Harburg

Kleingarten: Die eigene Scholle wird immer beliebter

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Angelika Hillmer
Richardt Rieper leitet einen der größten Harburger Kleingärten, den Gartenbauverein Kultur von 1950.

Richardt Rieper leitet einen der größten Harburger Kleingärten, den Gartenbauverein Kultur von 1950.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Die Nachfrage nach der eigenen Kleingarten-Parzelle reißt in der Corona-Krise nicht ab. Das gilt es zu beachten.

Harburg. Die Corona-Pandemie fördert die Lust auf einen eigenen Garten – die Harburger Kleingartenvereine können sich vor Nachfragen nach Parzellen kaum retten. „Wir hatten in den vergangenen Monaten 40 bis 45 Anfragen. In normalen Jahren sind es zehn bis 15“, sagt Richardt Rieper, Vorsitzender vom Gartenbauverein (GBV) Kultur von 1950. Mit 205 Parzellen ist er einer der größten Vereine im Hamburger Süden und liegt in Neuland.

Dort, zwischen der Neuländer Straße und den Neuländer Wettern unweit des Elbdeichs, erstreckt sich das größte zusammenhängende Kleingarten-Areal Harburgs.

Kleingartenvereine in Harburg: Nachfrage nach Parzellen hoch

Der GBV Kultur hat alle Parzellen verpachtet, die irgendwie zu mobilisieren waren. „Wir haben 15 Parzellen neu vergeben“, sagt Rieper. „Neun waren gekündigt worden, sechs lagen brach. Darunter eine Parzelle, die seit sechs Jahren nicht mehr genutzt wurde. Wir haben in Gemeinschaftsarbeit erst einmal die Brombeeren wegschneiden müssen, um das Grundstück betreten und zur Laube gelangen zu können.“

Alle Harburger Vereine seien ausgebucht, sagt Rieper, der bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgruppe Harburg im Landesbund für Gartenfreunde Hamburg (LGH) war. Immerhin sind in dem LGH-Bereich, der auch Finkenwerder umfasst, 27 Vereine mit 3100 Parzellen aktiv. Sie nehmen eine Gesamtfläche von 145 Hektar (1,45 Millionen Quadratmeter) ein.

Die Parzellen in Innenstadt-Nähe seien besonders gefragt, sagt Roger Gloszat, Fachberater beim LGH. „Je dichter die Parzelle zum Wohnort liegt, desto besser. Dann fahren die Pächter öfter in ihre Gärten und pflegen sie intensiver.“

Geldangebote für aussichtsreichen Platz auf der Warteliste

Ein Harburger Verein in guter Lage ist der GBV Bremer Straße. „Bisher haben wir für eine frei werdende Parzelle einen neuen Pächter gesucht – und nicht viele Bewerber auf nur eine Parzelle gehabt. Wir hatten im Jahr fünf Interessenten, heute sind es 50“, sagt Vereinschefin Petra Bergemann-Neidig. Ein einziger Garten sei frei und der sei noch nicht zur Abgabe bereit.

Es habe schon Geldangebote für einen vorderen Platz auf der Warteliste gegeben, aber das gehe natürlich gar nicht. „Wir sind ein kleiner Verein, haben nur 32 Parzellen“, sagt die Vorsitzende fast entschuldigend. Aber auch der viel größere Nachbarverein Reiherhop 2 mit fast 200 Parzellen könne bei mehr als 100 Anfragen die Leute nur vertrösten.

Ebenfalls im Kernbereich Harburgs liegt der GBV Wilstorf von 1924. „Wir haben eine ziemlich lange Warteliste mit 27 Positionen“, sagt der Vereinschefs Thomas Schulz. Dem stünde ein durch die Coronakrise geschrumpftes Angebot gegenüber: „In diesem Jahr haben wir nur drei Kündigungen – die Frist ist zum 30. Juni abgelaufen. Üblicherweise sind es acht bis zehn pro Jahr.“

Entsprechend wuchs die Warteliste des gut 100 Parzellen umfassenden Vereins, die in normalen Jahren eher einstellig war und ist „dieses Jahr völlig explodiert“. Noch immer meldeten sich drei bis vier Interessenten pro Woche.

