Hilfe gegen Corona

Änderungsschneider werden zu Maskenbildnern

| Lesedauer: 11 Minuten
Hanna Kastendieck
Annabell und ihre Mutter Anke Heurich probieren die Alltagsmasken, die die Zehnjährige für den Verkauf genäht hat.

Annabell und ihre Mutter Anke Heurich probieren die Alltagsmasken, die die Zehnjährige für den Verkauf genäht hat.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die ab Montag geltende Maskenpflicht führt dazu, dass Schneider vermehrt Mundschutze nähen. Die Jüngste an der Nähmaschine ist gerade zehn.

Harburg/Landkreis. Normalerweise näht Ali Kalem edle Kleidungsstücke nach Maß. Blazer und Sakkos, Abendkleider und Anzüge. Doch in den vergangenen Wochen musste er das Geschäft geschlossen halten. Die Zeit hat der Schneidermeister mit türkischen Wurzeln genutzt und aus der Not eine Tugend gemacht. Inzwischen ist er ein Profi, was das Nähen von Alltagsmasken angeht. Die Masken sollen helfen, die Verbreitung infektiöser Tröpfchen einzudämmen. Ab Montag sind diese Masken in Bussen und Bahnen sowie beim Einkaufen in Lebensmittelgeschäften und auf dem Wochenmarkt auch in Hamburg und Niedersachsen Pflicht. Denn die Masken können einen wesentlichen Teil zur Eindämmung der Coronapandemie beitragen.

Aber Maske ist nicht gleich Maske. Das weiß auch Ali Kalem. Wie bei all seinen Schneiderwerken setzt der Harburger auch bei diesem Produkt auf Qualität. „Meine Masken sind aus Naturbaumwolle, das ist in Harburg einmalig“, sagt Ali Kalem. „Darüber hinaus können sie ganz individuell bestickt werden mit kleinen Logos, Bildern oder Schriftzügen.“ Dass ein richtig guter Stoff die Grundlage für jedes Kleidungsstück ist, hat er von seinen Urgroßeltern gelernt. „Sie hatten Schafe in der Türkei und haben daraus eigene Stoffe aus Schafswolle gewebt. Das war 1-A-Qualität.“

Heute ist Ali Kalim das einzig übrig gebliebene Familienmitglied, der das Handwerk seiner Familie verfolgt und weiterentwickelt. In seiner Schneiderei an der Winsener Straße in Harburg bietet er auch seltene Dienstleistungen wie Kunststopfen und Maßanfertigungen an. Auch bei den Masken achtet Ali Kalem darauf, dass diese perfekt um Mund und Nase sitzen. Für Kunden, die gleich mehrfach gut ausgestattet sein wollen, gibt’s einen Mengenrabatt: eine Maske gibt’s für acht, zwei für 15 und drei für 20 Euro.

Ein paar Kilometer weiter in Hittfeld bietet Yusuf Erdem in ihrer Änderungsschneiderei in der Kirchstraße Schnabelmasken aus reiner Baumwolle an. Die gelernte Zahnarzthelferin, die viele Jahre bei der Arbeit eine Maske tragen musste, weiß genau, worauf es beim Produkt ankommt: „Auf den Tragekomfort.“ Aus diesem Grund heraus hat Erdem – anders als die meisten ihrer Konkurrenten – die Maske so genäht, dass diese mit den Gummibändern hinterm Kopf anstatt hinter den Ohren zu fixieren ist. „Das ist viel bequemer und verhindert Segelohren“, sagt sie. Acht Euro nimmt die Schneiderin für eine Maske, die aus zwei Stofflagen besteht.

Alla Faber von der gleichnamigen Änderungsschneiderei in Rönneburg ist eine der wenigen Schneiderinnen, die noch einen Schritt weiter geht, wenn es um die Undurchlässigkeit der Masken geht. Sie hat sich dazu entschlossen, jede Maske dreilagig zu nähen. An der Seite gibt es die Möglichkeit, einen Filter hineinzustecken. Zehn Euro nimmt sie pro Stück. Die Nachfrage ist riesig. „Ich muss ständig neue Masken nähen, um hinterherzukommen“, sagt sie.

Auch Renate Gehrke von der Luhe Schneiderei in Winsen kommt mit der Herstellung von Behelfsmasken kaum noch hinterher. Glücklicherweise hatte sie einen großen Stoffvorrat an wirklich schönen Baumwollstoffen im Lager. Karos und Blumen und Herzen sind darauf, die Kindermasken zieren Elefanten, Küken, Bagger und Radlader. Neben den bunten Angeboten gibt es aber auch ganz schlichte Modelle in Schwarz, Braun, Grau oder Beige.

