Umfrage in Großstädten

Frauen fühlen sich in Harburg besonders unsicher

Viele Frauen fühlen sich in Harburg unsicher: Die Bahnhöfe und ihre Umgebung werden in der Umfrage mehrfach genannt.

Viele Frauen fühlen sich in Harburg unsicher: Die Bahnhöfe und ihre Umgebung werden in der Umfrage mehrfach genannt.

Foto: imago images / photothek

Dies zeigt eine Befragung zur Sicherheit in deutschen Großstädten. Schwerpunkte sind das Phoenix-Viertel und die Bahnhöfe.

Harburg. Sind Frauen in Hamburg-Harburg besonders gefährdet? Von Januar bis März 2020 führte die Kinderschutzorganisation „Plan International“ eine Befragung zur gefühlten Sicherheit in deutschen Großstädten durch.

Dabei nahmen in Hamburg unter anderem 453 Frauen teil. Eine Karte zeigt nun: Insbesondere im Bezirk Harburg fühlen sich viele Frauen unsicher. Von 46 Harburger Ortsmarkierungen in der „Safer Cities Map“ sind 45 negativ.

An Harburger Bahnhöfen fühlen sich Frauen besonders unsicher

Die Schwerpunkte sind dabei das Phoenix-Viertel, sowie die Bahnhöfe Harburg“, „Harburg Rathaus“ und „Heimfeld“. Lediglich am Wohngebiet Milchgrund/Hermesweg findet sich ein positiver Eintrag. Die meisten Markierungen liegen rund um den Harburger Bahnhof.

Die teilnehmenden Frauen beklagen dabei in erster Linie eine hohe Anzahl alkoholisierter und drogenabhängiger Menschen, die schlechte Beleuchtung, sowie kaum vorhandenes Sicherheitspersonal. Auch anzügliche Blicke und „Betatschen finden sich unter den Markierungen.

Rund um das Phoenix-Viertel fällt die Bilanz nicht besser aus. Eine Vielzahl der Markierungen fällt aufgrund von schlechter Beleuchtung, aufdringlicher Sprüche und alkoholisierter Männergruppen negativ auf.

Wilstorfer Straße: „Bandenkriminalität und Schießereien“

An der Wilstorfer Straße beklagt eine Frau zudem „Bandenkriminalität und Schießereien“. Nach Abendblatt-Informationen liegt die letzte Auseinandersetzung mit Schusswaffen im Phoenix-Viertel allerdings fast zwei Jahre zurück.

Damals gerieten zwei junge Männer in der Eddelbüttelstraße in einen Streit. Nach der folgenden Schlägerei zog der Unterlegene eine Schusswaffe und schoss mehrfach. Zuletzt zeigte die Polizei im Phoenix-Viertel mit einer Reiterstaffel verstärkt Präsenz gegen Drogenkriminalität. Nach Auskunft der Polizei dauern die Schwerpunktmaßnahmen weiter an.

Eine Statistik zum Schusswaffengebrauch im Bereich des Phoenix-Viertels werde von der Polizei nicht geführt, heißt es auf Abendblatt-Anfrage. Man sei jedoch über das Rahmenprogramm „Integrierte Stadtteilentwicklung“ (RISE) in die Gestaltung des Phoenix-Viertels eingebunden. Auch rund um die Bahnhöfe „Harburg Rathaus“ und „Heimfeld“ finden sich viele negative Markierungen aufgrund von Belästigungen, sowie schlecht beleuchteten Straßen und Unterführungen.

Harburger Ring: Drogendealer und Bettler

Rund um die Kreuzung Schloßmühlendamm/Harburger Ring beklagen mehrere Frauen zudem Ansammlungen von Drogendealern und Bettlern. Auf Abendblatt-Nachfrage teilte die Polizei mit, dass im Jahr 2019 insgesamt 48 Fälle von sexueller Belästigung im Bezirk Harburg bekannt seien – 47 der 48 Opfer waren weiblich.

Darüber hinaus registrierte die Polizei im Jahr 2019 fünf sexuelle Übergriffe auf Frauen. Die überwiegende Mehrheit der Fälle von sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen fand nach Auskunft der Polizei im Stadtteil Harburg statt. Dort liegen auch die Bahnhöfe „Harburg“ und „Harburg Rathaus“, sowie das Phoenix-Viertel. Somit decken sich die Ortsmarkierungen der Plan-Umfrage mit den Daten der Polizei.

