Niedersachsen

Essen für Kinder: In Wilstorf startet die Mittagsrakete

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Lars Hansen
Marion Wolkenhauer verlädt ihre Mittagsraketen-Tour

Marion Wolkenhauer verlädt ihre Mittagsraketen-Tour

Foto: Lars Hansen / xl

Alle zwei Tage holen Freiwillige bis zu 2000 Essen für Kinder an der Lessingschule ab. Ende der Woche läuft das Projekt aus.

Wilstorf. Morgens um halb neun geht es in der gemeinsamen Mehrzweckhalle der Lessing-Stadtteilschule und des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums derzeit zu, wie in einem Logistikzentrum. Eng an eng stehen die Gitterboxen in der „Arena“ und warten auf ihre Abholer. In jedem der Wagen stehen Papiertüten eng an eng in drei Ebenen. Darin befinden sich jeweils zwei Portionen Mittagessen, etwas Süßes und ein paar Aufmerksamkeiten für ein bedürftiges Kind. Alle zwei Tage werden von Wilstorf aus sowie aus einer Schulküche in Niendorf Kinder zu Hause verpflegt, die sonst in der Kita oder der Schule gegessen hätten, derzeit aber zu Corona-bedingt Hause sind. Gekocht wird von Profis, ausgefahren von Freiwilligen.

„Mittagsrakete“ heißt das Projekt, das in kürzester Zeit gestartet und in die Höhe geflogen ist. Freitag landet die Rakete. Dann soll die letzte Tour herausgehen, der Staat übernimmt. Die Meinungen dazu sind geteilt.

Anspruch auf das Bildungs- und Teilhabepaket

Noch gibt es aber anderes zu tun, als über die kommenden Wochen nachzudenken. Die Tourenfahrerinnen – Männer sind hier in der Minderheit – stehen auf Abstand Schlange, holen sich ihre Tourennummer und suchen sich ihre Gitterbox. Unter ihnen ist auch Marion Wolkenhauer, 58, Polizistin, SPD-Bezirksabgeordnete und heute mal wieder Tütenkellnerin.

„Die Bezirkspolitik ruht und durch meinen Schichtdienst habe ich öfter mal vormittags Zeit“, sagt sie, während sie 40 Tüten in ihren kompakten Mittelklasse-Opel lädt. „Man tut etwas Gutes und kommt viel in der Stadt herum. Und man sieht die Bedürftigkeit der Kinder. Es wäre schade, dies Projekt zu stoppen.“

Empfänger der Tüten sind Kinder, die Anspruch auf das Bildungs- und Teilhabepaket für Einkommensschwache haben. Dazu gehört eigentlich auch ein kostenloses Mittagessen in der Kindertagesstätte oder der Schule. Während der Schließung dieser Einrichtungen sprang die „Mittagsrakete“ für die Bedürftigsten ein.

Gründer des Vereins waren hauptsächlich Familienrichterinnen

Gründer des Vereins waren hauptsächlich Familienrichterinnen und Richter, die mitbekamen, wie sehr einzelne Kinder darunter litten, nicht mehr verpflegt zu werden. Mit dem Schulcaterer „Mammas Canteen“ als Partner für das Praktische startete die „Mittagsrakete“ Anfang April. Die Jugendämter melden bedürftige Kinder an den Verein. Der nimmt sie in seinen Plan mit auf.

„Die Abnehmer der ersten Fuhre waren 100 Kinder. Jetzt geben wir in der Spitze schon 2000 Essen aus“, sagt „Mammas Canteen“-Gründer Okan Saiti. „Wir mussten dabei viel dazu lernen, denn liefern hatten wir nie geübt.“ 2000 Kinder sind nur ein Bruchteil der Berechtigten. Die Zahl der Teilhabe-Paket-Berechtigten liegt in Hamburg zwischen 70.000 und 80.000, davon, so schätzen Insider, sind 50.000 Kinder im Kita-und Schulverpflegungsalter.

Gesetzesänderung auf Bundesebene

„Mittagsraketen“-Sprecherin Esther Rosenboom findet es deshalb in Ordnung, dass die Stadt jetzt übernimmt, nachdem eine Gesetzesänderung auf Bundesebene dies möglich machte: „Unsere Raketenmission ist erfüllt. Wir sind sehr froh, dass wir viele Familien während der Zeit der Kita- und Schulschließungen unterstützen konnten. Wir danken bereits jetzt den unfassbar vielen engagierten Hamburgerinnen und Hamburgern, die uns bei unserem Projekt mit Spenden und tatkräftiger Unterstützung geholfen haben!“

Ab Montag sollen die Kitas wieder selbst Essen ausgeben – auch für Kinder, die nicht in der Notbetreuung sind. Ihre Eltern können das Essen in der Kita abholen. Ähnlich, so heißt es aus der Hamburger Schulbehörde, wird an den Schulen verfahren.

Eine Vereinbarung mit den Caterern ist in Arbeit. „Ich frage mich allerdings, wie Eltern, die Kinder in verschiedenen Einrichtungen haben, das bewerkstelligen sollen“, sagt Praktiker Okan Saiti. „Das wird ja ein richtiger Mittagstourismus. Da muss zumindest für den Übergang noch eine schlaue Lösung erarbeitet werden! Vor den Sommerferien ist mit regulärem Betrieb in den Schulen ja nicht realistisch zu rechnen.“

Die Mehrzweckhalle am Hanhoopsfeld hat sich inzwischen geleert. Das Küchenpersonal putzt und räumt auf. Für Mitarbeiter und Helfer stehen Kaffee und Franzbrötchen bereit. Draußen lädt Marion Wolkenhauer die letzten Tüten in den Opel. Heute hat die Hausbrucherin fast ein Heimspiel: Francop, Cranz und Finkenwerder. „Ich war aber auch schon in Sankt Pauli, Lurup und in Mümmelmannsberg unterwegs“, sagt sie – und düst mit dem Essen für die Kinder davon.

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