„Die Masken sind zweilagig genäht und haben an der Nase einen Bügel, der verhindert, dass bei Brillenträgern die Gläser beschlagen“, sagt Renate Gehrke. Über die Befestigung lässt sie Kunden gern selbst entscheiden. Gummibänder hinter den Ohren oder hinter dem Kopf sind möglich, ebenso Bänder zum Schnüren. „Gummibänder aber sind praktischer und angenehmer“, findet die Schneiderin. „Allerdings sind diese im normalen Handel kaum noch zu kriegen.“ Die Winsenerin muss sich darüber glücklicherweise keine Gedanken machen. „Mein Großhändler fährt einmal in der Woche nach Holland zu seiner geheimen Gummibandquelle“, sagt sie. „Von dort bringt er 6000 Meter Gummiband mit. Und ich bekomme davon, soviel ich eben benötige.“

In Buchholz beschäftigt sich unter anderem Schneiderin Antonia Heins seit ein paar Tagen auf organisch angepasste Schnabelmasken mit Nasenbügel. „Ich biete als eine der wenigen Schneidereien auch Masken für Kleinkinder unter sechs Jahren an“, sagt sie. Kosten: 7,50 Euro das Stück.

Annabel Heurich ist die jüngste Maskenschneiderin in der Region. Schon früher hat Annabel genäht. Kleidchen für ihre Puppen, Decken für das Pony und unzählige Portemonnaies. Früher, das war vor zwei Jahren. Da war Annabel acht und bereits ein echter Profi an der Nähmaschine. Jetzt hat die Zehnjährige die schulfreie Zeit genutzt, um auch für andere zu nähen. Doch diesmal ist es ein „Kleidungsstück“, das alle gut gebrauchen können. Weit über 100 Stück Alltagsmasken hat die Schülerin der Rudolf-Steiner-Schule bereits fertig gestellt. Für Kinder, Teenager und Erwachsene. Die Stoffe dafür hat sie im Vorratslager ihrer Mutter gefunden. 100 Prozent Baumwolle, waschbar bis 60 Grad.

Die Idee für das Nähen von Schnabelmasken hatte ihre Mutter Anke Heurich. Die ist vom Fach, was Mode angeht, hat textiles Management an der Akademie Mode & Design in Hamburg studiert und bis zur Geburt ihrer Tochter Jolina beim Otto-Versand die Baby-Kollektion betreut. Während der Elternzeit begann sie damit, Lederpuschen für ihr kleines Mädchen zu nähen. Aus der Idee ist vor zehn Jahren der erste eigene Schuhladen entstanden.

Gefertigt werden die Puschen noch immer zum Teil in der heimischen Werkstatt. Dorthin hat sich Annabel in den vergangenen Tagen gemeinsam mit ihrer Schwester immer wieder zurückgezogen. Sie hat Stoffe zurechtgeschnitten, Gummibänder abgemessen und bis Mitternacht an der Nähmaschine gesessen. Die fertigen Masken verkauft sie seit Montag für fünf Euro in den Geschäften ihrer Mutter und schafft mit dieser Entscheidung eine Win-win-Situation. „Die Kunden bekommen im Laden eine Maske, die sie im Alltag nutzen können“, sagt Annabel, „und gleichzeitig sorgen sie beim Schuhkauf vor Ort dafür, dass unsere Mitarbeiter geschützt sind.

Anbieter

Fast alle Schneidereien bieten aktuell Alltagsmasken – am besten auf Bestellung – an. Bei diesen Anbietern hat das Abendblatt nachgefragt:

Änderungsschneiderei Eißendorf, Femerlingstraße 13: Masken mit Einführung für Filter, größenverstellbar, 5 Euro. Kontakt: 040/35 98 88 94.

Maßschneiderei Kalem, Winsener Straße 43: Masken aus Naturbaumwolle, doppellagig, 8 Euro. Kontakt: 040/763 68 27.

Änderungsschneiderei Dursun Bedir, Harburg Arcaden: Masken in vier Varianten von einlagig bis doppellagig mit Schlitz für Filter, 3 bis 8 Euro. Kontakt: 040/30 38 59 55.

Änderungsschneiderei Vera Schledewitz, Süderelbebogen 1-3: Masken doppellagig mit Gummiband, 4 Euro. Kontakt: 0173 425 32 70.

Änderungsschneiderei A. Faber, Vogteistraße 20: Masken dreilagig mit Filtereinsteckmöglichkeit, 10 Euro. Kontakt: 040/764 70 139.

