Harburg und Umland

Singen trotz Corona: Chöre im Norden schlagen Alarm

| Lesedauer: 6 Minuten
Hanna Kastendieck
"Die Ohrwärmer" der integrative Chor der Harburger Kulturwerkstatt probt nach Aufhebung der Kontaktsperre erstmal draußen unter freiem Himmel.

"Die Ohrwärmer" der integrative Chor der Harburger Kulturwerkstatt probt nach Aufhebung der Kontaktsperre erstmal draußen unter freiem Himmel.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Erste Gespräche mit Kulturbehörde wurden bereits geführt. Laut Auflagen benötigt jeder Sänger vier Quadratmeter Platz.

Drei Monate Kontaktsperre, Proben digital per Zoom oder gar nicht - die Corona-Pandemie stellt Chöre in Harburg und Umland auf eine harte Probe. Jetzt schlagen die Chorleiter und der Chorverband Hamburg Alarm. Sie befürchten, dass spätestens zum Jahresende viele Chöre in Harburg und Umland sterben werden. Bedroht sind nach Angaben des Chorverbandes Hamburg vor allem Chöre mit Nachwuchsproblemen und solche mit vorwiegend älteren Mitgliedern. „Diese werden in einigen Fällen die gegenwärtige Zwangspause nicht überstehen“, sagt die Verbandsvorsitzende Angelika Eilers.

Eilers, die selbst zum Ensemble der Liederfreunde Marmstorf gehört, das aufgrund seiner Altersstruktur seit Ende Februar nicht mehr geprobt hat, geht davon aus, dass der Chorverband zum Jahresende viele Mitglieder verlieren wird, sollten nicht dauerhaft neue Möglichkeiten zum gemeinsamen Proben gefunden werden. Zwar dürfen sich Chöre seit Anfang Juni wieder treffen. Allerdings aufgrund des Infektionsschutzes nur unter strengen Hygiene-Auflagen. Ansonsten drohen Bußgelder.

Für jeden Sänger müssen vier Quadratmeter eingeplant werden

Das stellt viele Chöre vor eine Herausforderung. Denn für alle gilt: Geprobt werden darf nur, wenn zwischen jedem Sänger mindestens zwei Meter Abstand liegen. Das aber bedeutet: für jeden Teilnehmer müssen mindestens vier Quadratmeter eingeplant werden. Für die Chöre, die bislang in Altenheimen, Gemeindehäusern, Schulen und Kulturzentren auf kleinstem Raum geprobt haben, ist das ein echtes Problem. Erste Chorproben wie bei den „Ohrwärmern“, dem Chor der KulturWerkstatt Harburg, wurden nun ins Freie verlegt.

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„Doch spätestens im Oktober, wenn das Wetter in Norddeutschland umschlägt, werden wir unsere Arbeit wieder einstellen müssen“, sagt deren Chorleiterin Ulrike Lachmann. „Diesen erneuten Probenabbruch werden viele Chöre nicht überleben.“ Die Chorleiterin, die insgesamt vier Chöre in der Hamburger Region, davon einen in Harburg und einen in Meckelfeld betreut, befürchtet, dass viele Chöre dann dauerhaft verstummen werden.

Turnhallen und Aulas sind Sportvereinen vorbehalten

Damit genau das nicht passiert, will der Chorverband Hamburg nun die Politik um Unterstützung bitten. Erste Gespräche mit der Kulturbehörde wurden bereits geführt. „Aufgrund der derzeitigen Auflagen könnten Chöre höchstens in Turnhallen und Aulen proben, diese sind aber zumeist den Schulen und den Sportvereinen vorbehalten“, sagt Angelika Eilers vom Chorverband Hamburg. „Es wäre wünschenswert, dass diese Räume im Rahmen der Gleichstellung auch für Chöre zur Verfügung stehen.“

Die Forderungen des Verbandes, der in Hamburg und Umland rund 100 Chöre mit mehr als 3500 Singenden vertritt, lautet: „Der Hamburger Senat soll dafür sorgen, dass den Chören in jedem Stadtteil mindestens ein Raum zur Verfügung gestellt wird, der ausreichend Platz bietet, um in voller Chorgröße proben zu können.“

Turnhallen, Konzertsäle, Veranstaltungszentren oder leerstehende Fabrikhallen und Großraumbüros könnten dafür genutzt werden, so die Idee. „Es wäre schön, wenn die Stadt Hamburg die problematische Lage der Chöre erkennt und Unterstützung anbietet“, so Eilers. Dazu gehöre nicht nur das Bereitstellen von entsprechend großen Räumen, sondern auch die Übernahme der Kosten für deren Nutzung.

