Sparmaßnahmen

Droht der Karstadt-Filiale in Harburg das Aus?

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Lars Hansen
Der Karstadt-Konzern plant die Schließung einiger Filialen. Ist diesmal die in Harburg dabei?

Der Karstadt-Konzern plant die Schließung einiger Filialen. Ist diesmal die in Harburg dabei?

Foto: Lars Hansen / xl

70 Filialen stehen nach Sparwellen zur Disposition. Für den Bezirk wäre die Schließung ein herber Verlust.

Harburg.  Das Gerücht, dass es Karstadt in Harburg nicht mehr lange geben wird, verbreitet sich seit 93 Jahren in schönster Regelmäßigkeit. Kaum hatte das Kaufhaus 1927 eröffnet, unkten die ersten, dass hier auch bald wieder Schluss sei.

Bis jetzt hat das Harburger Haus alle diese Gerüchte überlebt. Selbst, als das Haus ausgebombt war oder als wegen des S-Bahn-Baus jahrelang ein Bauzaun das Kaufhaus von den Fußgängerströmen abschnitt, lief der Verkauf weiter. Und auch die Corona-Pause steckte die Harburger Karstadt-Dependance anscheinend besser weg, als erwartet.

70 der 180 Karstadt-Filialen stehen zur Disposition

Wenn jetzt allerdings aus der Essener Konzernzentrale verlautet, dass zirka 70 der 180 nach mehreren Sparwellen verbliebenen Kaufhäuser zur Disposition stehen, kommen selbst Optimisten ins Grübeln. Harburgs Bezirkspolitiker und andere Entscheider sind sich einig: Es wäre für Harburg ein herber Schlag, würde Karstadt sein Haus schließen.

Unabhängig von Harburg steht der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof schon länger vor Problemen. Der gesamte klassische Einzelhandel verliert weiterhin Kundschaft an Online-Händler, diverse Vorbesitzer des Konzerns haben gerne Geld aus der Firma gezogen und ungern investiert und mit Kaufhof hat Karstadt zwar einen der letzten Konkurrenten im Kaufhaussegment aufgekauft, hat damit an vielen Orten – beispielsweise an der Mönckebergstraße – zwei oder gar drei, mit Karstadt Sports, Häuser an einem Marktplatz.

Umsatzverluste können wie Brandbeschleuniger wirken

Umstrukturierungen waren bereits angekündigt, ohne das konkrete Pläne genannt wurden. Die Umsatzverluste durch die Corona-Pause wirken da, wie ein Brandbeschleuniger. Vieles spricht dafür, dass die Harburger Karstadt-Filiale auch diesen Sturm übersteht: Die Immobilie mit 16.000 Quadratmetern Verkaufsfläche gehört dem Konzern selbst, verursacht also keine zusätzlichen Mietkosten.

Im Gegenteil: Würde man schließen, müsste man einen Nachmieter suchen. Das Haus ist als Kaufhaus gebaut – und außer Karstadt oder Kaufhof gibt es keine Kaufhausketten mehr, die eine solche Fläche bespielen könnten. Zweitens geht der Einzugsbereich der Harburger Filiale weit über den Bezirk Harburg hinaus in den Landkreis.

Dass diese Kunden im Ernstfall auch den Weg nach Hamburg finden, ist unwahrscheinlich. Sie wären verloren. Drittens verkauft die Filiale verhältnismäßig gut, wie man hört. Filialleiterin Nina Gramulla-Wedler ist zwar kein Wort zur Lage zu entlocken, aber wenn man sich geschickt bei ihren Mitarbeitern umhört, kommt zurück, das die Zahlen im Konzernvergleich mehr als stimmen und dass der Verkauf nach der Corona-Pause schneller wieder angezogen hat, als man gedacht hatte. So viel zur lokalen Logik. Aus der Ferne getroffene Konzernentscheidungen folgen solchen Argumenten aber häufig nicht.

„Harburg Innenstadt würde ins Ungleichgewicht geraten“

„Für Harburg wäre das ein ganz herber Verlust“, sagt City-Managerin Melanie-Gitte Lansmann. „Die Innenstadt würde ins Ungleichgewicht geraten. Wir haben auf dieser Seite mit Karstadt, dem Wochenmarkt, der Hölertwiete und den Harburg-Arcaden einen starken Ankerpunkt, der alle seine Elemente braucht. Würde Karstadt wegfallen, müsste ich lange nach adäquatem Ersatz suchen und wüsste auch nicht, wer dafür in Frage kommt.“

Die Grünen-Bezirksabgeordnete Heinke Ehlers sieht das ähnlich: „Das so genannte Knochen-Modell mit dem Sand-Quartier als einem dicken Ende und dem Phoenix-Center als dem anderen sowie der Lüneburger Straße als Verbindung dazwischen, wäre in Gefahr“, sagt sie, „und die begonnenen Wiederbelebung der Lüneburger Straße würde ins Leere laufen.“

Ohne Karstadt würde Harburg nicht nur an Gleichgewicht verlieren, sagt der Linken-Abgeordnete Jörn Lohmann: „Ich denke da zum einen an die Arbeitsplätze, denn das sind ja nicht wenige, aber zum anderen auch an das Angebot, das es in dieser Sortimentsvielfalt nicht noch einmal in Harburg gibt“, sagt er. „Für mich wäre das ein persönlicher Verlust, denn ich kaufe gerne dort ein.“

Jahrzehntelanger Leerstand wie beim Harburg-Center wäre nicht zu erwarten

Auch der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses sowie der SPD-Bezirksfraktion, Frank Richter, ist bekennender Karstadt-Kunde. „Hier finde ich an einem Ort mehrere Alternativen zu einem Artikel und kann mich dann entscheiden, ohne in zwei oder drei weitere Geschäfte zu müssen“, sagt er. „Sollte der Konzern das Harburger Haus schließen, muss schnell ein adäquater Ersatz gefunden werden.“

Einen jahrzehntelangen Leerstand, wie beim gescheiterten Harburg-Center, sieht Richter allerdings nicht als Gefahr aufziehen: „Der Senat hat die gesamte Achse von der Nartenstraße bis zum Herbert-Wehner-Platz zum Sonderentwicklungsgebiet erklärt – unter anderem um Stillstand durch Spekulation einen Riegel vorzuschieben.“

Als bekennende Karstadt-Kunden sind Richter und Lohmann übrigens eine besondere Gattung: Seltsamerweise gehört es bei Harburgs Bürgern zum guten Ton, zu behaupten, man kaufe nicht bei Karstadt, selbst wenn man es mehrmals in der Woche tut. Das ist übrigens auch schon seit 93 Jahren so und hat dem Haus bislang nicht geschadet. Fast genauso wie die ewigen Schließungsgerüchte.

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