R.W.S Textilpflege, Phoenix-Center: Masken einlagig, Stück 8 Euro, zwei Stück 15 Euro, vier Stück 25 Euro. Kontakt: 040/85 10 34 83.

Änderungsschneiderei Yusuf Erdem, Kirchstraße 24, Hittfeld: Masken zweilagig, 8 Euro. Kontakt: 04105/77 03 903.

City-Änderungsschneiderei, City-Passage Winsen: Masken ein- und zweilagig, 5 Euro. Kontakt: 04171/6 43 85.

Maß-Änderungsschneiderei Saaid, Marktstraße 20, Winsen: Masken zweilagig, Schlitz für Filter, 7 Euro. Kontakt: 04171/79 57 59.

Die Luhe Schneiderei, Renate Gehrke, Schanzenring 29: Masken zweilagig, Fach für Filter, Bügel für Brillenträger, 7 Euro. Kontakt: 04177/665 90 37.

Avci Änderungsschneiderei, Hamburger Straße 2a, Buchholz: Faltmasken zweilagig, alle Größen, 5 Euro. Kontakt: 04181/9 86 59.

Schneiderei Antonia Heins, Buchholz: Masken mit Nasenbügel, auch für Kleinkinder, 7,50 Euro. Kontakt: 04181/997 94 90.

Prinz & Prinzessin, Buchholz, Breite Straße 8: Schnabelmasken zweilagig mit Öffnung für Filter, alle Größen, 5 Euro. Kontakt: 04181/940 57 53.

Apotheken

Die Apotheken gelten als gute Adresse für alle, die sich jetzt mit Schutzmasken gegen den Coronavirus versorgen wollen.

Aus der niedersächsischen Apothekerkammer heißt es: „Die Apotheken bemühen sich, die Masken zu bekommen, sowohl für den Eigenbedarf als auch für ihre Kunden.“

Für Hamburg ist der Präsident der Apothekerkammer, Kai-Peter Siemsen, überzeugt: „Eine erste Grundausstattung kriegen wir mit ein paar Lücken in jedem Fall hin.“ Allerdings würden nicht an allen Standorten jederzeit Masken zur Verfügung stehen.

Im Kreis Harburg gibt 50 Apotheken, in Hamburg 392, in Niedersachsen sind es 1866.

Einfache chirurgische Masken sind im Paket zu 50 Stück zu haben. Sie sind getestet und schützen mit einem dreilagigen Vlies. Ein 50er-Paket wird für 55 bis 70 Euro verkauft. Eine Maske solle nicht länger als acht Stunden getragen werden und nicht durchfeuchtet sein.

Masken für Kinder

Auch Kinder können eine Maske tragen – allerdings nur unter gewissen Bedingungen und ab einem gewissen Alter, erklärt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Denn damit die Maske andere Menschen gut schützt und dabei den Träger nicht zusätzlich gefährdet, sollte man ein paar Punkte beachten: So muss die Maske Kinn bis Nasenrücken vollständig bedecken und dabei keine Öffnungen bilden.

Einmal aufgesetzt, sollte der Träger sie möglichst nicht berühren. Vor allem Letzteres klappt bei Kindern vermutlich nur, wenn Eltern immer wieder darauf hinweisen – je jünger das Kind, desto öfter.

Experten gehen davon aus, dass Kinder unter zwei Jahren wohl kaum eine Maske werden tragen können.

Bei Älteren sollte man es zumindest in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen probieren. Beim Toben an der frischen Luft soll die Maske wegen Verletzungsgefahr abgenommen werden.

Richtige Benutzung

Unterschieden wird zwischen Alltagsmasken aus handelsüblichen Stoffen für den privaten Gebrauch, dem medizinischen Mund-Nasen-Schutz (OP-Masken) zum Fremdschutz und Filtrierenden Halbmasken (FFP2/FFP3) zum Eigen- und Arbeitsschutz.

Für Alltagsmasken gilt für die Wiederverwendung: Die Masken sollten nur für den privaten Gebrauch genutzt werden und der Träger sollte die gängigen Hygienevorschriften (Abstand halten, Hände Waschen etc.) weiterhin einhalten.

Die Maske muss richtig über Mund, Nase und Wangen platziert sein und an den Rändern möglichst eng anliegen.

Nach dem Absetzen der Maske sollten die Hände gründlich gewaschen werden. Die Maske sollte nach Möglichkeit sofort bei 60 bis idealerweise 95 Grad gewaschen werden.

Nach dem Waschen ist es sinnvoll, die Maske zu bügeln. Das Bügeleisen erreicht hohe Temperaturen und tötet daher ebenfalls Viren ab.

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