Das aber würde bedeuten: Die Stadt müsste sich bereit erklären, mehr Geld als bisher für die Chöre in der Hansestadt zur Verfügung zu stellen. Denn bislang gibt es von offizieller Seite im Jahr nur 5000 Euro für die Chorarbeit. „Chöre spielen in Hamburg offenbar eine untergeordnete Rolle“, sagt Angelika Eilers. „Chöre sind Einzelkämpfer.

Keine Lobby in der Behörde

Sie haben keine Lobby in der Behörde.“ Während in anderen Bundesländern Chöre großzügig von öffentlicher Hand gefördert würden, spielten sie für die Hamburger Kulturbehörde nur eine untergeordnete Rolle. „In Baden Württemberg stellt die Landesregierung jährlich zwei Millionen Euro für die Chöre zur Verfügung, in Berlin und dem Saarland sind es 500.000 Euro, in Hamburg 5000 Euro, zweckgebunden für die Verbandszeitschrift „Singende Woterkant“.

Doch allein mit einer Zeitschrift können die Chöre in der Corona-Krise nicht dauerhaft bei der Stange gehalten werden. Denn die Kosten für die Chorleitung und die Räumlichkeiten laufen weiter. Bislang haben sich die Chöre solidarisch erklärt und bezahlen das Honorar ihrer Chorleiter weiter. „Wir Chorleiter sind Soloselbstständige“, sagt Carsten Creutzberg, der neben den Liederfreunden Marmstorf auch den in der Gemeinde ansässigen Gospelchor Majoy sowie den Harburger Popchor SingASong und den Finkenwerder Männerchor Germania leitet. „Wir leben von den Einnahmen, die wir durch Proben, Sonderproben, Chorwochenenden und Konzerte haben. Aktuell haben wir einen großen Verdienstausfall. Die Chöre können diesen nicht dauerhaft auffangen.“

Viele Eintrittsgelder mussten zurückgezahlt werden

Hinzu kommt, dass die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auch die Chorvereine finanziell vor große Herausforderungen stellen. „Durch die Corona-Krise sind viele geplante Konzerte ausgefallen. Das hat beträchtliche Auswirkungen für die betroffenen Chöre“, sagt Angelika Eilers. „Es mussten Räumlichkeiten bezahlt werden, die wenigsten Chöre konnten Gutscheine für die Eintrittsgelder ausstellen, so dass Rückzahlungen erfolgen mussten.“

Diese Kosten müssten nun durch die Mitgliedsbeiträge aufgefangen werden, zusätzlich zu den anfallenden Chorleiter-Honoraren und den weiter laufenden Mieten für die Probenräume. Dauerhaft könnten also nicht nur die Chorleiter selbst, sondern auch die Vereine in existenzielle Nöte geraten.

Um das zu vermeiden, hoffen die Mitstreiter jetzt auf Unterstützung durch die Behörde. „Ich wünsche mir, dass der Senat dem Chorsingen eine ähnlich große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung zuschreibt, wie dem Sport. „Auf der Homepage der Freien und Hansestadt Hamburg ist folgender Satz zu finden: ‚Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg misst dem Sport wegen seiner pädagogischen, gesundheitlichen und sozialen Funktionen eine außerordentlich hohe Bedeutung bei. Der Sport leistet einen unverzichtbaren Beitrag für die Lebensqualität aller Hamburgerinnen und Hamburger.‘ Dieser Satz gilt genauso für die vielen Chöre“, sagt Angelika Eilers. „Nur, dass er auf der Homepage unserer Stadt leider nicht zu finden ist.“

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