Freigehege in Berne

Ein Zuhause für Hunderte Störche

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Von Helen Hoffmann, dpa
Zwei Störche machen Station auf einer Wiese in der Nähe der Storchenpflegestation Wesermarsch.

Zwei Störche machen Station auf einer Wiese in der Nähe der Storchenpflegestation Wesermarsch.

Foto: Mohssen Assanimoghaddam / dpa

Störche sind vielen Gefahren ausgesetzt. Für verletzte Tiere gibt es einen Zufluchtsort beim Nachbarn in der Wesermarsch.

Berne.  Störche, so weit das Auge reicht. Einige kreisen am Himmel, andere füttern ihre Jungen hoch oben im Nest oder laufen über die Wiese im Freigehege. Auf dem rund einen Hektar großen Grundstück des Ehepaars Hilfers in Berne und dem Umland im Landkreis Wesermarsch tummeln sich Hunderte der großen Vögel. Hilfers zufolge gibt es in ganz Deutschland keine Gemeinde mit so vielen Störchen. Gerade landet ein Elterntier mit vollem Magen auf einem Horst und würgt jede Menge Heuschrecken für seine drei Jungen heraus. Eifrig picken die acht Wochen alten Störche ihr Mittagessen auf.

Seit 28 Jahren kümmert sich Udo Hilfers nun schon um Störche. Gemeinsam mit seiner Frau Anke versorgt er verletzte Tiere und erklärt Besuchern, wie die Vögel leben. Das Paar setzt sich dafür ein, dass Störche einen artenreichen Lebensraum vorfinden und ihren Nachwuchs erfolgreich aufziehen können. So klettert der 63-Jährige auf hohe Leitern, um die Brutplätze zu säubern. „Die Störche tragen sehr viel Unrat in ihre Nester – leider häufig auch Müll wie Plastiktüten und Sachen, die das Nest wasserundurchlässig machen“, erzählt der Leiter der Storchenpflegestation Wesermarsch. „Bei Starkregen entsteht dann häufig Staunässe, wodurch die Eier unterkühlen und sogar noch große Jungtiere im Nest sterben können.“

Der Weißstorch ist eine streng geschützte Art. „Immer noch machen zahlreiche Gefahren dem Weißstorch das Leben schwer“, so die Naturschutzorganisation Nabu. Durch die intensive Nutzung der Landschaft und den Einsatz von Pestiziden finden die Vögel mit dem langen roten Schnabel vielerorts nicht genügend Nahrung. Zudem verenden Vögel etwa nach Zusammenstößen mit Stromtrassen, Windkraftanlagen oder im Straßenverkehr.

Auf dem Weg in ihr Überwinterungsgebiet in Afrika landen etliche Störche im Kochtopf oder sterben an giftigen Chemikalien. „Viele Störche überleben das erste Lebensjahr nicht“, sagt Hilfers, dessen Einrichtung von Spenden, Mitgliedsbeiträgen und öffentlichen Zuschüssen finanziert wird.

Die Weißstorchbestände haben sich erholt

Die Aufzucht von Jungen ist ihm zufolge Hochleistungssport für die Elterntiere. Von morgens bis abends sind beide Störche unterwegs, um Nahrung für ihren immer hungrigen Nachwuchs zu sammeln. Reicht die Nahrung nicht für alle, werfen die Eltern einzelne Küken aus dem Nest oder fressen sie sogar, wie Hilfers erzählt. „Es ist die Ausnahme, dass aus fünf Eiern fünf Störche aufgezogen werden.“ Im Alter von etwa acht Wochen werden die Jungen flügge. Von Tag zu Tag werden sie bei ihren Flugübungen mutiger. „Loopings am Himmel drehen nur die Jungvögel, die noch nicht erwachsen sind“, sagt Hilfers.

Nach Angaben der Naturschutzorganisation Nabu ist die jüngste Entwicklung beim Weißstorch positiv. „Mit Blick auf die Zahlen der vergangenen Jahre, kann man aktuell von einer Erholung der Bestände ausgehen“, sagt der Sprecher der „Nabu-Landesarbeitsgemeinschaft Weißstorch“, Tom Sauerland. „Der Storch ist in Deutschland nicht mehr vom Aussterben bedroht.“ Aber: Die Zahl der Tiere sei von Region zu Region sehr unterschiedlich. Mancherorts reiche der Bruterfolg der Störche nicht aus, um die natürlichen Verluste zahlenmäßig wirklich auszugleichen.

Nach Angaben des Umweltministeriums in Hannover hat sich die Zahl der Störche in Niedersachsen auch dank der Schutz- und Hilfsmaßnahmen erfreulich entwickelt, gut sei die Lage aber noch nicht. Einrichtungen, die verletzte, verwaiste oder geschwächte Tiere aufpäppeln und danach wieder in die Natur entlassen, leisten demnach einen wertvollen Beitrag für die Erholung der Bestände.

Behindertenfreundliche Bodennester für verletzte Vögel

In der Storchenpflegestation Wesermarsch werden pro Jahr bis zu 80 kranke oder verletzte Störche betreut. Die meisten von ihnen verlassen das Grundstück nach einiger Zeit und fliegen ab August ins Winterquartier nach Afrika. Rund 50 Patienten leben in Dauerpflege in einem Freigehege, weil sie aufgrund ihrer Behinderung nicht mehr ausgewildert werden können. Sie haben behindertenfreundliche Bodennester, auf denen sie trotz ihrer Beeinträchtigung Nachwuchs aufziehen können, wie Hilfers erzählt. Regelmäßig brüten diese Störche Eier aus und ziehen Junge von verunglückten Störchen auf. „Die behinderten Störche bekommen hier ein Zuhause und eine Aufgabe als Ammenvögel.“

Dass in der Station Störche leben, die ihr gesamtes Leben auf menschliche Hilfe und gekauftes Futter angewiesen sind, halten manche Storchenkenner für übertriebene Tierliebe, wie der Nabu berichtet.

Mit Blick auf den begrenzten Lebensraum plädiert Sauerland dafür, auch andere Tierarten im Blick zu haben. Ihm zufolge gibt es in manchen Regionen Anzeichen dafür, dass Störche andere Bodenbrüter verdrängen könnten. „Der Einsatz muss mit Augenmaß erfolgen. Wenn er dazu führt, dass eine extrem hohe Population andere Arten verdrängt, ist das meiner Meinung nach nicht richtig“, sagt der Naturschützer.

Das Ehepaar Hilfers hat davor keine Sorge. Die Art brauche weiterhin Unterstützung, da sind sich die beiden sicher. Für die Tiere verzichten sie auf Urlaub und freie Wochenenden. Gespartes Geld investieren sie in Flächen und Kleingewässer. „Der Storch verkörpert eine intakte Landschaft. Wo er seinen Lebensraum findet, ist die Welt noch halbwegs in Ordnung“, sagt Udo Hilfers.

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