Adolphsens Einsichten

Rassismus ist ein verbreitetes Phänomen

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Helge Adolphsen
Helge Adolphsen engagiert sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich in Hamburg und international.

Helge Adolphsen engagiert sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich in Hamburg und international.

Foto: Andreas Laible

Alle zwei Wochen sonnabends schreibt der emeritierte Michel-Pastor seine Kolumne für die Regionalausgabe Harburg des Abendblatts.

Harburg.  Rassismus gibt es nicht nur in Amerika. Die Meldungen über Feindseligkeiten gegen Andersfarbige und Menschen anderer ethnischer Herkunft bei uns häufen sich. Die Zahl der rechtsextremen, rassistischen und antisemitischen Angriffe hat 2019 erschreckend zugenommen.

Für die SPD-Chefin Saskia Esken ist sogar die Polizei „latent rassistisch“ – eine unglückliche Verallgemeinerung. Und nicht einmal die christlichen Gemeinden scheinen ganz frei davon zu sein – trotz des christlichen Gebotes der Nächsten- und Feindesliebe.

Auslandspfarrer aus Papua-Neuguinea in Dingolfing

Im niederbayrischen Dingolfing arbeitet der evangelische Pastor Penga Nimbo aus Papua-Neuguinea als Auslandspfarrer. So wie umgekehrt deutsche Pastoren in vielen anderen Ländern arbeiten. Er sagt, offenen Rassismus habe vor allem sein Sohn in der Schule erlebt.

Aber auch er selbst habe vielfach den unterschwelligen Rassismus erfahren, etwa bei der Taschenkontrolle im Supermarkt oder der Fahrkartenkontrolle ohne besonderen Anlass in der Bahn. Er sei auch für einige in seiner Gemeinde kein richtiger Pastor. Sie beschweren sich über seinen Akzent. Aber er betont, dass solche Äußerungen die Ausnahmen sind. Die Mehrheit der Gemeindemitglieder empfinden Pastoren aus dem Ausland als Bereicherung.

Im nächsten Jahr kehrt er mit seiner Familie zurück nach Papua-Neuguinea, zurück in ein Land, in dem die evangelische Kirche vor über 200 Jahren von Missionaren aus Deutschland gegründet wurde.

Tiefsitzende Vorurteile sind nur schwer zu verändern

Die Überschrift in einem Artikel eines Magazins gibt zu denken: „Erbsünde Rassismus“. Offenbar gibt es tiefsitzende Vorurteile und Klischees, die nur schwer zu verändern sind. So werden bestimmte Menschen stigmatisiert oder gar zu Sündenböcken gemacht. Meiner Mutter war klar: „Zigeuner klauen!“ Deshalb schärfte sie uns Kindern ein, ja aufzupassen, wenn der wöchentliche große Waschtag war. Denn es seien Zigeuner in der Stadt, und die würden uns die Wäsche von der Leine stehlen. Mehr erfuhr und wusste ich nicht über das fahrende Volk. Das Vorurteil saß tief.

Im Studium hörte ich ein Konzert mit Künstlern der Roma und Sinti. Die „Zigeuner“ waren für mich nun keine Diebe mehr, sondern musizierende Menschen und Künstler. So wurde ich durch meine eigene Erfahrung von einem hartnäckigen Klischee befreit.

Veränderung braucht persönliche Erfahrung

Dass wir persönliche Erfahrungen für eine Änderung unserer Einstellungen brauchen, schildert die nigerianische Autorin Chimanda Adichie in einem Artikel, überschrieben mit „Die Gefahr einer einzigen Geschichte“. Ihre Bücher sind in 37 Sprachen übersetzt.

Auch sie erzählt von einem Klischee ihrer Kindheit. In ihrem Elternhaus lebten Bedienstete, die aus den umliegenden Dörfern kamen. Als sie acht Jahre alt war, kam Fide, der neue Hausdiener, ins Haus. Das Einzige, was ihre Mutter ihr von ihm erzählte, war, dass die Familie arm war. Wenn Chimanda ihr Essen nicht aufaß, sagte die Mutter: „Iss dein Essen auf! Denk daran, dass Menschen wie die Familie von Fide nichts haben.“

Das klingt nach Anteilnahme, Mitleid und Solidarität. Aber die Autorin bemerkt dazu: „Ihre Armut war die einzige Geschichte von ihnen, die ich kannte.“ Mehr nicht. Eines Tages besuchte sie Fides Dorf. Seine Mutter zeigte ihnen einen wunderschönen geflochtenen Korb. Den hatte Fides Bruder gemacht. Chimanda war es bis dahin nie in den Sinn gekommen, dass jemand in dieser armen Familie etwas Schönes herstellen könnte.

Nicht nur eine Geschichte erzählen

Die Autorin bemerkt dazu: „Nur eine einzige Geschichte zu kennen und zu erzählen ist verhängnisvoll.“ Sie hat Recht. Denn so blenden wir alles andere aus und werden sehenden Auges blind. Wir reduzieren Menschen dann auf ihre Hautfarbe oder Herkunft, auf die uns fremde Sprache oder die anderen Lebensgewohnheiten.

Aber es geht noch tiefer: Wir verkleinern sie auf ihre Armut oder ihren Reichtum, ihre Muskelkraft oder Intelligenz, auf ihre Erfolge oder ihr Versagen. Adichie bemerkt dazu: „So kreiert man eine einzige Geschichte. Man zeigt eine Seite eines Volkes, und nur diese eine Seite, und dann wird diese Seite zur Identität.“

Zu Menschen, denen man ein Etikett an die Stirn geklebt hat, kann man keine wirkliche Beziehung aufbauen. Chimanda Adichie sieht natürlich auch, dass in solchen Verkürzungen häufig ein wahrer Kern steckt, sie stimmen zum Teil. Aber eben nur zum Teil. Sie sind nicht das Ganze. Meine Mutter hat sich nie gefragt, warum Zigeuner klauen. Ob sie vielleicht keine andere Möglichkeit sahen, ihre Kinder satt zu kriegen. Verallgemeinernde Urteile sind immer falsch: Sowenig wie alle Roma und Sinti Künstler sind, sowenig sind sie eben auch alle Diebe.

Im Etikett liegt große Gefahr

Einseitige Etikettierungen sind gefährlich und können verhängnisvoll werden, sagt Adichie. Gefährlich, weil so Menschen zu Spielbällen von Manipulation und Macht gemacht werden, für eigene Zwecke missbraucht und als Sündenböcke oder gar Untermenschen abgestempelt werden. So werden andere ihrer Würde beraubt und nicht als gleichberechtigte Menschen anerkannt. Die Würde eines Menschen ist bekanntlich unantastbar.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der Hamburger St. Michaelis-Kirche. Er engagiert sich heute in vielseitiger Weise ehrenamtlich in der Hansestadt und international. Alle zwei Wochen schreibt Adolphsen seine Gedanken zu einem Thema für die Regionalausgabe Harburg des hamburger Abendblatts auf.

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