Ungewohnte Stille

Seemannsclub Duckdalben fast ohne Seeleute

| Lesedauer: 7 Minuten

Ein Club im Notbetrieb –Corona-Pandemie ließ den gewohnten vielsprachigen Klönschnack verstummen.

Waltershof/Wilhelmsburg.  Die Türen des Seemannsclubs „Duckdalben“ zwischen den Waltershofer Containerterminals stehen offen. Doch wenn man mal das Ohr hineinhält, und mehr darf man als Außenstehender derzeit nicht, vermisst man die typischen Geräusche der Geschäftigkeit: Kein Klackern der Billardkugeln, keine philippinische Popmusik aus der Karaoke-Maschine und auch kein vielsprachiger Klönschnack am Tresen, der zeitgleich Gemischtwarenladen, Imbisstheke und Bierbar ist. Nur wenige Besucher sind hier. Den üblichen Jahresschnitt von fast 40.000 Gästen wird der „Duckdalben“ in diesem Jahr nicht erreichen.

Schiffe fahren den Hamburger Hafen an, wie eh und je, aber der Landgang für die Seeleute ist stark eingeschränkt. Und auch im Club, der eigentlich auf Geselligkeit ausgerichtet ist, gelten Abstands- und Hygieneregeln. Deshalb kein Billard und kein Karaoke. „Wir waren schon froh, dass wir Anfang Juni überhaupt wieder öffnen durften“, sagt Seemannsdiakonin Anke Wibel, eine Hälfte der zweiköpfigen Clubleitung, „aber es bleibt ein Notbetrieb.“

Nicht alle Reeder halten den Besuch ihrer Männer im „Duckdalben“ für gut

Gary und Joel kommen vor den Club. Sie tragen vorbildlich Masken, obwohl Gary einen Kaffeebecher dabei hat. Aber für das Foto, das eventuell auch ihr Reeder sieht, sind die Masken wichtiger, als die Unmöglichkeit, durch sie hindurch zu trinken. Die Seelsorger und Sozialarbeiter des Duckdalben haben lange gebraucht, um die Reeder zu überzeugen, dass es sicher ist, ihre Seeleute in den Club gehen zu lassen. Beileibe nicht alle sind überzeugt und viele haben sich erst in den letzten paar Wochen durchgerungen, ihre Landgangsrichtlinien etwas zu lockern. „Für uns ist dies der erste Landgang seit Monaten“, sagt Gary, „und auf anderen Schiffen dürfen die Kollegen immer noch nicht von Bord.“

Das ist besonders hart, wenn man, wie Gary und Joel, auf einem Feeder fährt. Das sind die kleineren Containerschiffe, die die Fracht von großen Häfen, wie Hamburg, aus in die kleineren weiterverteilen. Ein Feedertörn dauert meistens eine Woche, abgestimmt auf die großen Liniendienste. Dabei legt das Schiff mindestens einmal, manchmal auch dreimal am Tag irgendwo an. Gary und Joel fahren seit Herbst immer die selbe Ostseerunde zwischen Köhlbrand und Klaipeda. Erst in einigen Wochen werden sie abgelöst.

„Das ist neben dem Landgang ein zweiter Effekt der Corona-Pandemie“, sagt Seemannsbetreuer Jörn Hille, während er seinen Rucksack voller Faltblätter und Telefonkarten in den VW-Bus lädt, mit dem er gleich Bordbesuche macht, „die Seeleute bleiben auch insgesamt sehr viel länger auf den Schiffen“.

Je nach Herkunftsland und Heuertarif sollen Seeleute nach sechs bis acht Monaten an Bord Heimaturlaub bekommen. Corona sorgt dafür, dass diese Zeiten gerade weit überzogen werden. „Das hat mehrere Gründe“, sagt Hille, „zum einen war es für Seeleute lange gar nicht nicht möglich, nach Hause zu kommen, und es ist immer noch schwierig. Auf den Philippinen zum Beispiel gibt es derzeit keine Inlandsflüge. Seeleute, die nicht von der Hauptinsel stammen, hängen dann im Moloch Manila fest.

