Digitales Niedersachsen

Händler auf dem Weg in die Online-Zukunft

| Lesedauer: 7 Minuten
Lena Thiele
Digital-Staatssekretär Stefan Muhle hat die web-netz GmbH aus Lüneburg als „Digitaler Ort Niedersachsen“ ausgezeichnet. 

Digital-Staatssekretär Stefan Muhle hat die web-netz GmbH aus Lüneburg als „Digitaler Ort Niedersachsen“ ausgezeichnet. 

Foto: web-netz

Digitalkonferenz vom Land ausgezeichnet. Veranstalter sieht lokale Läden vor großen Herausforderungen.

Lüneburg.  Wenn Patrick Pietruck einkaufen geht, entsperrt er sein Smartphone, tippt sich durch ein paar Seiten, wählt seine Wunschartikel aus und bezahlt digital – alles von zu Hause aus oder wo immer er sich gerade befindet. Dann muss er nur noch warten, bis Kleidung, Technikgeräte oder Pflanzen geliefert werden. „Ich kaufe fast alles online“, sagt der 37-Jährige – und damit ist der Inhaber der Lüneburger Digitalagentur Web-Netz längst keine Ausnahme mehr.

Onlineshopping ist für weite Teile der Bevölkerung mittlerweile selbstverständlich. Rund 86 Prozent der Menschen in Niedersachsen, die das Internet nutzen, kauften im vergangenen Jahr auf diesem Weg ein oder bestellten etwas. In der Gruppe der 25- bis 44-Jährigen lag der Wert sogar bei rund 98 Prozent, bei den über 65-Jährigen immerhin bei 74 Prozent. Dies geht aus Zahlen des Landesamts für Statistik Niedersachsen hervor.

Von dieser Entwicklung profitieren vor allem die großen Internethändler. Viele Einzelhändler in den Innenstädten hätten den Trend verschlafen, meint Pietruck, dessen Agentur gerade als Digitaler Ort Niedersachsen ausgezeichnet wurde. Die meisten Ladeninhaber verkauften ihre Produkte weiterhin ausschließlich in ihren Geschäften, den Sprung ins Internet habe die große Mehrheit bisher nicht gewagt. Dann kam das Coronavirus und der wochenlange Lockdown. Plötzlich war der Onlineverkauf die einzige Möglichkeit, überhaupt Umsatz zu machen.

Um die lokalen Händler zu unterstützen, organisierte die Agentur, bei der 117 Mitarbeiter beschäftigt sind, kurzerhand im Mai eine digitale Konferenz mit rund 20 kostenfreien Vorträgen und Diskussionsrunden. Die Teilnehmer der „OMK.digital“ erhielten im Livestream Tipps zur Einrichtung und Gestaltung eines Onlineshops, bessere Sichtbarkeit durch Suchmaschinenoptimierung und die geschickte Nutzung von Social Media und E-Mail-Newsletter.

Wie kann man Produkte schnell online präsentieren?

Deutschlandweit schalteten sich rund 2300 Unternehmer zu, etwa 70 Prozent kamen laut Patrick Pietruck aus Niedersachsen. „Es ging um die Frage, was Einzelhändler in dieser Situation tun können, um schnell und günstig ihre Produkte online zu präsentieren“, sagt der Agenturchef. Außerdem berichteten erfolgreiche Händler, wie Jan Orthey von der Buchhandlung Lünebuch, von ihrer Onlinestrategie.

„Leider sind solche Erfolgsgeschichten die Ausnahme, die meisten Einzelhändler sind alles andere als digitalaffin“, sagt Patrick Pietruck. Er ist überzeugt, dass sich der Trend zum Onlineshopping weiter verstärken wird. Wer den Anschluss nicht verpassen will, sollte sich Gedanken machen, welche Art von Onlinepräsenz zu seinem Geschäft passt. Dafür sei es nicht unbedingt notwendig, einen Internetshop zu eröffnen, betont der Digitalexperte. „Für viele Unternehmer ist es einfacher und effektiver, erst einmal andere Kanäle zu nutzen, um sich im Internet zu präsentieren. Mein erster Tipp ist: Nutzt viel stärker die sozialen Medien!“ Über Facebook und Instagram könnten auch kleine Unternehmen ihre Bekanntheit steigern und viele Kunden erreichen, auf Marktplätzen wie Amazon oder Ebay schnell und verhältnismäßig einfach Umsatz machen. Allerdings seien sie dort auch sehr abhängig und könnten keine eigene Marke aufbauen.

