Jugendzentren

Die jungen Leute vermissen Gemeinsamkeit

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Das Jugendzentrum Village in Maschen zieht im Frühjahr 2020 ins Dorfzentrum um. Sozialpädagoge und Leiter Gerrit Wimmert und Erzieherin Ljudmila Schnar vor dem Haus an der Horster Landstraße, in dem das Village seit 1997 beheimatet ist.

Das Jugendzentrum Village in Maschen zieht im Frühjahr 2020 ins Dorfzentrum um. Sozialpädagoge und Leiter Gerrit Wimmert und Erzieherin Ljudmila Schnar vor dem Haus an der Horster Landstraße, in dem das Village seit 1997 beheimatet ist.

Foto: Lena Thiele / HA

Kontaktverbot in der Coronakrise trifft auch die Plätze, wo sich jungen Menschen gern treffen und Hilfe bekommen.

Meckelfeld/Maschen.  Das Telefon ist seit Wochen Susanne Thömens ständiger Begleiter. Als sie Mitte März das Jugendzentrum Meckziko in Meckelfeld wegen der Corona-Pandemie schließen musste, griff die Leiterin sofort zum Hörer, um die Eltern anzurufen und über die Ausnahmesituation zu informieren. Etwa 40 Jugendliche kommen regelmäßig zum Hausaufgabentreff in die Einrichtung der Gemeinde Seevetal, weitere 20 sind Stammbesucher im offenen Bereich. Außerdem gibt es Gruppen, wie Fußball, Chor oder Keramik.

Zusätzliches Handy für Anrufe von Jugendlichen

„Zum Glück haben alle Eltern wahnsinnig gut reagiert, niemand hat an der Entscheidung gezweifelt“, sagt Susanne Thömen. Die Erzieherin arbeitet seit 18 Jahren im Meckziko, seit diesem Jahr leitet sie das Zentrum. Um den Kontakt zu den Jugendlichen während der Schließzeit aufrecht zu erhalten, hat sie ein zusätzliches Handy angeschafft. Unter der Nummer ist das Team in diesen Wochen für die Jugendlichen und deren Eltern erreichbar. Sie können anrufen, wenn sie Probleme mit den Schulaufgaben oder der Situation zu Hause haben, aber auch, wenn sie einfach mal in Ruhe reden wollen. „Wir sind auch da, wenn jemand erzählen will, dass sein Meerschweinchen Geburtstag hat“, betont Susanne Thömen.

Das Miteinander in der Gruppe fehlt allen

Viele erzählen, was sie gerade machen, wie die Ausbildung läuft, was sich für sie verändert hat. Ein Schüler bat um Unterstützung per Video, um für seine mündliche Abschlussprüfung zu lernen. „Die meisten Jugendlichen vermissen einfach ihren Alltag“, sagt die 42-Jährige. „Vor allem fehlt ihnen das Miteinander, was sie normalerweise im Jugendzentrum, in der Schule und im Sportverein erleben. Einige tun sich auch sehr schwer, die nötige Selbstdisziplin aufzubringen, um sich zu Hause an ihre Aufgaben zu setzen.“

Zu den Besuchern des Jugendzentrums zählen auch Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten im Sozialverhalten. Für sei ist es besonders wichtig, bald wieder in eine geregelte Alltagsstruktur zurückkehren zu können.

Rätsel, Rechenaufgaben und Ideen, sich zu bewegen

Die Handynummer erreichte die Jugendlichen über den ersten von zwei Briefen, die das Team verschickt hat. Kurz vor Ostern gab es auf diesem Weg auch ein Backrezept und Anleitungen zum Basteln und Malen. Der zweite Brief enthielt Rätsel, Rechenaufgaben und Ideen zum Bewegen. Auch ein kleiner Wettbewerb wurde ausgerufen, es gab Gutscheine für die Eisdiele und Spiele zu gewinnen. Ein Tütchen mit Samen soll ebenso wie die Kreativaufgaben die Möglichkeit schaffen, die Zeit später gemeinsam aufzuarbeiten. „Schon jetzt fragen wir nach, wie die Pflanzen wachsen. Wenn wir uns wieder treffen können, werden wir die Mal- und Bastelarbeiten zu einer Collage verarbeiten“, sagt Susanne Thömen.

Sie glaubt nicht, dass die Rückkehr reibungslos verlaufen wird. Der Start in der Schule mit ihren festen Zeiten, Verpflichtungen wie das Erledigen von Hausaufgaben, dazu möglicherweise Sorgen, das Schuljahr wegen der Ausnahmesituation nicht zu schaffen und den Anschluss an die Klassenkameraden zu verlieren: „Es wird schwierig, wieder in den Alltag hinein zu finden.“ Hinzu kämen die Ängste, die gerade in dieser Altersgruppe verbreitet sind. „Die Jugendlichen machen sich viele Gedanken. Sie fragen sich, was da noch kommen wird, ob das Virus jemanden aus ihrem Umfeld treffen wird. Diese Zeit wird auf jeden Fall seelische Spuren hinterlassen.“

Das Village in Maschen zieht ohnehin gerade um

Im Village, dem Jugendzentrum in Maschen, ist Leiter Gerrit Wimmert etwas optimistischer. „Mein Eindruck ist, dass sich die Jugendlichen relativ gut eingerichtet haben. Kinder sind extrem flexibel. Die Situation ist eher für Eltern schwierig.“ Auch hier haben sich einige Jugendliche per Telefon gemeldet, andere sind spontan vorbeigekommen. Da das Team derzeit den anstehenden Umzug ins Maschener Zentrum vorbereitet, ausmistet und Kartons packt, ist meistens jemand im Haus. „Unsere Tür ist offen“, sagt Gerrit Wimmert. „Natürlich dürfen die Jugendlichen im Moment nicht ins Haus. Aber draußen haben wir einige persönliche Gespräche geführt. Die jungen Leute sind da ganz vernünftig und halten Abstand.“ Konkrete Probleme seien weniger Thema, vielmehr wollten die Jugendlichen einfach reden und sich austauschen. Den Kontakt über digitale Kanäle aufrecht zu erhalten, sei dagegen aus rechtlichen Gründen noch schwierig. Die Idee eines digitalen Cafés liegt daher erst einmal auf Eis.

Im Meckziko haben die Mitarbeiter die Zeit genutzt, um das Jugendzentrum auf Vordermann zu bringen. Der Hygieneplan wurde in Abstimmung mit der Gemeinde neu aufgestellt, Desinfektionsständer installiert, und Zettel mit Verhaltensregeln aufgehängt. „Wir haben außerdem viel aufgeräumt und ausgemistet, unsere Konzeption überarbeitet und Projekte für die Zeit nach Corona entwickelt“, sagt Susanne Thömen. Sie hält weiterhin per Telefon den Kontakt zu den Jugendlichen, um sie durch diese schwierige Zeit zu begleiten.

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