Viele sexuelle Übergriffe in Harburg

Abgesehen vom Stadtteil Harburg (16), weisen die Stadtteile Wilstorf (11) und Heimfeld (8) die meisten Fälle von sexueller Belästigung auf. Drei der fünf sexuellen Übergriffe trugen sich im Stadtteil Harburg zu. Die Polizei sieht derweil nicht, warum es im Bezirk Harburg ein verhältnismäßig großes Unsicherheitsgefühl bei Frauen geben könnte. „Der Polizei Hamburg sind keine Umstände bekannt, die ein spezielles Unsicherheitsgefühl von Frauen im Bezirk Harburg begründen könnten. Unabhängig vom jeweiligen Stadtteil ist die Polizei Hamburg bestrebt, durch eine Vielzahl repressiver und präventiver Maßnahmen das Sicherheitsgefühl der betroffenen Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen.

Lageangepasst erfolgen an erkannten Brennpunkten Schwerpunkteinsätze“, teilt die Polizei auf Abendblatt-Nachfrage mit. Dies werde durch den Einsatz von uniformierten und zivilen Kräften sichergestellt.

Kooperation mit dem HVV

Konkrete Einzelmaßnahmen rundeten dies nach Angaben der Polizei ab. „Ebenso besteht eine Kooperation mit dem HVV. Gemeinsam mit anderen beteiligten Institutionen werden Haltestellen in Bezug auf die Aufenthaltsqualität begangen. Als Beispiel ist hier die Haltestelle Harburg Rathaus zu nennen“, heißt es von der Polizei.

Auch wenn die Mehrheit der Ortsmarkierungen im Zentrum zwischen Rathausplatz und Harburger Bahnhof liegen, so finden sich in der Plan-Umfrage ebenfalls einige Markierungen in weniger turbulenten Wohngegenden. Am Neuwiedenthaler Drachenthal-Spielplatz beanstanden drei Frauen die schlechte Beleuchtung. Ähnliche Eintragungen finden sich beispielsweise im Park neben der Lessing-Stadtteilschule oder am Lohmühlenteich im beschaulichen Göhlbachtal.

„Jedes Mädchen und jede Frau hat das Recht, sich in ihrer Stadt frei und ohne Angst zu bewegen. Um dahin zu kommen, sollten Mädchen und Frauen aktiv in die Gestaltung ihres Umfeldes einbezogen werden. Städtebauliche Maßnahmen wie mehr oder bessere Beleuchtung oder das Abschaffen von düsteren Ecken in Parks wären zum Beispiel ein guter erster Schritt“, sagt Maike Röttger, Geschäftsführerin von Plan International Deutschland.

Stereotype und Diskriminierung

Genauso wichtig sei es jedoch, Geschlechterbilder zu verändern, die vielen Jungen und Männern immer noch suggerieren, dass es völlig in Ordnung sei, Frauen zu belästigen, so Maike Röttger.

Insgesamt zeigt die Plan-Auswertung für Hamburg, dass von den 718 negativen Markierungen ein Drittel auf einen konkreten Vorfall zurückzuführen sind. Über die Hälfte dieser Vorfälle ist mit sexueller Belästigung verknüpft. Rund zwei Drittel der negativen Markierungen hängen nicht mit einem Vorfall, sondern mit einem unsicheren Gefühl zusammen. Die meist genannten Gründe für ein unsicheres Gefühl sind suspekte Personen, schlechte Beleuchtung und das Gefühl, von Hilfe abgeschnitten zu sein. „Stereotype und Diskriminierung sind die tieferliegenden Gründe dafür, dass Mädchen und Frauen sich nicht sicher fühlen können“, sagt Maike Röttger.

Die polizeiliche Kriminalstatistik für 2019 zeigt, dass die Anzahl von Straftaten im Bezirk Harburg im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozentpunkte angestiegen ist. Harburg ist damit in Hamburg der einzige Bezirk, in dem eine Zunahme von Straftaten vorliegt. Während die Anzahl von Raubüberfällen auf Wegen, Straßen und Plätzen, sowie die Anzahl von Körperverletzungsdelikten leicht abnahmen, stiegen Diebstähle und Rauschgiftdelikte mit rund acht Prozentpunkten vergleichsweise deutlich an.