Ehrenbürgerschaft

Erst gründete er eine Schule, dann schrieb er Geschichte

Wilhelm Marquardt hat die 430 Seiten lange Dorfchronik über Bendestorf verfasst.

Wilhelm Marquardt hat die 430 Seiten lange Dorfchronik über Bendestorf verfasst.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Wilhelm Marquardt, Gründer des Gymnasiums Hittfeld und Autor der Chronik über Bendestorf, erhält die Ehrenbürgerschaft.

Bendestorf. Er erinnert sich noch genau an den Tag, als der Anruf kam. Das war 1972. Wilhelm Marquardt, Studienrat und Anwärter der höheren Beamtenlaufbahn kam gerade aus dem Urlaub, als das Telefon in seinem neugebauten Bendestorfer Reetdachhaus klingelte. Oberkreisdirektor Andreas Dehn war am Apparat und er hatte eine klare Botschaft: „Ich möchte, dass Sie eine Schule für die Region aufbauen, ein eigenes Gymnasium für die Schüler der Gemeinden Seevetal und Rosengarten.“ Marquardt, damals 39 Jahre alt, willigte ein.

Der Aufbau des heutigen Gymnasium Hittfeld, das heute über 1000 Schüler zählt, ist nur ein Teil des vielfältigen Engagements von Wilhelm Marquardt für die Gemeinde. Der gebürtige Immenbecker, der seit 1969 in Bendestorf zuhause ist, hat nicht nur eine Schule gegründet, gebaut und ein Viertel Jahrhundert geleitet, er hat außerdem die Geschichte eines Dorfes in der Nordheide aufgeschrieben, eine 430 Seiten lange Chronik über Bendestorf.

Weiteres Buch gegen das Vergessen

Jetzt hat er ein weiteres Buch gegen das Vergessen herausgebracht, einen Briefwechsel zwischen dem Poeten und Pazifisten Heinz Strelow und seiner in Bendestorf lebenden Mutter Meta.

Für sein Lebenswerk wird der 86-Jährige jetzt ausgezeichnet. Er erhält die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Bendestorf. „Wilhelm Marquardt hat mit seiner Chronik nach mehr als zehnjähriger Recherche die Historie, das Werden und Wachsen von Bendestorf niedergeschrieben“, sagt Bürgermeister Bernd Beiersdorf. „Mit seinem Werk hat die Gemeinde und die Region Nordheide ein Stück Geschichte vorliegen, das auch für Nicht-Einheimische sehr lesenswert ist. Diese herausragende Leistung möchten wir würdigen.“

Doch nicht nur sein Engagement als Heimatforscher soll ausgezeichnet werden, sondern auch seine Leistungen als Vorstand der Kirchengemeinde, die unter seiner Ägide Ende der 1970er Jahre eine eigenständige Pfarrstelle wurde sowie sein Wirken als Schulleiter für zigtausende junge Menschen in der Region. „Ich freue mich über diese Ehrung“, sagt Wilhelm Marquardt. „Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich eine Auszeichnung verdiene.“ Ehefrau Elke, mit der Marquardt seit 58 Jahre verheiratet ist, sieht das anders: „Wilhelm hat für die Gemeinde etwas Wesentliches getan. Er hat viel bewegt.“

Angefangen bei der Gründung des Gymnasiums auf dem Peperdieksberg 1972. „Da es kein Schulgebäude gab, haben wir in Eile Pavillons aufgestellt“, erinnert sich Wilhelm Marquardt. „Und weil es keine Lehrer gab, bin ich nach Bayern und Berlin gereist, um Lehrkräfte zu gewinnen. Ich habe ihnen gezeigt, wie schön wir es hier haben und ihnen die Region schmackhaft gemacht.“

Zum Teil 40 Schüler in einer Klasse

Im August 1972 startete der Schulbetrieb mit sechs Parallelklassen. Ein Jahr später zogen die Schüler und der neue Jahrgang, der mit neun Parallelklassen startete, bereits in den eilig fertig gestellten Neubau. „Wir hatten zum Teil 40 Schüler in einer Klasse, das war schon eine Herausforderung“, sagt der ehemalige Schulleiter, der selbst Sport und Englisch unterrichtete. „Mein Anliegen war es immer, eine offene Schule zu sein, ein Ort, an dem Eltern mitwirken und sich am Schulleben beteiligen konnten.“

Auch der Austausch mit Partnerschulen im Ausland habe ihm am Herzen gelegen. Einige der Partnerschaften bestehen bis heute.

