Trockenheit

Niedersachsen droht eine Wasserkrise

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Staubige Ernte – im vergangenen Jahr litten die Erträge unter der Dürre. Das befürchten die Landwirte auch für dieses Jahr.

Staubige Ernte – im vergangenen Jahr litten die Erträge unter der Dürre. Das befürchten die Landwirte auch für dieses Jahr.

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Der Grundwasserpegel im Land fällt bereits im dritten Jahr. Das hat Folgen für die Land- und Forstwirtschaft, aber auch für die Verbraucher.

Hannover.  Es ist wie ein Bankkonto, von dem unterm Strich mehr abgehoben als eingezahlt wird: Die Grundwasserreserven in Niedersachsen werden angesichts der trockenen Sommer 2018 und 2019 immer knapper. Auch für dieses Jahr erwarten die Experten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) laut einem gestern präsentierten Sonderbericht eine ähnlich angespannte Lage wie im Vorjahr. „Der Klimawandel ist angekommen in Niedersachsen“, kommentierte Umweltminister Olaf Lies (SPD) das Experten-Gutachten.

Brunnen zeigen zu niedrige Grundwasserstände

Der NLWKN verfügt über ein Netz von 1430 Messstellen, die Daten von 1354 davon wurden ausgewertet. Im „hydrologischen Jahr“ 2019 (November bis Oktober) hat sich der Grundwasserstand im Vergleich zum Vorjahr noch einmal deutlich verschlechtert: An zwei von drei Messstellen waren die Grundwasserstände niedriger als 2018, obwohl die Trockenheit weniger extrem war. Und auch, wenn der Winter 2019/20 relativ niederschlagsreich war, ist der Grundwasserstand in vielen Regionen Niedersachsens aus Expertensicht auch in diesem Jahr angespannt

Wälder fallen trocken und sterben ab

Ernteausfälle, vertrocknete Felder, Probleme mit der Wasserversorgung, extrem tiefe Wasserstände bis hin zum Trockenfallen und in den Wäldern das Absterben ganzer Baumarten sind die Folge, hieß es gestern in Hannover. Bäume werden im Trockenstress durch Käfer zusätzlich geschädigt. Selbst den alten Laubbäumen fehlt mittlerweile der Anschluss an die tieferen Wasserschichten in den Böden. Waldbauern denken über eine völlig neue Baumartenwahl nach, da hiesige Waldbestände mit dem Klima kaum mehr zurechtkommen.

Landwirtschaft ist besorgt

Vor allem die Landwirtschaft ist besorgt über diese Entwicklung. Wichtig sei es, unter anderem die Winterniederschläge optimal für die Grundwasserneubildung zu nutzen, indem Abflüsse an der Oberfläche vermieden werden. Die Gesellschaft insgesamt müsse ihre Wassernutzung überdenken, beispielsweise die Flächenversiegelung wieder zurückfahren oder Brauchwasser einsetzen, wenn es möglich sei. „Die Trinkwasserversorgung genießt eindeutig Priorität“, betonte Gabi von der Brelie, Sprecherin des Niedersächsischen Landvolks. „Landwirtschaft nutzt Wasser und verbraucht es nicht, es wird zur Nahrungsmittelerzeugung eingesetzt.“

Umweltministerium will Konzept erarbeiten

Umweltminister Lies will Konzepte für ein umfassendes Wassermanagement in ganz Niedersachsen erarbeiten lassen – fast drei Millionen Euro stehen dafür im Haushalt bereit. Notwendig seien neue Infrastrukturen zur Wasserrückhaltung, zur Grundwasseranhebung, Brauchwassernutzung und Wassereinsparung – von Speicherbecken und Zisternen, wassersparender Beregnungstechnik in der Landwirtschaft bis zur intelligenten Steuerung von Entwässerung. Niemand habe noch bis vor Kurzem mit solch dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt gerechnet, sagt Lies: „Viele dachten, nach zwei schlechten Jahren wird’s wieder besser. Falsch.“

Knappheit sorgt für Interessenkonflikte

Die immer knapper werdende Ressource Wasser sorge für Interessenkonflikte, heißt es vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Die Ziele der öffentlichen Trinkwasserversorgung könnten nicht nur mit den Interessen von Anrainern und Landwirten, sondern auch mit den Zielen des Naturschutzes kollidieren, sagt der VKU-Vizepräsident und Geschäftsführer des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes OOWV, Karsten Specht.

Rasensprenger verteilt bis zu 800 Liter in der Stunde

Tatsächlich machen sich die sinkenden Grundwasserstände in einigen Haushalten schon am Tröpfeln aus dem Wasserhahn bemerkbar. In den vergangenen beiden Sommern gab es in einzelnen Orten Probleme, jeden Haushalt zu Stoßzeiten sicher mit Wasser zu versorgen. Grund ist aber nicht die Knappheit des Trinkwassers, sondern die hohe Nachfrage. „Eine wesentliche Rolle für Rekordabgaben spielen die Gartenbewässerung und die Befüllung von größeren Pools mit Leitungswasser“, sagt OOWV-Sprecher Gunnar Meister. Der Pro-Kopf-Verbrauch betrage in seinem Verbandsgebiet im Durchschnitt 115 Liter pro Tag. „Ein Rasensprenger verteilt dagegen in einer Stunde bis zu 800 Liter“, sagt Meister. Das bringe die Versorgungsinfrastruktur an ihre Grenzen.

Sperrungen von Schwimmbädern oder Badeseen wegen der Corona-Schutzmaßnahmen könnten den Verbrauch weiter steigen lassen, wenn die Menschen im eigenen Planschbecken Erfrischung suchen. Grüne und Umweltschützer fordern eine „grundlegende Neuausrichtung“ der Wasserpolitik, die den Schutz der Ökosysteme in den Mittelpunkt stelle.

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