sechs Freunden ins Ausland gehen. Doch sie alle sprangen ab.

„Ich habe keine Angst vor Corona“, sagt er. „Als klar war, dass der Unterricht in der Veritas-High-School vor Ort stattfinden würde, habe ich beschlossen, auf jeden Fall mein Auslandsjahr anzutreten.“ Schließlich sei diese Zeit eine einmalige Chance und die elfte Klasse der beste Zeitpunkt zu fahren.

Erst zwei Wochen vor Abflug bekam Luke die Zusage der Organisation, dass er reisen könne. Er beantragte beim US-Konsulat in Berlin ein Visum für die USA, ließ sich vom Arzt gründlich durchchecken, frischte Impfungen auf und machte noch am Tag der Abreise einen Tuberkulose-Test. Am 27. August stieg er ins Flugzeug Richtung USA. Am 14. Juni 2021 wird er nach Deutschland zurückkehren. Luke ist optimistisch, dass dieses Jahr – trotz aller Einschränkungen – eine tolle Erfahrung sein wird. „Ich freue mich auf die Zeit“, sagt er. „Und falls es ganz schwierig werden sollte, komme ich eben früher wieder nach Hause.“

Klassenfahrten

Die Hamburger Schulbehörde hat beschlossen, dass angesichts der allgemeinen Entwicklung an allen Hamburger Schulen die Klassenfahrten innerhalb Deutschlands, in das Ausland und Schüleraustausche in das Ausland bis zum 19. Oktober abgesagt werden.

Über das weitere Vorgehen nach den Herbstferien 2020 wird zu gegebener Zeit entschieden. Es dürfen derzeit keine neuen kostenpflichtigen Verträge zu Klassen-, Schul- und internationalen Austauschfahrten abgeschlossen werden, unabhängig davon, wann die Fahrten stattfinden sollen.

Planungen für die Zeit nach den Herbstferien – die problemlos rückgängig gemacht bzw. kostenfrei storniert werden können – sind zulässig, wenn bei einer Stornierung keinerlei Kosten anfallen.

In Niedersachsen sollen bis Jahresende keine Schulfahrten durchgeführt werden. Infos: www.austausch-macht-schule.org

Auslandsjahr

Der AFS empfiehlt Schülern generell möglichst lange – also für mindestens sechs, besser zehn Monate – ins Ausland zu gehen. Der beste Zeitpunkt für ein Auslandsjahr ist die 10. oder 11. Klasse.

Wenn Jugendliche das 10. Schuljahr (Abitur in 12 Jahren) oder das 11. Schuljahr (Abitur in 13 Jahren) im Ausland verbringen, ist die Anerkennung des Auslandsjahres nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz grundsätzlich möglich.

Um die Integration und das Einleben im Ausland zu erleichtern, wird vom Besuch der Eltern abgeraten. Infos: www.afs.de