Landkreis Harburg

Die Luhe fließt wieder in natürlichen Schleifen

Abschluss der Renaturierung des unteren Luhe-Abschnitts: Detlef Gumz (Landkreis Harburg) und Elisabeth Klocke (Stiftung Lebensraum Elbe) stehen am gerade angeschlossenen Mäander.

Abschluss der Renaturierung des unteren Luhe-Abschnitts: Detlef Gumz (Landkreis Harburg) und Elisabeth Klocke (Stiftung Lebensraum Elbe) stehen am gerade angeschlossenen Mäander.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Das 2,3 Millionen Euro teure Projekt zur Renaturierung ist abgeschlossen. Flussbett ist jetzt 334 Meter länger.

Winsen.  Der Bagger setzt seine Riesenschaufel an, nach wenigen Minuten ist es vollbracht: Ein Rinnsal Luhe-Wasser bahnt sich seinen Weg in eine künstlich angelegte Flussschleife, schwillt nach wenigen weiteren Baggerhieben zu einem munteren Strom an, der plätschernd den Höhenausgleich zwischen dem Fluss und seinem neuen Mäander herstellt. Das ist im wahrsten Wortsinn der Durchbruch eines 2,3 Millionen Euro teuren Naturschutz-Projekts in der Luhe-Niederung nördlich von Winsen. Und gleichzeitig der Schlussakkord.

Größtes Projekt der Stiftung Lebensraum Elbe

Elisabeth Klocke, Geschäftsführerin der Stiftung Lebensraum Elbe, beobachtet die Vermählung des auf seinem letzten Abschnitt komplett begradigten Heideflusses mit seinem neuen Arm: „Das haben wir fast so gut hinbekommen, wie ihn die Natur früher geschaffen hatte“, sagte sie lächelnd. Die städtische Stiftung, die sich unter anderem aus einem Anteil der Hafengelder finanziert, hat den Auftrag, die Natur entlang der Elbe und ihren Nebenflüssen zu stärken. Die Bauarbeiten an der Luhe sind ihr größtes Projekt.

Sechs Jahre Arbeit

Nicht nur der Fluss, auch die Umgebung sind an die Gezeitenwechsel der Elbe angeschlossen. Das macht sie zu einem besonders vielfältigen Lebensraum. „Das fühlt sich richtig gut an“, sagt auch Detlef Gumz. Er leitet den Naturschutzbereich in der Kreisverwaltung Winsen und freut sich über die Aktivitäten der Stiftung in seinem Arbeitsbereich. Schon vor der Baumaßnahme lebten viele schützenswerte Tier- und Pflanzenarten in der Niederung. Auch deshalb sei 2014 das Naturschutzgebiet Ilmenau-Luhe-Niederung ausgewiesen worden, als Teil des europäischen Schutzgebiets-Netzwerks, so Gumz: „Dieses Netz hat ökologisch noch viel Luft nach oben. Deshalb sind wir sehr froh, dass die Stiftung Lebensraum Elbe sich hier engagiert hat und weiter engagieren möchte.“

Umbau einer Fläche von 18 Hektar

Vor knapp einem Jahr, am 9. September, rollten die ersten Bagger in die Luhe-Niederung. Die Erdarbeiten waren gewaltig: Der Fluss wurde durch die zwei neuen Schleifen um 334 Meter verlängert – rund 820 Meter waren ihm durch frühere Begradigungen genommen worden. Weiter nördlich entstand eine Wasserwildnis mit Teichen und zahlreichen Prielen. Insgesamt wurden 7000 Kubikmeter Erdreich abgetragen und weggefahren. Die Bauarbeiten erstreckten sich über 18 Hektar (180.000 Quadratmeter). Zwölf Hektar hat die Stiftung gekauft, für den in kirchlichem Besitz befindlichen Rest die Nutzungsrechte erworben.

Im Winter verwandelte sich die Großbaustelle in eine Schlammlandschaft, durchzogen mit tiefen Furchen, die Bagger und Raupen hinterlassen hatten. Eine Pistenraupe wurde geholt, weil sie den morastigen Untergrund weniger stark verdichtete. „Trotz der widrigen Umstände durch die starken Winterniederschläge ist das Projekt im Zeitplan geblieben und gut gelaufen“, lobt Detlef Gumz. „Wir können uns da nur bei den Baufirmen bedanken.“

Natur holt sich den Raum zurück

Im Winter wirkte das Naturschutzprojekt eher destruktiv. Das änderte sich in den vergangenen Monaten. Aus der Schlammlandschaft mit frisch gegrabenen Teichen im Nordteil des Projekts ist eine grüne Oase geworden. Wer weiß, dass sich am Hinweisschild an der Laßrönner Straße vor einem halben Jahr eine Baustellenauffahrt mit einem Containerbüro und Stahlplatten-bewehrtem Fahrweg befanden, erkennt das Projektgebiet kaum wieder. Weiter südlich, dort wo die beiden Flussschleifen liegen, blühen die Ufersäume der künstlichen Mäander, kleine Erlen und Weiden schauen aus dem hohen Gras hervor. Auch hier würde niemand ahnen, dass diese Ufer nicht einmal ein Jahr alt sind.

„Die Natur kommt sofort zurück“, sagt Dietrich Westphal von der Nabu-Ortsgruppe Winsen, und wie zum Beweis fliegt ein Graureiher vom neuen Flussufer auf. „Schon im März habe ich in den Teichen, die im Oktober gebaggert wurden, erste Amphibien gesehen.“

Jetzt liegt der Fokus auf der Ilmenau

Bauherrin Elisabeth Klocke hatte den Winsenern schon im Herbst versprochen, dass die Natur die hässlichen Wunden in der Landschaft schnell heilen werde und dann ein noch wertvollerer Lebensraum als zuvor entstanden sein wird. Die Naturschutz-Managerin hat bereits ein Auge auf die Ilmenau geworfen. Schon die Machbarkeitsstudie zum Luhe-Projekt hatte den Fluss mit einbezogen, weil beide Gewässer zusammen einen Naturraum bilden. „Mit der Ilmenau wollen wir auch etwas machen“, kündigt Klocke an. „Wir stimmen uns gerade mit dem Landkreis Harburg und dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz über den Umfang der Planungsarbeiten ab.“

Bemühungen von Lokalpolitikern und dem Verein Historische Ilmenau, den Fluss für Sportboote wieder bis Lüneburg schiffbar zu machen, stünden dem nicht entgegen, versichert Klocke: „Wir wollen nur das Umland aufwerten und, anders als bei der Luhe, nicht direkt an den Fluss rangehen.“