Onlineshops nicht überstürzt eröffnen

Händler, die sich für einen eigenen Onlineshop entscheiden, sollten diesen nicht überstürzt eröffnen, sondern genau auf ihr Geschäftsmodell abstimmen. Zunächst sei es wichtig, das passende technische System zu wählen, sagt Pietruck. „Für einige ist ein Baukastenmodell das Richtige, das geht schnell und ist schon für etwa 30 Euro im Monat zu haben. Das reicht zum Beispiel für einen kleinen Weinhändler, der 300 Produkte im Monat verkauft. Wer höhere Anforderungen hat und die Investition von mindestens 5000 Euro nicht scheut, kann sich einem individuellen Shop aufbauen.“ Generell sollte man nicht den Aufwand unterschätzen, den der Onlineverkauf zusätzlich bedeutet, allein durch das Verpacken und Verschicken der Pakete.

Der Onlineexperte rät Unternehmern zudem, ihre Kunden und potenziellen Neukunden per E-Mail anzuschreiben. „Die Wirkung eines solchen Newsletters unterschätzen viele. Aber damit kann man eine große Gruppe sehr günstig erreichen. Man sollte nur darauf achten, das Datenvolumen klein zu halten und eine mobilfähige Vorlage zu verwenden, denn viele Menschen rufen ihre Mails übers Smartphone ab.“

Für die Zukunft bleibe den Inhabern kleiner Läden keine andere Wahl, als ins Onlinegeschäft einzusteigen, meint Pietruck. Denkbar seien vor allem hybride Modelle, Kombinationen aus lokalen Geschäften und ihren Onlineshops. Viel Zeit bleibe jedoch nicht mehr, die Coronakrise habe die Abkehr vom stationären Handel noch einmal verstärkt. „Zurzeit ist es beklemmend, mit Maske in einem Geschäft einzukaufen“, meint er. „Solange diese Angst besteht, wird sich die Lage in den Innenstädten weiter verschärfen.“

Für das Konzept erhielt die Agentur nun die Auszeichnung

Die Konferenz OMK.digital war eine kleinere und digitale Version der Online Marketing Konferenz (OMK), die die Agentur Web-Netz seit 2012 jährlich in Kooperation mit der Leuphana Universität veranstaltet. „Neben dem Austausch über die Digitalisierung in Kommunikation und Marketing bildet vor allem die Wissensvermittlung in Vorträgen und Masterclasses den Schwerpunkt der Konferenz“, sagt Pietruck. Ziel ist es, universitäre Lehre und Theorie im Online-Marketing mit der Praxis in der deutschen Wirtschaft zu verbinden. Zu den Teilnehmer zählen Fach- und Führungskräfte aus dem Mittelstand, Lehrende aus der Wissenschaft, Studenten sowie Vertreter von Sozial- und Wirtschaftsverbänden und Digitalagenturen. Der Schwerpunkt liegt auf Niedersachsen und den norddeutschen Bundesländern.

Für das Konzept erhielt die Agentur nun die Auszeichnung als sogenannter Digitaler Ort Niedersachsen. Die Initiative hat das Wirtschaftsministerium des Landes ins Leben gerufen. „Mit der Auszeichnung rücken wir Initiativen, Projekte, Unternehmen und Einrichtungen in den Fokus, die sich besonders für die Digitalisierung engagieren und damit einen wichtigen Beitrag für die Innovationskraft des Landes leisten“, sagt Staatssekretär Stefan Muhle. Die diesjährige OMK wird voraussichtlich im November stattfinden, diesmal möglicherweise in einer Kombination aus einem Studio mit Gästen vor Ort und per Video hinzugeschalteten Teilnehmern.

Digitaler Ort Niedersachsen

Den Titel „Digitaler Ort Niedersachsen“ tragen unter anderem das Sozialgericht Stade, der Tourismusverein Altes Land und das Lüneburger Unternehmen Werum IT Solutions.


Für die Auszeichnung können sich Schulen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, kleine und mittelständische Unternehmen, Industriebetriebe, Handwerksbetriebe, karitative Einrichtungen und andere Institutionen bewerben. Sie müssen sich mit ihrem Engagement im Kontext der Digitalisierung besonders verdient machen und den digitalen Wandel in Niedersachsen aktiv mitgestalten.


Eine Jury im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung wählt die Gewinner aus. Der nächste Stichtag für eine Bewerbung ist der 15. August 2020. Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.digitalagentur-niedersachsen.de.

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