Wie andere Vereinsvorsitzende führt Schulz das Festhalten an der eigenen Scholle auf die Unsicherheit zurück, die aus der anfangs strengen Kontaktsperre und den Urlaubsrisiken entstanden sei. Die Bindung zum Garten sei gewachsen, so Schulz: „Viele Pächter haben in diesem Jahr viel Zeit und Geld in ihren Garten investiert. Sie konnten anfangs ja sonst nicht viel machen, keinen Urlaub, keine Restaurantbesuche.“

Corona-Auflagen gelten auch für Kleingärtner

Natürlich gelten die Corona-Auflagen auch für Kleingärtner. Richardt Rieper berichtet, dass in der ersten Zeit, gerade um Ostern herum, Polizisten durch die Neuländer Schrebergartenkolonien patrouillierten, teils Motorradstreifen, einmal sogar hoch zu Ross. Rieper: „Wir hatten Ostern eine Parzelle, wo vier Menschen ein bisschen gefeiert und ein kleines Feuer angezündet hatten. Sie gehörten nicht zu einem Haushalt und verletzten daher die Kontaktsperre. Für jede Person waren 150 Euro Bußgeld fällig, dazu 20 Euro für das Verbrennen von Gartenabfällen.“

Die Interessenten und Neupächter seien eine bunter Mix aus Deutschen und Ausländern, Familien mit Kindern, aber auch älteren Erwachsenen, sagt Rieper. Nicht alle Interessenten passten in Kleingartenvereine, wollten keine auf viele Jahre ausgelegte Verpflichtung zur Gartenpflege eingehen. Deshalb müssen sich die Bewerber beim GBV Kultur einer Fragerunde des Vorstands stellen. Der entscheidet anschließend, wer in den Verein aufgenommen wird und wer nicht. Nur der von der Spreu getrennte Weizen kommt auf eine Warteliste.

Einer der Bewerber ist krachend durchgefallen

Der mit rund 200 Parzellen ebenfalls recht große Neuländer Verein Einigkeit von 1950 gibt an Interessenten Fragebögen aus, um herauszufinden, wie sie sich ihr Kleingärtner-Dasein vorstellen. Auch hier hat sich die Zahl der Anfragen vervielfacht. „Derzeit haben wir zwischen zehn und 15 Leute auf der Liste“, sagt der Vereinsvorsitzende Heiko Hinze. „Unser Ziel ist es, den Wartenden in einem absehbaren Zeitraum eine Parzelle übergeben zu können.“

An durch die Pandemie bedingten Schnellschüssen ist der Vereinschef nicht interessiert: „Wir hatten tatsächlich eine Anfrage, ob der Garten zurückgegeben werden kann, wenn Corona vorbei ist“, sagt er kopfschüttelnd. Dieser Bewerber ist bei der Anhörung krachend durchgefallen.

Bei Einigkeit seien noch vier Parzellen zu haben, aber die haben keine Laube, so Hinze. Eine fünfte liege direkt an der Straße und sei in einem schlechten Zustand. Auch die wolle keiner haben. Weitere freie Parzellen in Neuland gibt es beim Kleingartenverein Zubringer. Aber dort sei kein Strom vorhanden, sagt Rieper, und das wolle heute auch niemand mehr.

Wer eine Parzelle hat, nutzt sie in diesem Jahr besonders intensiv, hat Richardt Rieper festgestellt: „Die Parkplätze sind sonnabends und sonntags voll. Die Leute können nicht verreisen und bleiben alle in ihren Gärten.“

Weitere Informationen zu Kleingarten-Parzellen:

  • In Kleingärten gelten viele Regeln, an die sich die Pächter zu halten haben, hinsichtlich der Gestaltung des Gartens und der Laube.
  • Die Normgröße der Parzellen beträgt um die 300 Quadratmeter (manche alten Parzellen sind allerdings größer).
  • Für die Nutzung gilt: Auf mindestens einem Drittel der Fläche müssen Obst und Gemüse für den Eigenbedarf heranwachsen. Schließlich dienten die Kleingärten ursprünglich zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung und sollen diesen Zweck auch heute noch erfüllen. Ein weiteres Drittel kann mit Zierpflanzen und Rasen gestaltet sein. Das letzte Drittel steht für Baulichkeiten (Laube, Terrasse, Wege) bereit. Allerdings dürfen nur maximal 40 Quadratmeter versiegelt sein.
  • Zum Wohnen dürfen die Lauben nicht genutzt werden. Deshalb und weil es keine Abwasserentsorgung gibt, darf es keine Wasseranschlüsse in den Lauben geben. Eine gelegentliche Übernachtung am Wochenende wird geduldet.

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