Da fühlen sie sich an Bord sicherer. Und sie wären sich auch nicht sicher, ob sie wieder eine Anschlussheuer bekommen, beziehungsweise zum Schiff gelangen können. Aber natürlich sind Reeder auch Arbeitgeber, wie alle anderen auch und einige nutzen Corona als Argument, um Tarifstandards auszuhebeln.“

Jörn fährt nach Wilhelmsburg. Bei der Stauerei Wallmann liegen zwei Kombi-Frachter der ostfriesischen Reederei Briese. Sie laden hier „Projektfracht“, das ist Ladung, die zu groß oder zu schwer für Standardcontainer ist. Sowohl Wallmann, als auch Briese sind Spezialisten dafür. Was verladen wird, wissen nur wenige Beteiligte. Auch das gehört zum Geschäft. Große Technologieunternehmen verschiffen hier Maschinen, die blickdicht eingeschweißt sind. Bordwache Ivan auf der „BBC Rhonetal“ verrät auch den nächsten Zielhafen nicht.

Ohne feste Linie fahren Seeleute dorthin, wo sie gebucht werden

Der übernächste Törn geht nach Japan, mehr weiß er ohnehin noch nicht. Die Spezialfrachter sind Trampschiffe: Ohne feste Linie fahren sie dorthin, wo sie gebucht werden. Ivan ist Ukrainer, hat die Seefahrtsakademie in der Heimat abgeschlossen und sammelt jetzt Seezeit. In ein paar Monaten ist er Offizier. Ivan ist entspannt, aber gründlich: jeder, der die „Rhonetal“ betritt und verlässt, muss sich ein- und austragen, jeder, der an Bord kommt, die Hände desinfizieren. Es kommen und gehen viele: Heute ist die regelmäßige Schiffsinspektion durch die Reederei dran. Jörns Einladung in den Seemannsclub will deshalb niemand folgen. Alle sind angespannt und haben viel zu tun.

Zum Telefonkartenkaufen kommen trotzdem fast alle. Besonders die internationalen Datenpakete sind gefragt. Dabei gewährt Briese nach Ivans Auskunft seinen Seeleuten schon deutlich mehr Datenvolumen im Satelliten-Uplink, als der Tarifvertrag vorsieht. „Alle Reeder wissen genau, dass die Kommunikation nach Hause genauso wichtig für zufriedene Seeleute ist, wie gutes Essen. Leider beherzigen das längst nicht alle!“

Ivan ist schon einige Monate unterwegs, hat aber noch kein Heimweh. „An Bord sind wir vor Corona ziemlich sicher, das ist auch ein angenehmes Gefühl“, sagt er. „Wir sind der sicherste Berufsstand der Welt, weil wir so isoliert sind. Andererseits wäre etwas mehr Landgang schon schön.“Das liegt aber längst nicht nur an den Reedern, weiß Jörn: „In vielen deutschen Häfen lässt die Bundespolizei die Seeleute nicht von Bord, weil das eine Einreise wäre. Hamburg ist da eine Ausnahme. Aus Freihafen-Zeiten hat sich noch gehalten, dass Besuche beim Hafenarzt, im Seemannsclub und ähnlichen Stellen im Hafengebiet ohne Anfrage möglich sind.“

Über die Köhlbrandbrücke geht es zurück in den Club. Es ist halb drei. Der Club schließt um 18 Uhr. Auch das ist dem Umständen geschuldet. Üblicherweise hat er bis 22 Uhr geöffnet – vom 2. Januar bis zum 31. Dezember.

Seemannsclub „Duckdalben“


Der „International Seamans Club Duckdalben
“ in Waltershof wurde 1986 eröffnet. Die isolierte Lage der Containerterminals im westlichen Hafenteil und die kurzen Liegezeiten der Containerschiffe hatten dazu geführt, dass immer weniger Seeleute einen Landgang sinnvoll nutzen konnten. Mit über einem Dutzend Telefonzellen, der Möglichkeit telegrafisch Geld nach Hause zu überweisen, und vor allem der Möglichkeit ein paar Stunden lang mal andere Leute zu sehen oder zu sprechen, als die, mit denen man seit Monaten zusammenhockt, kam der Club den Grundbedürfnissen der Seefahrer entgegen. Daran hat sich nicht viel geändert, außer dass WLAN-Router die meisten Telefonzellen abgelöst haben.


Der Duckdalben wird von der Seemannsmission Hamburg-Harburg betrieben und aus Spenden finanziert. Letztere werden immer gern willkommen geheißen, können derzeit aber nur außerhalb des Clubs überreicht werden.

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