Trendwende

Harburgs Friedhof hat immer mehr Platz

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Erdgräber im westlichen Friedhofsbereich in Harburg. Sie verschwinden zunehmend.

Erdgräber im westlichen Friedhofsbereich in Harburg. Sie verschwinden zunehmend.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Die Tendenz zu Urnengräbern und alternativen Bestattungsformen zwingt zur Neuordnung der Friedhofsflächen. Die Kosten steigen.

Harburg.  Der Trend zu Urnengräbern, zu See- oder Baumbestattungen führt dazu, dass viele Harburger Friedhöfe ihre frei werdenden Flächen von Erdgräbern nicht mehr komplett belegen können. Der Bezirk ist offenbar stärker betroffen als das Umland. So hat der Neue Friedhof Harburg, der 32 Hektar (320.000 m²) große Hauptfriedhof an der Bremer Straße, jährlich einen Überschuss von 2000 Quadratmetern. Der Flächensaldo ergibt sich aus der Differenz der abgelaufenen zu den neu vergebenen Grabstätten.

Anteil der Urnenbestattungen liegt bei 75 Prozent

Der Neue Friedhof ist einer von drei Evangelisch-Lutherischen Friedhöfen unter der Regie des Kirchengemeindeverbands Harburg (hinzukommen Sinstorf und Wilstorf). „Wie bei allen kirchlichen Friedhöfen in Hamburg liegt dort der Anteil der Urnenbestattungen bei rund 75 Prozent“, sagt Matthias Habel, Friedhofsbeauftragter des Kirchenkreises Hamburg-Ost, zu dem Harburg gehört. „Noch vor 40 Jahren war das Verhältnis umgekehrt.“ Neben dem Wandel der Bestattungsformen habe der Friedhof, ebenso wie andere, mit Dumping-Angeboten von privatwirtschaftlichen Bestattungsplätzen zu kämpfen: „Es gibt leider Möglichkeiten, Menschen sehr kostengünstig zu bestatten, fernab von jeder Würde.“ Mehr möchte der Friedhofsbeauftragte dazu nicht sagen.

Mobilität verringert Bindung an Heimatort

Auch habe die zunehmende Mobilität dazu geführt, dass die Bindung an den Friedhof, etwa bei Familiengräbern, nachlasse, so Habel: „Heutige Harburger sind nicht mehr auf Harburg fixiert; die Gräber werden oft nur für eine Generation genutzt.“ Sollte der Trend anhalten, werde in 50 Jahren nicht einmal die Hälfte des Friedhofsareals gebraucht, prognostiziert er. Wenn auf derselben Fläche weniger Gräber untergebracht sind, erhöht dies die Pflegekosten pro Grab. Die Konkurrenz der Billigbestattungen erschwere es den Friedhöfen zunehmend, die höheren Kosten auf die Preise umzulegen: „Wir werden es in Zukunft sehr schwer haben, weil der Markt das nicht hergibt.“

Konzentration der Grabflächen

Als Reaktion auf die Entwicklung versuchen große Friedhöfe, ganze Grabfelder aus der Nutzung zu nehmen. Dort werden keine neuen Grabflächen vergeben, sondern diese auf anderen Arealen konzentriert. Ziel sei es, so Habel, zusammenhängende Flächen zu gewinnen und diese in pflegeleichte Nutzungsformen umzuwandeln, etwa zu einer Rasenfläche oder zu naturnahen Parkflächen. Hier seien die städtischen Friedhöfe im Vorteil: „Sie können solche Bereiche als Naherholungsflächen ausweisen, die aus Steuermitteln gefördert werden. Kirchliche Friedhöfe können das nicht.“

Ab 2043 keine Bestattung mehr in Wilstorf

Auch kleinere Anlagen habe meist nicht die Chance, die Belegung so zu steuern, dass parkähnliche Freiflächen entstehen. Sie werden oft aufgegeben. Wie der Friedhof Wilstorf: Seit 2019 werden nur noch namentlich reservierte Grabstätten belegt. Von 2043 soll es keine Bestattungen mehr geben. Nach der Ruhezeit von 25 Jahren wird das jüngste Grab 2068 frei werden. Anschließend wird nach heutiger Planung noch eine Pietätsfrist von zwölf Jahren eingehalten, so dass der Friedhof frühestens um 2080 entwidmet werden könnte. Wenn die Situation es dann erfordert.

Der Trend zu überschüssigem Platz ist auch auf den bezirklichen Friedhöfen (Neugraben, Fischbek, Langenbek) spürbar. „Die Zahl der Bestattungen ist in den letzten 20 Jahren gesunken, wobei seit 2010 eine Stagnation bei rund 85 Prozent festzustellen ist“, sagt Bezirksamtssprecher Dennis Imhäuser. In den nächsten Jahren werde „sukzessive über alternative Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Friedhöfe“ nachgedacht. Als Beispiele nennt er neue Bestattungsformen wie Baumgräber und naturnahe Landschaftsräume. Zudem müssen die Friedhöfe Pandemieflächen vorhalten, so Imhäuser. Sehr langfristig gesehen könnten zusammenhängende Friedhofsbereiche „nach angemessener Zeit einem anderen Nutzungszweck übergeben werden“.

Im Landkreis ist die Situation unterschiedlich

Jenseits der Bezirksgrenze ist die Lage sehr unterschiedlich. „In Winsen ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten“, sagt der Erste Stadtrat Christian Riech. „Auch wir haben die Tendenz weg von der klassischen Erdbestattung. Seit drei, vier Jahren werden Baumbestattungen nachgefragt. Unsere Friedhöfe in Roydorf und Bostel haben darauf reagiert und bieten diese jetzt an.“ Die drei städtischen Friedhöfe – der größte ist mit gut 15.000 Quadratmetern Luhdorf – versuchten, kleinere Areale auslaufen zu lassen. Die Grabfelder würden aber nicht stillgelegt, sondern modernisiert und neu belegt.

Den Mut zur Lücke beweist der 14 Hektar (140.000 m²) große Waldfriedhof Buxtehude: „Auf dem Friedhof werden bewusst ,Lücken‘ beziehungsweise Grabfreiflächen vorgehalten, auch um ein unterschiedliches Grabangebot zur Verfügung stellen zu können“, so Ines Hansla von der städtischen Pressestelle. Die Lücken seien aber nicht größer als in den Jahren zuvor. Ein Blick auf die diesjährige Statistik lasse erkennen, dass bislang mehr Sargbestattungen als Urnenbestattungen stattgefunden haben – „in den Jahren zuvor war dies umgekehrt“. Die Stadt Buchholz hat sogar ein Platzproblem. Dies sei wohl auch darin begründet, dass die Stadt in gut 40 Jahren von 24.000 Einwohnern auf heute gut 40.000 Einwohner gewachsen sei, sagt Thomas Söller, Leiter des städtischen Grünflächenamts. „Der Trend zur Urne ist da, deshalb legen wir neue Urnenfelder an. Wir haben keine Flächen frei. Wir planen gerade einen neuen Abschnitt für Sarg- und Urnengräber.“

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