Zu wenige Hausärzte

Buxtehude will Anreize für Jungmediziner bieten

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Axel Tiedemann
Ein Landarzt nimmt sein Stethoskop aus dem Koffer. Doch immer mehr Jungmediziner entscheiden sich für die Stadt.

Ein Landarzt nimmt sein Stethoskop aus dem Koffer. Doch immer mehr Jungmediziner entscheiden sich für die Stadt.

Foto: dpa

Wie im Nachbar-Landkreis Harburg: Immer weniger Hausarzt-Praxen auch in der Estestadt.

Buxtehude.  Für das Fischbeker Neubaugebiet Heidbrook gab es spezielle Grundstückangebote für Ärzte, während der Landkreis Harburg mit finanziellen Anreizen für junge Mediziner lockt: Die mangelnde Hausärzte-Versorgung im Süderelberaum sorgt derzeit vielerorts für ungewöhnliche Anwerbungsversuche. Und auch in Buxtehude soll jetzt die große Lücke bei der Versorgung mit Hausärzten angegangen werden. Darauf haben sich am Mittwoch nach einer Präsentation aktueller Zahlen die Ratsmitglieder des zuständigen Buxtehuder Sozial-Ausschusses verständigt. Man wolle die Sommerpause nutzen, um in den Fraktionen über geeignete Maßnahmen zu diskutieren, hieß es.

Das könnten ebenfalls finanzielle Anreize sein, eine Unterstützung bei der Jobsuche des Ehepartners oder auch Hilfen bei der Wohnungsfindung, schlug Grünen-Ratsfrau Beate Rothe vor, die selbst Allgemeinmedizinerin in Buxtehude ist und die Situation aus dem Alltag eines Arztes schilderte: Fast täglich bekomme ihre Praxis drei, vier Anrufe von Patienten, die in Buxtehude einen Hausarzt suchen.

In jüngster Zeit seien aber fünf Praxen in der Stadt komplett geschlossen worden. Mit der Folge, dass die verbliebenen Hausarztpraxen in der Stadt heute statt wie sonst etwa 1100 gut 1600 Patienten betreuen müssten und oft gar keine neuen Patienten mehr aufnehmen könnten. „Die Leute finden keinen Hausarzt, wenn sie hierherziehen. Das ist die Realität“, so die Grünen-Ratsfrau.

Kommunen konkurrieren bei der Anwerbung junger Ärzte

Eine Realität, die im Übrigen auch in der Nachbargemeinde Neu Wulmstorf lange schon diskutiert wird. Wie überhaupt das Thema Hausärzte-Versorgung im Landkreis Harburg ebenfalls virulent ist und deshalb dort seit Anfang des Jahres Zuschüsse gezahlt werden. 300.000 Euro stellt die Kreisverwaltung in diesem Jahr dabei für die Ansiedlung von Praxen und auch für Stipendien von Medizinstudenten zur Verfügung, um ausgebildete oder angehende Mediziner an den Landkreis Harburg zu binden. Buxtehude müsste daher bei der Ärzte-Anwerbung in Konkurrenz zu anderen Kommunen treten.

Wie sich die Lage bei der Versorgung mit Hausärzten konkret darstellt in der Estestadt, stellte der Geschäftsführer der Stader Bezirksstelle der kassenärztlichen Vereinigung (KV), Michael Schmitz, im Ausschuss vor. Im so genannten Planbereich Süd, zu dem Buxtehude und eine Reihe kleinerer Ortschaften gehören, liege der Versorgungsgrad noch bei 91,1 Prozent.

Allerdings gibt es hier mit 22 Prozent einen relativ hohen Anteil von älteren Ärzten über 63 Jahre, die demnächst in den Ruhestand gehen könnten. Berücksichtigt man diese Entwicklung und betrachtet nur die Zahl der Hausärzte, die jünger als 63 sind, kommt man laut Schmitz auf einen Versorgungsgrad von nur noch 79, 8 Prozent. „Das zeigt die Dramatik“, so Schmitz.

Eine Hausarztpraxis ist zuständig für 750 Einwohner

Der Versorgungsgrad errechnet sich dabei nach einer Faustformel der KV, wonach 1750 Einwohner (nicht Patienten) auf eine Hausarztpraxis kommen sollten. Sind es mehr Einwohner, liegt der Grad unter 100 Prozent. Für Buxtehude und den Planbereich Süd bedeutet das nach seinen Worten, dass sich hier derzeit noch acht zusätzliche Hausärzte mit kassenärztlicher Zulassung niederlassen könnten. Zur Einordnung: Nur im Stadtgebiet ohne Ortschaften gibt es derzeit nach Recherchen der Grünen lediglich elf Hausarztpraxen.

Wobei die Kassenärztliche Vereinigung (KV) selbst auch schon finanzielle Anreize bietet, um solche Lücken auf dem Land zu schließen. So hat die KV Schmitz zufolge seit 2012 Investitionskosten-Zuschüsse von bis zu 60.000 Euro für eine Praxiseröffnungen im Landkreis Stade gewährt.

Zwölf Ärzte konnten so für Buxtehude gewonnen werden. Darüber hinaus stehe es den Kommunen frei, selbst etwas zu unternehmen, so Schmitz. „Ich warne aber vor einer Scheckbuch-Konkurrenz“. Besser sei es, das Gespräch mit den vorhandenen Ärzten zu suchen, um vielleicht Kooperationen zu ermöglichen.

Von medizinischen Versorgungszentren, die von Kommunen selbst betrieben werden und wie sie die SPD im Landkreis Harburg propagiert, rät er aus betriebswirtschaftlichen Gründen ab. „Die Erfahrung zeigt, dass sie kaum schwarze Zahlen schreiben“, so Schmitz. Alles zusammengenommen, sei das Thema Hausärzte-Versorgung aber vor allem ein demografisches Problem, weil die Generation der Babyboomer nun in Rente gehe. Schmitz: „Das ist aber kein Katastrophenzustand. Im internationalen Vergleich stehen wir bei der ärztlichen Versorgung immer noch sehr gut da.“

Landgang für Jungmediziner

Der Landkreis Stade versucht mit dem Praktikums-Projekt „Landgang“ junge Mediziner für das Arbeiten und Leben auf dem Land zu gewinnen. Dabei absolvieren Medizin-Studenten ein Praktikum bei erfahrenen Hausärzten und bekommen im Landkreis kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Die Hoffnung dabei: Durch solche Kontakte „verankern“ sich die angehenden Ärzte schon einmal im Landkreis und sind später eher bereit, dort auch zu arbeiten. Beteiligt an dem Projekt sind neben vielen Kommunen, das UKE in Hamburg sowie die Elbe Kliniken Stade und Buxtehude sowie die Hochschule 21 in Buxtehude.. Infos: www.landgang-stade.de​

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