Hamburg

Diese Harburger Boutique wird von Baustellen verfolgt

Ursula Brozio betreibt zusammen mit ihrer Tochter Irina das Modegeschäft Irina Store in der Harburger Innenstadt.

Ursula Brozio betreibt zusammen mit ihrer Tochter Irina das Modegeschäft Irina Store in der Harburger Innenstadt.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Zwischen Ständern erhebt sich ein Gerüst über mehrere Etagen – das verschafft Geschäftsfrauen und Kundschaft ein Déjà-vu.

Hamburg. „Neueröffnung“ steht in roten Lettern am Modeladen Irina Store an der Amalienstraße 7. Inhaberin Ursula Brozio hat zusammen mit ihrer Tochter einige Kleiderständer und Schneiderpuppen auf den Gehweg gestellt, um Kundinnen zu locken. Zwischen den Ständern erhebt sich ein Baugerüst über mehrere Etagen, und das verschafft den Geschäftsfrauen und ihrer Kundschaft ein Déjà-vu: Bis Ende Juni befand sich der Irina Store an der Bremer Straße 3. Er litt eineinhalb Jahre lang unter einem Baugerüst, das nicht weichen wollte. Nun fühlt sich Ursula Brozio allmählich von Baustellen verfolgt.

Am 1. Juli sind wir hier eingezogen“, sagt die umtriebige Unternehmerin. „Unsere Vermieterin Margot Sobottka hatte versprochen, dass das Gerüst nach einer Woche abgebaut wird. Sie lässt im Dachgeschoss ein Penthouse errichten.“ Doch es steht immer noch. Aber wie schon an der Bremer Straße weiß Brozio sich zu helfen. Damals stellte sie kurzerhand eine Modepuppe neben das Baugerüst, schmückte den grauen Bauzaun mit bunten Blusen aus ihrem Sortiment und machte die Absperrung zum Schaufenster.

Gerüste wurden zu Kleiderständern

Jetzt nutzt sie die von ihr mit angemietete Außenfläche zwischen den Gerüstständern, ist aber mit der Situation unzufrieden: „Es geht niemand hier entlang und guckt in meine Schaufenster. Alle Passanten laufen vom Harburger Ring kommend auf der Seite von Mrs. Waffel vorbei.“

Brozio machte aus der Not eine Tugend und fragte die Waffelschmiede, ob sie nicht gemeinsam eine Modenschau machen wollen. Drei Schauen sind bereits gelaufen, alle in der ersten Augustwoche. „Wir wollen das weitermachen. Allerdings nur einmal im Monat, denn die Modenschauen machen viel Arbeit.“

Vor fünf Jahren hatte Brozio ihr erstes Geschäft in Harburg eröffnet. Sie verkaufe Mode für die reife und schicke Frau, aber auch für jüngere Frauen, umschreibt sie ihr Konzept. An der Bremer Straße war sie nicht mehr glücklich. Nicht zuletzt wegen der Dauerbaustelle. Als sie im März aufgrund der Corona-Pandemie sechs Wochen schließen musste, habe sie über Alternativen nachgedacht.

Kundinnen bringen Kuchen und Geschenke

Zumal in den Keller des Hauses eingebrochen worden war und es auch am Laden Spuren eines Einbruchsversuchs gab. Ihre Tochter plädierte dafür, das Geschäft zu schließen und an einem Standort neu zu eröffnen, der näher am Wohnort in Halstenbek liegt. „Aber als die Stammkundinnen mir zur Wiedereröffnung Blumen und selbstgebackenen Kuchen brachten und sich freuten, dass ich endlich wieder präsent bin, war die Entscheidung gefallen: Ich muss in Harburg bleiben“, erzählt Ursula Brozio.

Die seit fünf Jahren leerstehenden Räumlichkeiten an der Amalienstraße gerieten ins Visier. Brozio fragte ihre Kundinnen, ob sie mit ihr mitziehen würden – alle haben zugestimmt, sagt sie ein bisschen stolz. Jetzt sind sie alle wieder da und lassen sich durch das Baugerüst kaum stören. Gerade kam eine Kundin, die nicht nur einkaufen wollte, sondern Ursula Brozio auch noch einen selbstgebackenen Zitronenkuchen mitbrachte.

Die Geschäftsfrau, die in den 1990er Jahren nach der Insolvenz ihres Modeschmuck-Unternehmens der Marke Irina mit zuletzt 185 Mitarbeitern eine schwere Zeit durchmachen musste, wertet die Mitbringsel der Kundinnen als Anerkennung. Sie mag die Harburgerinnen: „Die Leute sind bodenständig, haben oft nicht viel Geld, aber ein großes Herz.“