„Ich habe meinen Beruf sehr gemocht“, sagt Wilhelm Marquardt. „Schule ist ein lebendiger Organismus, ständig in Bewegung und in der Entwicklung. Die Arbeit dort wird nie langweilig.“ Als er 1998 in den Ruhestand ging, nahm er sich einer neuen Aufgabe an, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen. Sein Vater Wilhelm Marquardt senior, der im Jahr 1970 die Ortschronik „970-1970. Bendestorf“ verfasst hatte, hatte ihn gebeten, die Chronik neu zu schreiben, sobald dieser im Ruhestand sei. 1994 verstarb der Senior. Sechs Jahre später löste der Sohn sein Versprechen ein.

Die Recherche über die Historie, das Werden und Wachsen von Bendestorf dauerte fast zehn Jahre. Hunderte Bücher hat der ehemalige Oberstudienrat dafür gewälzt, unzählige Archive durchstöbert. Er wollte nichts übersehen, keine Epoche auslassen. „Ich wollte in diesem Buch zeigen, dass alles miteinander verwoben ist. Die lokale Geschichte ist ohne die Regional-, die Landes- und letztlich die Weltgeschichte nicht eigentlich zu verstehen“, sagt der Chronist. „Schließlich hat die ‚große Welt‘ zu allen Zeiten auf den Menschen und sein ‚kleines Dorf‘ eingewirkt und umgekehrt jeder einzelne Einwohner seinen Teil zum großen Ganzen beigetragen.“ 2010 ging das Werk auf den Markt.

Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters

2016 veröffentlichte Wilhelm Marquardt ein weiteres Buch. Es trägt den Titel „Mit siebzehn als Gefechtsläufer in der Schlacht an der Somme“ und hält die Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters fest. „Ich möchte die lebhaft und detailgetreu erzählten Erlebnisse den nachfolgenden Generationen als Vermächtnis in die Hand geben“, sagt er. Auch sein drittes Buch, das erst vor ein paar Wochen erschienen ist, soll dazu beitragen, Erinnerungen wachzuhalten.

„Gegen das Vergessen“ heißt die Biografie, die die Erinnerung an den Schriftsteller Heinz Strelow und seine Zeit wachhalten möchte. „Der Briefwechsel zwischen Heinz Strelow und seiner Mutter Meta hat mich sehr berührt“ sagt der Autor. „Genauso wie die Tagebuchaufzeichnungen meines Vaters. Ich hätte gern noch mehr über ihn gewusst. Aber meine Eltern haben nicht gern über die Vergangenheit gesprochen.“

„Mein Vater hat die Nazi-Zeit und die Nachkriegszeit bewusst auch aus der Chronik rausgelassen“, sagt Wilhelm Marquardt. „Sie war ihm zu gegenwärtig.“ Also hat der Junior die Lücke geschlossen und seine Fragen an die Menschen im Dorf gestellt. „Ich habe die alten Bewohner von Bendestorf auf ihren Höfen besucht und sie von damals erzählen lassen“, sagt er. Ihre Geschichten sind in der Chronik festgehalten.

Sie ist sein Beitrag zur Aufklärung und gegen das Vergessen. Er hofft, dass auch die jüngere Generation in seine Bücher schaut und sich einlässt auf die Vergangenheit. „Vom Philosophen Odo Marquard, mit dem ich leider nicht verwandt bin, stammt folgendes Zitat: ‘Zukunft braucht Herkunft’“, sagt Wilhelm Marquardt. „Der Satz hätte von mir sein können.“